Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 9

Die Spione des Herodes.

01] Der alte Markus aber kam aus dem Hause, in dem er schon fürs Mittagsmahl Voranstalten traf, zu Mir und sagte ganz leise: »Herr, - vergib, so ich Dich mit meinem Anliegen auf einige Augenblicke störe!«
02] Sage Ich zu ihm: »Freund, gehe und sage es den hinter deinem Hause lauernden Spionen des Herodes: "Des Menschen Sohn handelt und redet ganz offen vor aller Welt Augen und Ohren und will mit niemandem irgendwas Geheimes abzumachen haben; wer demnach mit Mir reden und irgendwas verhandeln will, der muß zu Mir kommen und ebenfalls ganz offen reden und handeln! Bei Mir wird nichts ganz still und geheim ins Ohr geblasen und im Verborgenen gehandelt und ratgehalten; dies ist eine verdammliche Sitte der Weltkinder nur, so sie irgend Arges im Sinne haben und sich sohin damit nicht schnell und offen genug ans Tageslicht getrauen, weil sie sich vor den Menschen fürchten ihrer schlechten Absichten wegen. Ich aber handle offen und rede alles laut und habe keine Furcht vor den Menschen, weil Meine Absichten mit den Menschen gut sind!" - Gehe sonach hin und sage den schnöden Verräterischen dieses dir von Mir nun Angesagte!«
03] Markus verneigte sich tiefst vor Mir und ging, seinen Auftrag mit der größten Pünktlichkeit zu erfüllen. Als er den von Herodes nach allen Richtungen nach Mir ausgesandten Lauerern solches mit allem Ernste ins falsche Gesicht raunte, da sagte einer aus der Menge: »Freund, du scheinst nicht zu wissen, daß wir vom Herodes mit allen Vollmachten sogar über Leben und Tod versehen sind und jeden frechen Widerspenstler sogleich zu verderben das Recht haben!«
04] Sagte Markus: Auch über einen Bürger Roms, der ich einer bin?«
05] Sagte der freche Wortführer: So wir ihn verderben, werden wir vom Herodes nicht zur Verantwortung gezogen!«
06] Sagte Markus: Aber dafür desto sicherer von Gott und vom römischen Oberstatthalter Cyrenius, der sich zum größten Glücke soeben schon seit etwelchen Tagen mit vielen Großmächtigen Roms allhier bei mir aufhält! Wehe euch, so ihr mein Haus nur mit einem feindlichen Finger anzurühren waget!«
07] Sagte der Freche: »Was sagst du vom Oberstatthalter Roms, daß er hier sei - und hat erst vor ein paar Tagen durch den Landpfleger Jerusalems dem Herodes das offene Schwertrecht erteilt?«
08] Sagte Markus: »Ganz gut, ganz gut! Es soll sich sogleich weisen, wer dem Herodes ein solches Recht erteilet hat!«
09] Hier sandte Markus einen seiner Söhne an den Cyrenius mit dem Auftrage, solches sogleich dem Oberstatthalter zu vermelden. Als Cyrenius solches mit einem tiefen Ingrimme vernahm, beorderte er sogleich den Julius mit hundert Soldaten, die Spione, bei dreißig an der Zahl, sogleich gefangenzunehmen und jeden, der sich nicht sogleich seine Waffen abliefernd ergeben würde, ohne alle Gnade zu töten.
10] Sagte Ich: »Zu töten nicht, wohl aber gefangenzunehmen!« - Dieses ward denn auch sogleich befolgt.
11] Als die Spione die Römer ganz wütend auf sich losstürzen sahen, wollten sie davonfliehen; aber es gelang ihnen solches nicht. Die römischen Soldaten bedeuteten ihnen laut, daß sie jeden ohne Gnade und Erbarmung töten würden, der sich ihnen widersetze. Diese ganz wütend ernst lautende Verheißung wirkte; die frechen Spione ergaben sich, wurden sogleich mit Stricken und Ketten gefesselt und also, mit verzweifelten Gesichtern, dem Oberstatthalter, unter dem Vortritte des Markus und Julius, vorgeführt.
12] Als sie also vor dem Cyrenius und Kornelius und Faustus standen, fragte sie Cyrenius mit dem gewöhnlichen römischen Diktatorenernste: »Wo sind eure Vollmachten und der Befehl, der euch heißet den Propheten Galiläas zu verfolgen auf allen seinen Wegen und Stegen?«
13] Spricht der Anführer, der Zinka hieß: »Mein Herr! Geknebelt an Händen und Füßen kann ich sie dir nicht aus meinem verborgenen Sacke hervorholen! Laß mich losknebeln, und du sollst sie haben, auf daß du einsehen magst, daß auch wir einen Herrn im Hintergrunde haben, der über uns gebietet, und dem wir gehorchen müssen, weil er von euch Römern das Recht teuer erkauft hat, an eurer Statt auch ein Herr über unser Leben zu sein, und kann - unverantwortlich gegen euch - nach Belieben töten lassen, wann er nur will!
14] Unsertwegen können durch ganz Galiläa zehntausend Propheten herumschwärmen; so sie uns in Ruhe lassen, werden auch wir ihnen sicher nichts zuleide tun. Aber so da irgendein mächtiger Gewaltträger uns beruft, uns in einen guten Sold nimmt, im Dienstverweigerungsfalle uns aber auch sogar durch seine vielen Scharfrichter töten lassen kann, da bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Da müssen wir jedermanns Verfolger auf Leben und Tod werden, mag der zu Verfolgende ein noch so ehrlicher Mensch sein! Oder fehlen eure Krieger und Kriegsknechte, so sie eure Befehle auf Leben und Tod vollziehen? So dabei jemand vor Gott, so es einen gibt, verantwortlich ist, da kann es nur ein Herr, nie aber dessen Knecht und getreuer Diener sein! Laß mich entfesseln, und ich werde dir sogleich unsere von des Herodes eigener Hand in drei Sprachen ausgestellten Vollmachten vorweisen; daraus erst kannst du ein vollgültiges Urteil über uns fällen!«
