Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 88

Inhaltsübersicht:


Die verschiedenen Ansichten über das Wesen Jesu.

01] Der Wein aber fing an, an den Tischen die Zungen zu lösen, und es ward darum stets lebhafter und lebhafter. Es entstanden sogar verschiedene Meinungen über Mich, und man könnte sagen, daß hier beim Abendmahle eine erste Kirchenspaltung vor sich ging. Einige behaupteten, daß Ich ganz unmittelbar das allerhöchste Gottwesen sei; andere sagten aber: Ich sei das wohl, aber nicht unmittelbar, sondern mittelbar. Wieder andere sagten: Ich sei eigentlich nur ein Sohn Davids laut der Abkunft und sei zum Messias des Davidschen Reiches bestimmt und darum mit der Wunderkraft Davids und mit der Weisheit Salomos ausgerüstet. Noch andere meinten: Ich sei ein Erster Engel der Himmel, nun auf Erden pro forma im Fleische wandelnd, und habe noch einen Adjutanten aus den Himmeln bei Mir.
02] Ein Teil, zu dem sich sogar Meine Apostel teilweise schlugen, erklärte Mich für den Sohn des Allerhöchsten. Ich hätte zwar dieselben Eigenschaften wie Mein Vater, sei aber dennoch eine ganz andere Persönlichkeit, und es möchte etwa also auch der oft besprochene Geist Gottes am Ende gar noch eine dritte Persönlichkeit ausmachen, die in gewissen Fällen für sich ganz allein ein Wörtlein zu reden hätte!
03] Mit dieser Meinung waren jedoch nur sehr wenige einverstanden. Einige fragten Petrus, was er denn meine.
04] Petrus aber sagte: »Er, der Herr Selbst, hat uns, als wir in dieser Gegend umherfuhren, befragt, was die Leute von Ihm hielten, wer Er sei, und was endlich wir selbst von Ihm hielten. Da ward auch dies und jenes behauptet, und als am Ende ich befragt ward, sagte ich es auch geradeheraus, wie ich es im Herzen empfand: "Du bist der Sohn des Allerhöchsten!" Und Er war mit solch meinem Zeugnisse vollkommen zufrieden und nannte mich sogar einen Glaubensfels, auf dem Er Seine Kirche bauen werde, die von den Pforten der Hölle nicht mehr überwunden werden würde. Damit ward also meine damals ausgesprochene Meinung von Ihm Selbst gutgeheißen und bestätigt, und also tue ich nicht unrecht, so ich wie ein Fels dabei stehenbleibe!«
05] Johannes aber war dennoch sehr bedeutend gegen diese Meinung des Petrus und sagte: »In Ihm wohnt die Fülle der Gottheit körperlich! Als den Sohn, der aber keine andere Persönlichkeit ist und sein kann, erkenne ich nur Seinen Leib insoweit, als er ein Mittel zum Zwecke ist; aber im ganzen ist Er dennoch identisch mit der in aller Fülle in Ihm wohnenden Gottheit!
06] Oder ist denn mein Leib etwa eine andere Persönlichkeit als meine Seele? Machen nicht beide einen Menschen aus, obschon anfänglich meines Seins die Seele sich diesen Leib erst ausbilden mußte und man füglich sagen könnte: Die Seele hat über sich einen zweiten materiellen Menschen gezogen und somit um sich eine zweite Persönlichkeit gestellt? Man kann wohl sagen, daß der Leib ein Sohn oder etwas von der Seele Erzeugtes ist, aber darum macht er keine zweite Persönlichkeit mit ihr oder gar ohne sie aus! Und noch weniger kann man das von dem Geiste in der Seele sagen; denn was wäre denn eine Seele ohne den göttlichen Geist in ihr? Sie wird ja erst ein vollkommener Mensch durch ihn, so er sie ganz durchdrungen hat! Da ist ja dann Geist, Seele und Leib vollkommen ein und dieselbe Persönlichkeit!
07] Zudem steht es geschrieben: "Gott schuf den Menschen vollkommen nach Seinem Ebenmaß." So aber der Mensch als vollkommenes Ebenmaß Gottes mit seinem Geiste, seiner Seele und seinem Leibe nur ein Mensch ist und nicht drei, so wird doch etwa Gott als der vollkommenste Urgeist, umgeben mit einer ebenso vollkommenen Seele und nun auch vor unseren Augen sichtbar mit einem Leibe, auch nur ein Gott und ewig nie ein Dreigott, etwa gar noch in drei gesonderten Personen, sein! - Das ist meine Ansicht, die ich ewig festhalte, ohne darob ein Glaubensfels sein zu wollen!« 08] Sagen alle an Meinem Tische: »Johannes hat recht geredet!«
09] Petrus aber will sich darum nun korrigieren und sagt: »Ja, also meine ich es ja auch; nur bin ich nicht so mundwendig, um mein inneres Verständnis so schnell an den Tag zu legen, obwohl diese Sache immer etwas schwer zu fassen sein wird!«
10] Sagt Johannes: »Schwer und wieder nicht schwer! Nach deiner Art wird es wohl nie ein Mensch auf dieser Erde fassen, - nach meiner Art, so denke ich, wieder ganz leicht! Der Herr allein aber soll nun zwischen uns beiden einen rechten Schiedsrichter machen!«
11] Sage Ich: »Der Glaube vermag vieles, aber die Liebe vermag alles! Du, Simon Juda, bist wohl ein Fels im Glauben; aber Johannes ist ein reiner Diamant in der Liebe, und darum sieht er auch tiefer denn jemand anders von euch. Er ist darum auch Mein eigentlicher Leibschreiber; er wird vieles von Mir zum Niederschreiben bekommen, das euch allen noch ein Rätsel sein wird! Denn in solcher Liebe hat vieles Raum, im Glauben aber nur etwas Bestimmtes, allda es heißt: "Bis hierher und dann nicht mehr weiter!" Haltet euch nur an den Ausspruch Meines Lieblings; denn er wird Mich der Welt als vollkommen überbringen!«
12] Darob wird Petrus etwas verlegen und auf den Johannes ganz geheim stets so ein wenig eifersüchtig. Aus diesem Grunde hielt sich Petrus auch nach Meiner Auferstehung, als Ich ihn behieß, daß er Mir folgen solle und weiden Meine Lämmer, darüber auf, daß Mir Johannes ohne Mein Geheiß auch folgte, was Ich dann, wie bekannt, dem Petrus verwies, und wobei Ich dem Johannes auch eine vollste Unsterblichkeit verhieß, - woher dann die Sage ins Volk kam, daß dieser Jünger nimmer, auch leiblich sogar, sterben werde.
13] Petrus aber fragte den Johannes, wie er denn tue, daß er stets eine viel tiefere Einsicht und Erkenntnis an den Tag lege als er, Petrus nämlich.
14] Johannes aber sagte: »Sieh, ich wohne nicht in deinem Gemüte und du nicht in dem meinigen, und ich habe dazu keinen Maßstab, um bestimmen zu können, aus welchem Grunde meine Ansicht die gediegenere und richtigere ist! Aber so der Herr Selbst es nun gesagt hat laut vor uns, nämlich den Unterschied zwischen Glauben und Liebe, da nimm das als Antwort auf deine Frage! Denn Nieren und Herzen kann nur der Herr allein prüfen, und so wird Er es auch wissen auf ein Haar, welch ein Unterschied da ist zwischen unsern Gemütern.«
15] Mit dieser Antwort war Petrus vorderhand auch zufrieden und fragte nicht weiter. Es war aber nun auch das Mahl zu Ende, und wir erhoben uns und gingen alle auf den Berg.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers