Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 202

Samen im Erdreich als Entsprechung für die Aufnahme des Wortes Gottes.

01] Das Mädchen aber wendet sich unterdessen an Josoe und fragt ihn überaus liebfreundlich, sagend: »Und dir, mein liebevoller, hoher Nachbar, fällt auch noch kein rechtes Licht in dein Herz?«
02] Sagt Josoe: »Holdeste und wunderbar weiseste Jarah! Mir ist es wohl, als sähe ich etwas wie durch ein vors Gesicht gehaltenes Tuch; aber von irgendeiner Klarheit ist da noch lange keine Rede. Darum fahre du nur fort, die Sache aufzuhellen; denn an mir hast du sicher deinen alleraufmerksamsten Zuhörer! Die Sache ist zu wichtig, als daß man da auch nur ein Wort unbeachtet lassen könnte; und das scheinen auch alle am Tische und alle unsern Tisch Umstehenden tiefst zu fühlen, darum sie sichtlich nach der Fortsetzung ängstlich gieren. Fange du darum nur wieder an, deine Antwort bis uns Ende fortzusetzen!«
03] Nach diesen Worten fängt die Jarah abermals an, ihre Antwortrede weiterzuführen und sagt: »So ihr das vorangeschickte Naturbild, das ich als erste geistige Ernte meines Gärtchens vor euch hingestellt habe, ein wenig nur überdacht habt, so dürfte euch das nun Nachfolgende gar leicht und ganz helle einleuchtend werden. Habet darum recht wohl acht, und höret und sehet!
04] Die Menschen dieser Erde sind, geistig genommen, gleich dem Erdreich meines Gärtchens, und das Wort Gottes, das zuerst durch die Urväter, von Adam angefangen, und später durch die Patriarchen und durch die von Gott Selbst geweckten Propheten unter die Menschen aus den Himmeln kam, ist wieder gleich den edlen und guten Samenkörnern, die ich ins Erdreich meines Gärtchens legte. Wie aber kein Samenkorn alsogleich, wie es ins Erdreich gelegt wird, schon zur neuen, vervielfältigten, reifen Frucht wird, ebenalso ist dies auch mit dem Worte Gottes der Fall.
05] So das Wort Gottes durch die Anhörung desselben in das Gemüt des Menschen kommt, so muß es durch die Taten, welche gleich sind der belebenden Nährkraft des Erdbodens, - und zwar, wie im Gottesworte angeordnet, gegen unsere Brüder und Schwestern hin - belebt und dadurch zum rechten Erkeimen, zum Zwecke der wahren und vollkräftigen Frucht des geistigen Lebens in Gott, zur segensreichen und dadurch vollreifen Frucht werden! Wenn aber Menschen - darunter zunächst diejenigen zu verstehen sind, die das Wort zuerst aufnehmen, als Propheten und Priester, um, so es in ihnen zur Reife käme, dasselbe dann in der vollsten Echtheit weiter auszusäen auf dem großen Acker aller Menschen dieser Erde für alle Zeiten der Zeiten - gleich dem Erdreiche, das das edle Samenkorn selbst verzehrt, um sich daran zu mästen, selbes nur für sich als ein Mittel verwenden, durch das sie allein fett zu werden hoffen, so ist es dann ja gar nicht etwas zu unnatürlich Wunderbares, wenn auf dem Acker der sogestaltig offenbar falschen Propheten und Priester für den großen Acker der Laienmenschheit am Ende nichts als böses Unkraut, Dornen und Disteln erkeimen und zur argen Reife gelangen!
06] Obschon es aber also geschieht, so ist das im Allgemeinen wie im Sonderheitlichen dennoch nicht wider die göttliche Ordnung und wider die göttliche Weisheit; denn sehet, wenn die edle Flucht reif wird, so wird alles Stroh und alle Frucht gesammelt und in die Scheunen gebracht, das Unkraut aber bleibt auf dem Felde und düngt unwillkürlich das Erdreich, das dadurch für eine nächste Aussaat kräftig wird und voll Gier, bald eine neue edle Fruchtsaat in sich aufzunehmen und sie zu beleben.
07] Also ist es denn auch in der Tat mit uns Menschen. Wären wir schon von jeher gesättigt mit der reinsten Wahrheit, wie sie kommt aus dem Munde Gottes, wahrlich, so würde uns wenig gelüsten nach einer ferneren, neuen Wahrheit!
08] Gott der Herr aber sieht solches zum voraus und läßt es darum zu, daß die stumpfgewordene Menschheit eine Zeitlang mit Schweinefutter bedient wird, und daß ihr Erdreich durchs Unkraut recht nährkräftig wird; darauf erst schmeckt dann der in der Nacht nach Licht schmachtenden Menschheit die reine und edle Flucht des reinen Wortes Gottes, wie das nun soeben bei und unter uns der handgreifliche und der allerseligste Fall ist.«


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