15] Cyrenius läßt den Zinka losbinden, und dieser greift sogleich in die verborgene Tasche, zieht eine Pergamentrolle hervor, überreicht sie dem Cyrenius und sagt: »Da lies, und urteile dann mit Recht vor aller Welt, ob unsere Nachstellungen bezüglich des galiläischen Propheten, eines gewissen Jesus aus Nazareth, gesetzlich oder ungesetzlich sind!«
16] Cyrenius liest die Vollmacht, die am Ende mit dem Namenszuge des Herodes unterzeichnet ist. Sie lautet kurz wörtlich also: "Laut der mir, Vierfürsten Herodes, aus Rom für 1000 Pfunde Silbers und 100 Pfunde Goldes verliehenen Gewalt über ganz Judenland verordne und gebiete ich, mich auf die teuer erkaufte Hilfe Roms stützend, den mir und meinen Institutionen sehr gefährlich dünkenden Propheten Galiläas zu fangen und ihn mir dann lebend oder tot einzuliefern, - im ersten Falle ich ihn selbst prüfen werde und sehen, welches Geistes Kind er sei. Meine ausgesandten Häscher aber haben mit dieser von mir eigenhändig geschriebenen Urkunde das vollste Recht, den Betreffenden auf allen Wegen und Stegen und auf allen Gassen und Straßen zu suchen, zu verfolgen, zu ergreifen und im Widersetzungsfalle ihn samt seinem Anhange zu töten und ihn mir dann auch als tot zu überbringen, wofür jedem, der seiner habhaft wird, eine Belohnung von 300 Silbergroschen erteilet wird.- Gegeben zu Jerusalem im eigenen Palaste."
17] Sagt Zinka: »Nun, was sagst du dazu? Sind wir dreißig im Rechte oder nicht?«
18] Cyrenius denkt hier ein wenig nach und sagt dann: »Mit meinem Wissen und Willen ist dem Herodes in solcher Weise aus Rom nie eine solche Vollmacht erteilt worden. Wohl ist ihm meines getreuen Wissens eine Vollmacht nur dahin eingeräumt worden, in seinem eigenen Hause im Notfalle selbst das Schwertrecht auszuüben, - außer dem Hause nur dann, so sich gegen uns Römer irgendeine Verschwörung vorfände und es wäre eine römische Besatzung und ebenso ein ordentliches Gericht für den aufständischen Ort zu entlegen, Herodes aber wäre mit seiner Ehren- und Schutzmacht zugegen; in diesem einzigen Falle könnte er das scharfe Schwertrecht ausüben!
19] Also lautet die von Rom aus an den Herodes ausgefertigte Vollmacht, die ich eingesehen und selbst mit unterfertigt habe; denn was von Rom aus nach Asien verfügt wird, muß durch meine Hände oder durch die eines Abgeordneten von mir gehen, der mir aber alles in jüngster Zeit rückzuberichten hat, was immer irgend da gekommen ist. Diese Vollmacht wird von mir somit für null und nichtig erklärt, und das auf so lange, bis ich darüber aus Rom nicht die Weisung erhalten werde, wie, wann und warum - mir unbekannt - dem Herodes solch eine umfassendste Vollmacht erteilt ward, die uns getreusten Römern eine gerechte Angst und Besorgnis einflößen muß.
20] Diese Vollmacht bekommt ihr nicht wieder zurück, als bis sie von Rom wiederkehren wird; ihr aber bleibet unterdessen meine Gefangenen! Seid ihr schon für euch selbst weltgesetzlich auch keine Verbrecher, so seid ihr aber dennoch Werkzeuge, mit denen der eine Verbrecher einen Greuel um den andern begeht, - und zu Greueltaten hat Rom noch nie jemandem eine Befugnis erteilt und wird sie sicher auch eurem Herodes nicht erteilt haben!
21] Aber ich weiß es, wie die Herodesse ihre Konzessionen unter irgendeinem patriotischen Scheinvorwande mißbrauchen! Der vom alten Herodes verübte Mord an den unschuldigsten Kindern dient mir noch immer als ein klarer Beweis, wie diese schlauen griechischen Füchse ihre von Rom aus zugestandenen Rechte zu ihren Gunsten zu mißbrauchen verstehen, um das Judenvolk in Massen den Römern abhold zu machen.
22] Oh, ich werde den Herodes schon in jene Schranken zurückzuweisen verstehen; das wird meine ganz vollkommen ernste Sache sein! Der alte Herodes verkostete meinen altrömischen Gerechtigkeitssinn, obschon ich damals kaum etwas über die dreißig Jahre zählte; nun bin ich nahe ein Greis, bin erfahrener und ernster geworden, - nun halte ich denn auch noch größere Stücke auf ein strengstes Recht! Jetzt gilt es bei mir vollkommen: Pereat mundus, fiat jus! (Es geschehe Recht und wenn die Welt zugrunde ginge!)
23] Ich werde nun sogleich zwei Boten entsenden, den einen nach Rom und den andern nach Jerusalem zum Herodes, auf daß er verlange alle Vollmachten Roms, die sich befinden in den Händen des Herodes. Wehe ihm und seinen Knechten, Dienern und Dienersdienern, wenn seine Vollmachten nicht mit dem Sinne dieser euch erteilten Vollmacht zusammenstimmen!«


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