Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 91

Die Fortbildung armer Seelen im Jenseits.

01] (Der Herr:) »Wenn nun laut dieses fürs Sein und Leben nötigsten und unwandelbaren Prinzips eine sogenannte arme und nackte Seele drüben sogleich mit einem Geiste, wie zum Beispiel unser Raphael hier einer ist, zusammenkäme, so würde sie von ihm sogleich also verschlungen, wie da verschlingt das Meer einen einzelnen Wassertropfen. Es ist darum von Mir aus die Fürsorge durch die ganze Unendlichkeit getroffen, daß ein kleines, schwaches und noch sehr blödnacktes Leben immer also exponiert wird, daß es wie einzeln für sich dasteht und sich ihm nur solche Lebenspotenzen nahen dürfen, die sicher nicht in irgend etwas um vieles stärker sind als das einzeln für sich in seiner Abödung und Nacktheit dastehende Leben.
02] Solche Lebenspotenzen können sich nicht verschlingen, weil die einzelnen Ichheiten von gleicher Kraft und Stärke sind; aber sie bilden dennoch Vereine unter sich und halten Rat, aus dem aber nie viel Ersprießliches herauskommen kann, weil die Weisheit von einem jeden Einzelwesen nahe auf ein Haar die gleiche ist. Stellet euch einen Ratsverein von lauter blitzdummen Menschen vor, die etwas recht Weises beschließen und endlich mit vereinten Kräften ausführen möchten! Was wohl wird aus ihren Beratungen hervorgehen? Nichts als dummes Zeug!
03] Wir haben auf dieser Erde, und zumeist auf ihren Inseln, noch heutzutage Völkerschaften, die ihre Inseln ganz ungestört seit Adams Zeiten bewohnen; es sind das Kains Nachkommen, die heute noch auf derselben Kulturstufe stehen, auf der sie vor zweitausend Jahren gestanden sind. Ja, warum haben sie denn in ihrer Kultur gar keinen Fortschritt, sondern nur eher einen Rückschritt gemacht mit allen ihren häufig vorkommenden Rathaltungen? Weil unter ihnen der Weiseste dümmer und blinder ist denn hierzulande ein noch so blöder Schweinehirt! Wenn aber der Weiseste schon nichts weiß, was sollen dann erst die andern wissen, die sich bei ihm Rates erholen?!
04] Man wird freilich hier fragen und sagen: "Ja warum hat Gott denn zu solchen Völkern keine von Seinem Geiste erfüllte Propheten gesandt?" Da sind wir nun eben zu dem Hauptpunkte gekommen!
05] In diesen Völkern wohnen noch viel zu unreife und nackte Seelen. Eine höhere Offenbarung würde sie verschlingen und verpanzern mit einem Gerichte, aus dem sie nimmer frei zu machen wären. Die höchste und reinste Wahrheit würden sie in den dicksten Aberglauben umwandeln und sich darin derart begründen, daß dann am Ende Ich Selbst sie durch kein Mittel mehr daraus erlösen könnte.
06] Es ist daher notwendig, daß sie noch bei tausend Jahre lang also, wie sie sind, verbleiben. Nach dieser Zeit erst sollen sie Besuche von pur verstandesgeweckten Menschen bekommen und von diesen aber noch lange keinen Unterricht, sondern nur ein sie nur ein wenig weckendes Beispiel bekommen. Sonach soll ihnen von Zeit zu Zeit zu öfteren Malen eine solche sie weckende Überraschung zuteil werden. Wenn das ein paar Jahrhunderte hindurch geschieht, dann werden solch nackte Völker etwas mehr bekleidet werden, leiblich und seelisch, und sodann erst nach und nach für eine höhere Offenbarung reif sein.
07] Und gerade also, und noch um ein bedeutendes mühsamer, geht im großen Jenseits die Fortbildung und Lebensvollendung einer ganz nackten Naturseele vor sich. Sie muß so lange in aller Lichtlosigkeit für sich dastehend belassen werden, bis sie, durch die eigene Not gedrungen, sich aus ihrer mehr denn noch halbmateriellen Lethargie aufrüttelt und so über was immer bestimmtere Gedanken in ihrem Herzen zu denken beginnt.
08] Werden die Gedanken immer ausgeprägter und bestimmter umrissen, so fängt es in einer solchen Seele dann ganz leise zu dämmern an, und sie beginnt einen Grund zu bekommen, auf dem sie ein wenig stehen und nach und nach auch ein wenig umhergehen kann. Dieses Umhergehen entspricht dann dem Übergehen eines Gedankens in einen andern und einer Empfindung in die andere. Es ist das ein Suchen, und dem Suchen muß irgendein Finden folgen, weil sonst der Sucher, so er zu lange gar nichts finden möchte, am Ende infolge seiner fruchtlosen Mühe erlahmen und also zurückfallen müßte in die alte Lethargie.
09] Aber wie die emsig zu suchen anfangende Seele nur irgend etwas findet, so gibt ihr das einen neuen und erhöhten Impuls zu einem noch weiteren und emsigeren Suchen und Forschen, und wenn sie gar Spuren vom Dasein ihresgleichen findet, so jagt sie diesen gleich einem Spürhunde nach und ruht nicht eher, bis sie etwas gefunden hat, das ihr wenigstens ein nahes Dasein von ihresgleichen bezeugt.
10] Durch dieses stets potenziertere Suchen wird sie aber auch reifer und sucht sich zu sättigen mit allem, was sie irgend wie zufällig zur Umhüllung ihres substantiellen Seelenleibes findet. Hie und da findet sich auch etwas, wenn auch noch so Mageres, zur Füllung ihres Magens und zur Stillung ihres oft brennenden Durstes. Denn wird es in einer Seele einmal so recht begierlich infolge des inneren, stets lebendiger werdenden Lebensfeuers, da findet sich dann stets ein mehreres irgend vor, für das in der Seele irgendein Bedürfnis wach wird.«


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