Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 200

Josoe und Jarah im Gespräch, warum Gott Unrecht zulässt.

01] Als Josoe sich bei ihr befindet, reicht er ihr die Hand und sagt: »Sei mir nicht gram, du liebste Jarah! Denn sieh, ich konnte es ja doch unmöglich wissen, daß du als ein Kind von etwa kaum fünfzehn Jahren eine größere Weisheit besitzest als alle Weisen der Erde, die vor uns gelebt haben; aber zugleich bitte ich dich denn nun auch, daß du mir recht vieles von deiner verborgenen Weisheit enthüllen möchtest!«
02] Sagt die Jarah: »Und du mir von der deinigen; denn du weißt auch vieles, was mir noch sehr fremd sein dürfte!«
03] Sagt Josoe: »Das wird sehr mager sein; denn mein Weisheitsgefäß scheint fürs erste sehr klein und fürs zweite obendrauf noch, gleich einem Siebe, total durchlöchert zu sein! Kurz, viel wird bei mir nicht herauskommen, weil eben nicht viel darin ist; somit fange nur du an! Ich bin auch wahrlich derart verlegen, daß ich nun im Ernste nicht wüßte, irgendwo etwas zu ergreifen, das sich schickete, hier darüber etwas zu sagen. Im Angesicht der höchsten, göttlichen Weisheit hat der Mensch schwer zu reden, - aber dafür desto leichter zu hören und zu schweigen. Aber du, holdeste Jarah, hast eine gute Brücke zur göttlichen Weisheit; von der kannst du dir holen, wann und was du willst! Darum mache du nur den Anfang, und ich werde, wie gesagt, dich hören!«
04] Sagt die Jarah: »Aber siehe, hoher Josoe, das würde sich ja gar nicht schicken! Denn ein Mädchen darf doch nicht vorlaut sein!? Fragen kannst du mich wohl, und ich werde dir antworten; und so ich dich frage, dann wirst auch du mir antworten!«
05] Sagt Josoe: »Ja, ja, fragen wäre leicht, wenn man nur gleich wüßte, um was! Solange man noch ein ungebildetes Kind war, da freilich war das Herz voll von allerlei Fragen; aber seit man selbst beinahe alle die Fragen in sich mehrfach beantwortet hat, ist eine neue Frage um vieles schwerer denn eine Antwort auf was immer für eine Frage. Darum möchte ich dich wohl bitten, daß du eine Frage an mich tätest; denn du bist in vieles eingeweiht und kannst mich darum auch um vieles fragen.«
06] Sagt die Jarah: »Nun, im Namen meines Herrn denn, weil du es durchaus nicht anders willst, so will ich dir gleich wohl eine Frage geben, und du sage es mir, warum Gott der Herr als die höchste Liebe und Weisheit es zuläßt, daß besonders in dieser unserer Zeit namentlich die sogenannten Diener Gottes und die privilegierten Ausspender des Wortes Gottes eben die gewissenlosest bösesten, hoffärtigsten und herrschsüchtigsten Menschen sind und ohne alles Gewissen die schändlichsten Taten, gewöhnlich im geheimen, ungestraft ausüben. Warum haben sie keine Furcht vor Gott, dessen Macht und Herrlichkeit sie doch vor allen Menschen unter dem glänzendsten Zeremonienpompe mit überlauter Stimme verkünden? - Siehe, das ist eine gar gewichtige Frage für diese unsere Zeit!«
07] Sagt Josoe: »Ja, wichtig ist diese Frage sicher; aber auf meinem Grunde ist darauf wahrlich keine Antwort zu finden, und du wirst das darum wohl selbst beantworten müssen!«
08] Sagt Cyrenius: »Aber mein allerliebster Sohn Josoe, etwas wirst du ja doch wohl zu sagen wissen!? Wahrlich, dein immerwährendes Entschuldigen wird mir nun schon etwas langweilig! Wohl weiß ich es und habe es nun erfahren, daß die lieblichste Jarah dir an Weisheit stark überlegen ist; aber gar so leer bist du meines Wissens ja dennoch auch nicht, daß du auf so eine Frage gar keine Antwort in dir finden solltest. Sage darum doch etwas! Fehlest du, - nun, so gibt es hier ja doch Weise zur Genüge um den Tisch, die dich auf den rechten Weg leiten können!«
09] Sagt Josoe: »Lieber hoher Vater und Gebieter! Gebieten ist leicht; aber das Gehorchen hat endlos viel Bitteres in sich, - besonders wenn man, wie ich nun, gar nicht von ferne hin imstande ist, sich gehorsam erweisen zu können!
10] Denke dir die höchste Güte, Liebe und unbegrenzte Weisheit Gottes einerseits, und denke dir anderseits die Greueltaten alle, die ungestraft zumeist von den sogenannten Gottesdienern sicher zu jeder Stunde des Tages und der Nacht ausgeübt werden an der armen Menschheit! Halte dir diese kontroversen Verhältnisse so recht nahe uns Gesicht der Seele, und du wirst es sicher samt mir nur zu klar empfinden, daß auf solch eine Frage eine gediegenste Antwort viel schwieriger ist, als zu bestimmen, was drei und abermals drei zusammen für eine Summe geben! Versuche es nur jemand anders, und er wird es hoffentlich nur zu bald innewerden, daß die von der Jarah gestellte Frage ganz sicher keine Kleinigkeit ist!«
11] Sagt Cyrenius: »Nun, nun, ich sehe es wohl ein, daß man einen hohen Grad von Weisheit besitzen muß, um die Frage der Jarah nur zu einiger Genüge beantworten zu können; aber sehr lieb wäre es mir auf jeden Fall, darüber ein genügendes Licht zu bekommen. Denn über diesen Punkt habe ich eben schon am meisten nachgedacht, - aber auch noch nie irgendeinen nur halbwegs vernünftigen Grund gefunden. Ich glaube, wenn denn außer unserem allerliebsten Herrn und Meister und der holdesten Jarah im Ernste die gegebene Frage niemand sollte beantworten können, so werden wir denn alle uns an Dich, o Herr und Meister, wenden; Du wirst uns da sicher den rechten Grund aufdecken, wie Du - so mich mein Gedächtnis nicht täuscht - solches auch verheißen hattest.«
12] Sage Ich: »Allerdings, so sich damit die Jarah nicht zurechtfinden sollte; aber Ich meine, sie wird, wenn sie so recht aufmerksam ist, den Nagel so ziemlich mit dem ersten Streich auf den Kopf treffen! Versuche es, liebste Jarah, und zeige, daß Ich dir in Genezareth nicht umsonst ein Gärtchen angelegt habe!«


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