Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 89

Der Leuchtstein von der Nilquelle.

01] Als wir alle nach und nach auf dem uns schon bekannten Berge ankamen und unsere Plätze einnahmen, da trat der alte Markus mit seinem Weibe und seinen Kindern zu Mir hin und bat Mich inständigst, daß Ich doch noch den kommenden Tag über bei ihm verbleiben möchte, da es ihm zu schmerzlich vorkomme, so Ich ihn schon vor dem Aufgange verließe.
02] Sagte Ich: »Sei du darum unbesorgt! Ich kann gehen und bleiben, Mich nötigt keine Zeit; denn Ich bin auch ein Herr der Zeit und aller Zeiten! Mir wächst keine Zeit je über dem Haupte zusammen. Es gibt aber noch viele Orte, die Ich besuchen muß und besuchen werde; aber gerade auf einen Tag und auf eine Stunde kommt es bei Mir dort nicht an, wo Ich eine wahre, lebendige Liebe gefunden habe.«
03] Sagt Markus, mit Tränen in den Augen: »O Herr und Vater, ewig Dank Dir für diese übergroße Gnade! Dein allein heiliger Wille geschehe! Aber, Herr, die Nacht ist sehr finster, weil die Wolken den Himmel sehr dicht überzogen haben; soll ich nicht Fackeln herauftragen lassen?«
04] Sage Ich: »Laß das, wir werden uns schon Licht verschaffen!«
05] Hierauf berufe Ich den Raphael und sage zu ihm: »In Afrikas Mitte, da, wo die hohen Komrahai-Berge stehen und des Nils erste Quelle einem Felsen entsprudelt, wirst du zehn Manneshöhen unter dem Gerölle einen Stein von der Größe eines Menschenkopfes finden; den schaffe Mir her, er soll uns diese Nacht erhellen zur Genüge! So du ihn aber wirst hierhergebracht haben, dann lege ihn auf jenen kahlen Baumstamm, auf daß sein Licht weithin dringe und die Gegend erleuchte! Daß Ich mit dir aber nun also geredet habe wie mit einem Menschen, geschah eben um der Menschen willen, auf daß sie wissen sollen, was da zu geschehen hat, und Meine Macht erkennen in deiner Ausführung Meines Willens.«
06] Mit dem verschwand Raphael, war aber jedoch gleich einem fliegenden Lichtmeteore sogleich wieder samt dem sonnenhell leuchtenden Steine bei uns.
07] Bevor aber Raphael den Stein noch auf den bezeichneten hohlen und kahlen Baumstamm legte, verlangten mehrere, den Stein näher in Augenschein zu nehmen.
08] Als ihn aber Raphael sehr in die Nähe brachte, konnte denselben vor lauter Lichtstärke niemand anschauen, weil er nahe ein so starkes Licht von sich ließ, wie die Sonne für die Erde an einem kürzesten Wintertage, das heißt fürs Sehgefühl der menschlichen Fleischaugen, und es blieb demnach dem Raphael nichts anderes übrig, als den Leuchtstein sogleich an den Ort seiner Bestimmung zu legen. Von dort erleuchtete sein intensivstes Licht die Umgegend so bedeutend, daß man weithin noch alles recht gut ausnehmen konnte.
09] Daß sowohl Zinka mit seinen Leuten und ganz besonders aber Zorel sich vor lauter Verwunderung kaum zu atmen getrauten, läßt sich leicht begreifen. Zorel strengte sich an, etwas so recht Kernvernünftiges darüber zu sagen; aber er brachte nichts heraus, weil sich ihm hier nach seinen noch sehr mathematisch stereotypen Begriffen logische Unmöglichkeiten in der Erscheinung der schnellen Steinherbeischaffung und in dessen vehementestem Leuchten entgegenstellten, denen seine Erfahrungen und seine Wissenschaften keinen Sieg abnötigen konnten. Er war fürs erste mehrere Male mit seinen Sklavinnen in Ägypten, und einmal noch ein paar Tagereisen weit hinter den Katarakten gewesen. Es war ihm darum die Entfernung der hinterägyptischen Gegenden nicht ganz unbekannt, da er mit guten Kamelen bis zu den Katarakten stets fünf bis sechs Wochen Reisezeit benötigte.
