Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 164

Jesus über rechtes Strafen, Todesstrafe und Nachfolge.

01] Sage Ich: »Von Mir aus bist du rein; nur das beachte du stets bei deinen die Menschen leitenden Handlungen, daß du dabei nie vergissest, daß da auch der Sünder dein Bruder ist!
02] Fühlst du Zorn in deinem Herzen über den die gerechte Strafe verdient habenden Sünder, dann lege die Zuchtrute aus der Hand; denn durch deinen Zorn wird sie nicht zum heilsamen Wegweiser, sondern zur Schlange, die in die Wunde, die sie dem Wanderer durch ihren Biß verursachte, keinen heilsamen Balsam, sondern ein tödliches Gift haucht, das dem Verwundeten den Tod bringt.
03] Glaube auch nicht, daß du dir dadurch einen Feind vom Halse geschafft habest, so du ihm den Tod geben ließest! Denn war er dir im Erdenleben nur ein einfacher Feind, so wird er nach dem Leibestode als ein freier Geist dir ein hundertfacher werden und dich quälen mit hunderterlei Übeln dein Leben lang, und du wirst kein Mittel finden können, das dich befreite von deinem unsichtbaren Feinde.
04] Darum, wenn du jemanden züchtigest, da züchtige ihn mit Liebe und nie mit dem Zorne! Treibe es darum in der Folge auch mit den Pharisäern nicht zu bunt! Denke dir: >Siehe, das sind blinde Leiter der Blinden!< Die Welt aber ist es, die sie blind macht; diese aber ist des Satans, den du hast kennengelernt.
05] Sieh, in Mir ist alle Macht und Gewalt über Himmel und Erden. Ich könnte sie alle mit einem Gedanken vernichten, und dennoch ertrage Ich sie mit aller Geduld bis zur rechten Zeit, da ihr Maß voll geworden.
06] Auch Mich erzürnen die Menschen und machen durch ihre Unverbesserlichkeit Mein Herz traurig; aber Ich ertrage sie dennoch und züchtige sie stets mit der Liebe, auf daß sie sich bessern und eingehen möchten ins Reich des ewigen Lebens, dafür allein sie erschaffen worden sind. Willst du demnach ein rechter Richter sein, so mußt du in allem Mir nachfolgen!
07] Es ist wohl leichter, ein Urteil über jemanden auszusprechen, als ein Urteil über sich ergehen lassen; wer aber das Urteil eines Menschen, der verurteilt ward, auf sich nimmt und dann für das rechte Emporkommen des Verurteilten sorgt, der wird dereinst groß heißen in Gottes Reich. - Dies nun Gesagte merket ihr alle euch wohl! Denn so Ich es also anordne und also haben will, so könnet ihr es doch nicht anders haben und machen wollen!? Ich bin der Herr über Leben und Tod! Ich allein weiß es, was das Leben ist, und was dazu erforderlich ist, um es für ewig zu erhalten und dasselbe zu genießen in aller Glückseligkeit!
08] Werdet ihr leben nach Meiner Lehre, so werdet ihr das Leben erhalten in aller Glückseligkeit; werdet ihr aber dawiderhandeln, so werdet ihr es verlieren und eingehen in den Tod, welcher ist alles Lebens unglückseligster Zustand, ein Feuer, das nie erlischt, und ein Wurm, der nie stirbt!«
09] Sagt der Hauptmann: »Herr, ich sehe die Notwendigkeit alles dessen nur zu wohl ein, aber auch zugleich die ungeheure Schwierigkeit, streng danach zu leben. Kleine Hügelchen zu planieren, ist wohl keine große Kunst; aber wo sich uns ganze Berge von Schwierigkeiten und Hindernissen entgegenstellen, da ist es dann schon rein unmöglich, einen geraden Weg weiter fort zu machen. Da, Herr, mußt Du uns helfen!«
10] Sage Ich: »Eben darum bin Ich aber ja auch in diese Welt gekommen, um euch allen da Hilfe zu geben, wo ihr aus euch selbst ewig keinen Ausweg mehr gefunden hättet! Darum vertrauet und bauet allzeit auf Meinen Namen, und es wird euch dadurch das unmöglich Scheinende möglich werden! Nun aber wollen wir uns wieder ins Haus begeben; denn die Sonne ist dem Untergange nahe gekommen.«
11] Es fragt aber der Oberschiffsknecht, bis wann sie das Schiff zu einer allfälligen Abreise in der Bereitschaft halten sollen.
12] Sage Ich: »In jeder Stunde müsset ihr zur Abfahrt bereit sein, auf daß, so da kommt der Herr des Schiffes vor der Zeit, er euch nicht faul und untätig finde, euch dann entziehe den Lohn und euch tue aus dem Dienste! Doch - Gott dienen ist leicht, aber den Menschen dienen ist schwer!«
13] Fragt weiter der Oberschiffsknecht: »Herr, wenn etwa morgen die Pharisäer, die gestern wahrscheinlich als Missionare und Bekehrer nach Jesaira gezogen sind, um die dortigen, zumeist zum Griechentum übergegangenen Juden wieder für den Tempel zu gewinnen, wieder hierherkämen und wollten sich mit uns über den 47. Psalm in eine Disputation einlassen, wie sie uns solches versprochen haben, was sollen wir zu ihnen sagen?«
14] Sage Ich: »Da verheißet ihr ihnen sieben gute Groschen, so sie den Psalm euch gut erklären; erklären sie ihn euch schlecht, so sollen sie nichts bekommen, und können sie ihn euch gar nicht erklären, dann sei an euch das Recht, von ihnen sieben gute Groschen zu verlangen und sie dann unter Androhung von militärischer Hilfe, so sie die Zahlung verweigern würden, zu nehmen!«
15] Sagt der Hauptmann: »Kommt dann nur zu mir, und sie sollen siebenmal sieben Groschen zahlen ohne alle Gnade und Schonung!«
16] Damit geben sich die Schiffsknechte völlig zufrieden, und wir begeben uns in die Stadt und allda ins Haus Ebahls, allwo die Dienstleute, da die Sonne schon untergegangen ist, vollauf beschäftigt sind, uns ein gutes Abendmahl zu bereiten. Der Hauptmann aber übernimmt die zweihundert Pfunde Silbers und übergibt sie dem Ebahl mit den Worten: »Nimm sie in deinen Besitz als eine kleine Entschädigung für die vielen hundert und abermals hundert Armen und Kranken, die du verpflegt hast, und von denen du nie auch nur einen Stater verlangt hast! Du bist aber auch wahrlich der einzige Mensch in dieser Stadt, der es verdient, ein Mensch zu sein! Alles andere Volk von dieser Stadt verdient den ehrenhaften Namen nicht; denn es ist total tot, kümmert sich um nichts und macht und bricht auch nichts! Meinet ihr, die Wunder alle, die hier in diesen etlichen Tagen ausgeübt worden sind, haben auf dies Volk etwa irgendeinen Eindruck gemacht? Mitnichten! Diese Memmen schlendern umeinander, als ob nichts da wäre! Ja, sie haben sich wohl heilen lassen, die da krank waren, bedankten sich aber kaum dafür und denken heute auch kaum mehr daran, daß sie krank waren, und daß sie von ihrer Krankheit vollkommen wunderbarst geheilt worden sind! Darum ist mein Ebahl auch der einzige Mensch in dieser Stadt; alles andere ist wahrlich mehr Tier als Mensch!«
17] Ebahl übernimmt das Geld mit dem Bemerken, daß er es nur für die besten und den Menschen dienlichsten Zwecke verwenden werde.


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