Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 165

Pädagogik der Engel bei der Führung von Menschen. Szene zwischen Raphael und Jarah.

01] Auf diese Verhandlung bringen die Diener auch schon Wein und Brot und eine Menge bestens zubereiteter Fische, und alles begibt sich an den wohlbesetzten Tisch. Unsern Raphael zieht die Jarah an den Tisch und setzt ihm einen großen Fisch vor, daß er ihn äße. Aber Raphael sagt: »Liebste Schwester, das wäre wohl zuviel für ein Nachtmahl; darum lege mir einen kleineren Fisch vor!«
02] Sagt die Jarah: »Oh, sah ich dich doch heute mittag mehrere solche Fische verzehren, und so wirst du für den Abend wohl auch mit dem zu Ende kommen! Iß nur! Siehe, mein Herr Jesus ist wohl ein endlos größerer und erhabenerer Geist denn du, und dennoch ißt Er nun schon den zweiten Fisch mit sichtbarer Lust, trinkt dazu Wein und ißt stets auch ein Stück Brot darunter; tue du desgleichen! Jetzt bist du einmal Mensch mit uns und mußt unser Menschliches darum nicht geringschätzen, weil du sonst ein erster Engel Gottes bist!«
03] Sagt Raphael: »Nun, wenn du es schon durchaus also willst, so muß ich mich deinem Willen ja wohl fügen; denn du bist einmal schon ein zu liebenswürdiges Kind, und man kann dir aus Liebe zu dir nichts abbieten (abschlagen).« - Darauf nahm Raphael den ganzen, wenigstens gut fünf Pfunde wiegenden Fisch in die Hand, führte ihn zum Munde und verzehrte ihn in einem kaum glaublich schnellsten Augenblick.
04] Als solches die Jarah bemerkte, sagte sie ganz verblüfft: »Aber um des Herrn willen! Wo hast denn du den großen Fisch nun so schnell hingebracht? Freund, bei solch einer Eßfähigkeit könntest du wohl auch ein gebratenes Meerungeheuer mit großer Leichtigkeit verzehren! Der große Fisch, in dessen Bauche Jonas drei Tage schmachtete, wäre am Ende für dich nur ein Spaß, ihn mit einem Bissen in den Magen zu schieben!?«
05] Sagt Raphael: »Auch viele Tausende von solchen Fischen wären mir sozusagen nur ein Scherz, sie unters Dach zu bringen. Aber hier genügt der mir von dir dargereichte; er hat mir wahrlich recht wohl geschmeckt. Ich hätte ihn auch langsam, dir gleich, verzehren können; aber da würdest du auf den Gedanken gekommen sein, daß ich schon völlig ein irdischer Mensch sei, - und das wäre nicht gut für dich, weil du sogestaltig in meine Person, resp. Form verliebt werden könntest! Nun ich dir aber bei Gelegenheit zeige, daß ich noch kein vollendeter Erdenmensch bin, so schreckt dich das zurück, und du bleibst dabei leicht in deinem und ich in meinem Geleise. Du wirst schon noch mehrere solcher mutwilligen Stückchen von mir erleben! So ich will, kann ich auch recht schlimm werden; aber da hat mein Schlimmsein stets einen weisen Grund.«
06] Sagt die Jarah: »Das gefällt mir aber nicht von dir, wenn du etwa nur durch eine schlimme Handlung irgendeinen guten Zweck erreichen willst! Siehe hier den Herrn, der allein meine Liebe ist; der erreicht auch ohne eine schlimme Handlung lauter gute Zwecke! Warum du nicht? Ich bin der Meinung - und die laß ich mir nicht nehmen -, daß das Schlimme allzeit wieder Schlimmes hervorbringt, und nur das Gute wieder das Gute. Wer bei mir etwas Gutes durch etwas Schlimmes erreichen will, der irrt sich gewaltig, - und wäre er ein tausendfacher Engel! Das sage ich dir, daß du mir ja mit nichts Schlimmem kommst, sonst kannst du mir vom Halse bleiben! Ich bin nur ein schwaches Mädchen, ja ein Würmchen vor dir; aber dennoch wohnt in meinem Herzen Gottes Liebe, und diese verträgt nichts auch nur scheinbar Schlimmes. - Verstehst du, mein lieber Raphael, das?«
07] Sagt Raphael: »O ja, das ist schon noch zu verstehen, und ich verstehe es darum auch wohl; aber daß du mich mit meiner zeitweiligen Schlimmheit nicht verstanden hast, geht klar aus dem hervor, weil du mich darob reprimandiert (zurechtgewiesen) hast; wenn du mich erst wirst verstanden haben, dann wirst du gegen mich nicht ärgerlich werden! Damit du aber siehst, daß das himmlische Schlimmsein auch eine glänzende Tugend ist, so will ich dir solches durch ein kurzes Beispiel recht handgreiflich klarmachen.
08] Sieh, wir Himmelsgeister haben eine weite Sehe; dein Gedanke reicht nicht so weit, als wir mit einem Blicke in größter Klarheit durchschauen! Da fügt es sich denn wohl sehr oft, daß hie und da, besonders auf dieser Erde, die Menschen so recht mutwillig böse werden. Wir ziehen ihn, (den Menschen), hundert Male von einer großen Gefahr zurück, aber es juckt und treibt ihn gleich wieder, sich von neuem in dieselbe Gefahr zu begeben. Wenn alles das dennoch nichts hilft, dann lassen wir endlich zu, daß der Mensch sich endlich wieder aus Mutwillen in die Gefahr begibt, und wir lassen ihn dann so recht fest anrennen, daß ihm darob nicht selten auf längere Zeit das Hören und Sehen vergeht. Und er, dadurch gewitzigt, wird dann aus der Erfahrung klug, läßt seinen Mutwillen und oft bösen Aberwitz fahren und wird dann ein wie aus sich gebesserter Mensch.
09] So können oft die Eltern ihre Kinder nicht oft genug und hinreichend wirksam vor diesen und jenen Spielereien, die oft sehr gefährlich werden können, warnen; da kommen wir mit unserer himmlischen Schlimmheit und machen, daß sich solche Kinder bei ihren verbotenen Spielen recht empfindsam beschädigen, ja manchmal lassen wir es sogar darauf ankommen, daß dabei ein oder das andere Kind den Ungehorsam sogar mit dem Tode bezahlen muß, zum abschreckenden Beispiele für die andern. Die Kinder werden dadurch abgeschreckt, bekommen endlich eine große Furcht vor den verbotenen gefährlichen Spielen und kehren nicht mehr zu denselben zurück. Es tritt dann bei ihnen der Spruch als wirkend ein: >Ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer!<
10] Auch bei dir habe ich schon ein paar Male vor etlichen Erdjährchen eine ähnliche himmlische Schlimmheit ausgeführt, und sie hat dir sehr gute Dienste geleistet, darum du hernach bald ein wahrhaft frommes Kind geworden bist. - Nun, was sagst du jetzt zu meinem Schlimmsein?«


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