10] Nach seiner Berechnung würde diese Strecke ein Orkan in drei Tagen und ein Pfeil diese Reise in einem Halbtage zurücklegen. - Welche Schnelligkeit in der Bewegung muß sonach der Junge gehabt haben, um eine sicher dreimal so lange Strecke in wenigen Augenblicken zurückzulegen! Ist der Junge ein Geist, - wie konnte er eine Materie tragen, und wie konnte die Materie, selbst von der härtesten Art, vor der Zerstörung durch den Widerstand der Luft geschützt werden?! Das gibt es in den Naturgesetzen nicht! Dann kommt dazu das ganz hitzlose, sonnenähnlich intensivste Licht; das gibt es auch nicht! Keine Erfahrung hat das noch je irgend entdeckt, außer beim faulenden Holze, dessen Leuchten aber eigentlich auch nur ein so matter Schimmer ist, daß er in der Nacht, selbst in höchster Potenz, nur kaum dem Leuchten der Sonnenwendewürmer gleichkommt!
11] Also dachte unser Zorel eine Zeitlang und sagte nachher zu Kornelius und Zinka; »Das will ich denn doch ein wahrhaftes Wunder nennen; denn so etwas hat bisher auf der Erde noch nie stattgefunden! Was etwa doch das für eine Steinart sein wird? Von allen Zeiten bis jetzt ist ein solcher Stein noch nie entdeckt worden! Welchen Wert müßte ein solcher Stein für einen Kaiser oder für einen König haben, vorausgesetzt, daß er sein Licht mit der Zeit nicht einbüßt! Denn an der weitgedehnten Küste Afrikas bis sehr weit hinter die Herkulessäulen, bis in die Gegenden, wo des hohen Atlas Ausläufer den atlantischen Ozean begrüßen, sieht man im Spätsommer ebenfalls hie und da sehr weiße und in der Nacht zu gewissen Stunden sehr stark leuchtende Steine; aber ihr Leuchten dauert nicht lange, und läßt man einen solchen Stein in ein trockenes Gemach bringen, so ist's mit seinem Leuchten bald aus, und der Stein hat darum keinen Wert mehr. Mit diesem Steine aber scheint es eine ganz eigentümliche Bewandtnis zu haben! Der wird sein Licht sicher nimmer verlieren und muß darum einen unsäglichen Wort haben!«
12] Sagt Kornelius: »Nicht nur des Leuchtens wegen, sondern vielmehr dessen wegen, durch den er hergeschafft ward! Aber lassen wir nun das! Morgen am Tage werden wir ihn schon leichter besichtigen und beurteilen können als heute; denn da werden unsere Augen durch der Sonne Licht weniger empfindlich sein denn eben heute, das heißt nun in dieser dicken Nacht, in der das Gewölke zu einem tüchtigen Landregen ein allen gesegnetstes Gesicht macht. Nun seien wir aber ruhig; denn der Herr wird erst das beginnen, was Er uns unten am Tische verheißen hat!«
13] Mit dem begnügt sich Zorel und ist nun ganz Aug' und Ohr.
14] Es tritt aber nun Ouran zu Mir hin und sagt: »Herr, was wird morgen mit dem Steine geschehen, und wird er wohl sein Licht stets behalten?«
15] Sage Ich: »Mit dieser Frage hast du so ganz eigentlich den Wunsch an den Tag gelegt, daß du ihn für deine Kronen besitzen möchtest! Aber es geht das nicht; denn es könnten wegen der Eroberung dieses Steines große und sehr verderbliche Kriege entstehen. Daher wird ihn morgen Mein Engel wieder dahin zurückstellen, von woher er ihn geholt hat, und das macht dann allem Streite für immer ein Ende.«
16] Mit dem Bescheide begnügt sich Ouran vollkommen und tritt wieder an seinen Platz zurück.
17] Aber Cyrenius sagt dennoch: »Herr! Als ein Geschenk an den Kaiser würde dieser Leuchtstein sicher einen mächtigen Eindruck machen.«
18] Sage Ich: »Das ganz gewiß, er würde aber am Ende seines zu hohen Wertes wegen auch dort zu Kriegen sein Lichte herleihen, und das wäre recht schlimm! Einige Körnchen davon sollst du wohl schon haben, - aber den ganzen Stein ja nicht!«
19] Sagt Cyrenius: »Aber wie und auf welche Weise ist denn diesem Steine diese Leuchtfähigkeit inne? Welchen Namen hat er wohl?«
20] Sage zu: »Diese Steine gehören eigentlich nicht dieser Erde an, sondern sind nur in der großen Sonnenwelt einheimisch. Nun, in der großen Sonnenwelt aber gibt es von Zeit zu Zeit große Eruptionen von einer für eure Begriffe allerunmeßbarsten Kraftäußerung, von der gar oft solche Steine ergriffen und mit der größten Wurfgewalt in den weiten Schöpfungsraum hinausgeschleudert werden. Und da hast du einen davon!
