Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 201

Jarahs Beobachtungen an Samen in ihrem Gärtchen.

01] Als Jarah solches vernimmt, richtet sie sich ganz ordentlich wie ein Redner empor und sagt: »Gut denn! Das Gärtchen ist voller Segen von oben, und ich will ja gerne meinen kindlichen Fleiß, den ich freilich nur erst wenige Tage an demselben verwendet habe, hier allen zum besten geben! Materiellen Gewinn hat mir das Gärtchen zwar noch wenig abgeworfen - was aber für die sehr kurze Zeit seines Bestehens auch gar nicht zu verlangen wäre -; aber dessenungeachtet hat das Gärtchen mir schon einen desto größeren geistigen Gewinn abgeworfen!
02] Ja, das Gärtchen ist für mich ein rechtes Buch der tiefsten Weisheit, und ich habe daraus in wenigen Tagen schon bei weitem mehr gelernt, als was mir Salomo in aller seiner Weisheit hätte eröffnen können; und so ist denn auch die Antwort auf meine ehedem dem Josoe gegebene Frage in eben dem Gärtchen schon vor ein paar Tagen glänzend zum Vorschein gekommen und ist nun mein volles, vom Herrn Selbst mir eingeräumtes Eigentum! Denn wäre die volle Antwort nicht in mir, - wahrlich, nie hätte ich solch eine Frage gegeben auf ein blindes Glück hin, daß sie vielleicht jemand anders beantworte auch für mein Verständnis!
03] Oh, ich habe die sicher volle Antwort in mir, und diese gilt nicht nur für jetzt, sondern sie wird gelten für alle Zeiten, solange es irgend Gottes Wort und mit demselben sich am meisten beschäftigende Priesterschaften auf dieser lieben Mutter Erde geben wird! Das aber ist die volle Antwort auf die von mir dem lieben Josoe gegebene Frage:
04] Ich legte zu Hause verschiedene edle und gute Fruchtsamen ins fette Erdreich meines Gärtchens. Einige davon keimten schon am nächsten Tage, und am zweiten Tage waren die Triebe schon bei vier Finger hoch über dem Erdboden.
05] Ein Mädchen, und ganz besonders ich, ist immer sehr neugierig, und so trieb mich meine unersättliche Neugierde, bei wenigstens einigen stark aufkeimenden Samen zu sehen, was denn so ganz eigentlich am Ende aus den Samenkörnern wird, wenn aus denselben schon so recht starke Triebe über dem Erdboden zum Vorscheine kommen. Ich grub darum einige aus und besah mir die Sache so recht genau und aufmerksam. Und seht - wie man auf römisch zu sagen pflegt: Sapienti pauca sufficunt! (Dem Weisen genügt wenig) -, ich fand das Samenkorn verwest und das es umgebende Erdreich mit einem Moderschimmel gemengt! Aus diesem Grabe sproßte das zarte Pflänzchen, und vom Samenkorne war, wie gesagt, nichts mehr übrig als etwa ein bißchen von der äußeren, das Samenkorn von außen umgebenden und schützenden harten und somit schwerer verweslichen Schote.
06] Neben dieser sehr denkwürdigen Erscheinung aber fand ich auch, wie leider mehrere Samenkörner ohne Keim ganz von dem Moderschimmel aufgezehrt waren, und es fand sich da durchaus nichts vor, woraus irgendein Fruchtkeim hätte hervorwachsen sollen oder können; wohl aber entging es meinen scharfen Augen nicht, wie sich eben über solchen ganz verwesten Samenkörnern ganz kleine und zarte Pflänzchen aus dem Boden keimend zeigten, die mit den guten und edlen Keimen nicht die leiseste Ähnlichkeit hatten. Aha, dachte ich mir, da hast du es! Diese falschen Keime sind sicher auch ein Produkt aus den guten, ins fette Erdreich gelegten Samenkörnern; aber das hungrige Erdreich hat sich bloß damit gesättigt und ließ nicht zu, daß da emporkeimte der rechte, gute Keim. Aber was hilft es ihm an Ende? An der Stelle des einen edlen Keimes schießen dreißig unedle empor und entziehen dem Boden vielleicht am Ende bei hundertmal mehr des fetten Nährstoffes, als dies das eine gute Pflänzchen getan hätte; denn alles, was gut und edel ist, das ist auch vollgenügsam in jeder Hinsicht, sei es, was es wolle.
07] Das Gold braucht nicht wie das Blei ewig geputzt zu werden, um zu glänzen; man putzt es einmal ordentlich, und es glänzt dann Jahrhunderte hindurch. Eine Rebe wächst fruchtbringend auf dem schlechtesten Boden; aber die Disteln und Dornen suchen gewöhnlich das beste Erdreich aus. Die guten und edlen Haustiere sind selten gefräßig, während ein Wolf, eine Hyäne und dergleichen Bestien mehr gleich Tag und Nacht in einem fort fressen möchten. Also ist auch der wahrhaft edle und gute Mensch genügsam, während der arge, finstere Weltmensch an nichts ein Genüge hat. Man gebe ihm hunderttausend Pfunde Goldes, und er wird darauf sicher sein sehnlichstes Verlangen haben, sobald als möglich noch einmal soviel zu bekommen, und es wird ihm sehr einerlei sein, ob die andern Menschen auch alle verhungern aus Armut! Es erzeugt aber stets ein Geiz den andern!
08] Seht, das Erdreich meines Gärtchens war also teilweise unedel und geizig und wollte sich mästen mit meinen edlen Samenkörnern, die ich in dasselbe gelegt habe! Was aber ist die bittere Folge? Seht, es muß darauf statt des einen edlen, genügsamen Pflänzchens hundert gefräßige, unedle ernähren!
09] Und seht, wie es dem dummen, geizigen und selbstsüchtigen Erdreiche ergeht, so ergeht es auch den Menschen auf der Erde, die sich hier schon einen Himmel voll der seligsten Genüsse haben schaffen wollen! Sie müssen am Ende allen ihren mühevoll gesammelten Vorrat dennoch fahrenlassen, und hundert andere vergeuden ihn dann auf eine oft sehr liederliche Weise. Das ist nun ein Vorbild zu meiner kommenden vollen Antwort auf meine Frage. Fasset dieses Bild so recht tief in euer Gemüt, und ihr werdet die Antwort beinahe von selbst finden!« - Hier denken alle darüber nach und können nicht genug staunen über des Mädchens große Weisheit.


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