21] Ihr Leuchten rührt allein von ihrer über alle deine Begriffe allerglattesten Oberfläche her, an der sich beständig eine Menge Blitzfeuer ansammelt und die in die überaus harte Materie gebannten Geister zur Tätigkeit eben durchs benannte Feuer stets von neuem auffordert. Zudem ist dieser Stein im höchsten Grade durchsichtig, und es wird demnach gar leicht jede auch innerste Geistertätigkeit in der äußern Erscheinlichkeit des Leuchtens tätig ersichtlich und natürlich durch die Außentätigkeit der an der höchst glatten Oberfläche der Kugel schnell vorbeigleitenden Geister der Luft im hohen Grade vermehrt.
22] Diese Steine aber werden in der Sonne nicht etwa in der Natur schon also angetroffen, sondern auch erst durch die Kunst und durch die Hände der dortigen Menschen dazu präpariert. Sie werden zumeist schon in der runden Form gefunden in der Gegend großer Gewässer und entstehen stets bei Ausbrüchen. Es werden da im höchsten Grade geschmolzene mineralische Elemente weit in den mit Äther erfüllten Raum hinausgetrieben und nehmen im freien Raume stets die runde Gestalt eines Tropfens an, nach dem in alle Materie gelegten, dem Mittelpunkte zustrebenden und denselben suchenden Ruhegesetze.
23] Das Zurückfallen solcher Kugeln, die von sehr verschiedener Größe sein können, dauert oft Tage, Wochen, Monate und bei größeren oft viele Jahre, je nachdem sie mehr oder minder weit von der Sonne entfernt hinausgeschleudert worden sind. Nun, manche fallen auf der Sonne Gebirge und Felsen und zerschellen sich; aber viele fallen in die großen Gewässer, bleiben unbeschädigt und werden leicht von den Menschen der Sonnenwelt herausgeholt. Denn die Sonnenmenschen können ganz leicht oft stundenlang unterm Wasser verbleiben und auf dem Meeresgrunde arbeiten wie auf dem trockenen Lande, und das um so leichter, weil sie nebst solcher nahe amphibienartigen Eigenschaft noch ganz überaus zweckmäßige Taucherinstrumente besitzen.
24] Wenn ein großes Sonnenhaus sich mit solchen Kugeln hinreichend versehen hat, so werden sie, trotzdem sie schon ohnehin eine äußerst glatte Oberfläche besitzen, mit allem Kunstfleiße noch mehr geglättet und poliert, und zwar bis auf den Grad, wo sie unter dem Polieren zu leuchten anfangen. Ist die Polierung einmal bis auf den Punkt gediehen, so werden sie in den häufig vorkommenden unterirdischen, katakombenartigen, langen Gängen, durch die stets ein starker Luftzug geht, als Leuchtkugeln auf eigens dazu hergerichtete Säulen gelegt und beleuchten sogestaltig mehr als zur Genüge die unterirdischen Gänge und dienen zugleich als besondere Zierde solcher Gänge, auf die besonders in der Sonnenwelt sehr gesehen wird; denn daselbst ist nicht selten ein ganz gewöhnliches Wohnhaus schon bei weitem gezierter und geschmückter, besonders inwendig, als in Jerusalem der Salomotempel. Und so läßt sich's wohl auch denken, daß die Sonnenmenschen, besonders die des Mittelgürtels, auch für die Verzierung ihrer unterirdischen Gänge alles mögliche aufbieten.
25] Jedoch, wir sind hier nicht versammelt, um eine Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt zu erzielen, sondern der Stärkung eures Glaubens und Willens wegen. Dieses aber zu erreichen, dazu gehört ganz was anderes als eine noch so genaue und umfassende Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt!«
26] Fragt Cyrenius: »Herr! Wenn aber diese Leuchtkugel also über alle Diamanten kompakt ist, wie wird man von ihrer Oberfläche irgendwelche einzelne Körner ablösen können, die ich zum Gedächtnisse für diesen Abend gar so gerne besitzen möchte?!«
27] Sage Ich: »Du denkst manchmal auch noch sehr irdisch! Dort, von wo diese Leuchtkugel her ist, gibt es noch eine Menge, sei es nun in Afrika oder in der Sonne selbst, - für Meinen Engel ist es überall gleich weit. Von dieser Leuchtkugel wird, ohne sie zu zerstören, freilich wohl kein Sterblicher irgend ein paar Körner herausbekommen können, und würde er die Kugel zerstoßen wollen, so würden die Stücke die Eigenschaft des Leuchtens auch sogleich einbüßen; aber die kleinen Kügelchen werden die Leuchteigenschaft gleichfort beibehalten. - Aber nun vollernstlich genug von dieser Sache!«


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