Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 163

Römischer Hauptmann Julius berichtet über Erfahrungen mit Templern.

01] (Der Hauptmann:) »Ich sage es euch: Mit diesen Menschen muß man geradewegs schonungslos verfahren, sonst ist mit ihnen nicht mehr auszukommen. Ich war der Mensch sicher nie, daß mich je darob eine Art Lust hätte anwandeln können, so ich, durch Umstände gedrungen, irgendeinen böswillig verstockten Sünder habe züchtigen lassen müssen; allzeit erwog ich genau alle Umstände, die den Menschen zu einem Verbrechen mochten verleitet haben. Aber diesen jüdischen Tempeldienern könnte ich sogar höchst eigenhändig mit Lust die Köpfe vom Rumpfe schlagen, und das darum, weil sie im Ernste die größten und hartnäckigsten Verbrecher an der armen Menschheit sind. Wahrlich, es geht ihre eigentliche, mit einer höchst miserablen Farbe von einer religiösen Moralität übertünchte Tendenz, wenn man sie so recht ins Auge faßt, ja mehr als ins Teuflisch-Scheußliche über!
02] Ich selbst habe mich mit meinen Augen und Ohren überzeugt, als ich in Jerusalem stationiert war, wie sie einem Menschen, der noch ein paar Groschen in seiner Tasche hatte, auf Leben und Tod zusprachen, sein Geld in den Gotteskasten zu legen! Der gute, aber natürlich schwache Mensch legte wirklich einen Groschen in den Kasten und entschuldigte sich damit, den zweiten Groschen deshalb nicht in den Kasten legen zu können, weil er weit nach Hause habe und ohne diesen einen Groschen am Wege verschmachten müßte! Aber das half nichts! Die Pharisäer machten ihm die Sache begreiflich, daß es für seine Seele im höchsten Grade heilsam sei, Gott und Seinem Tempel zuliebe und zur Ehre am Heimwege zu verhungern! Behalte er aber den Groschen, den Gott durch ihren Mund von ihm verlangt, so könne seine Seele ewig nie zur überaus angepriesenen Anschauung Gottes gelangen, und ihr Los werde sein, ewig zu brennen in den Flammen des Zornes Gottes! Der Mensch ward darauf blaß, fing an zu zittern, griff mit bebender Hand nach seinem letzten Groschen und legte selben auch in den Gotteskasten. Darauf murmelten die Kerle etwas wie ein Gebet über den armen Teufel und hießen ihn dann gehen.
03] Ich aber ging dem traurigen Menschen nach, und als wir uns ganz außerhalb des Tempels befanden, trat ich zu ihm und sagte zu ihm in einem freundlich-ernsten Tone: >Guter Freund, wie könnt ihr denn gar so schwach sein, euch von diesen Räubern eure letzte Habe herausschwätzen zu lassen!? Was die im Tempel zu euch geredet haben, daran haben sie selbst noch nie geglaubt; aber sie wissen, daß schwache Menschen sie in ihrer Blindheit für allwissende Halbgötter halten, schrecken ihnen darum alle ihre Habe heraus und verprassen sie dann in großem Wohlleben, während der Arme am Wege des Hungers stirbt. - Da habt ihr zwei andere Groschen wieder und begebet euch nach Hause! Kommet aber ja nicht wieder hierher! Denn ich sage es euch: Dies sein sollende Gotteshaus ist eine Räuberhöhle und Mördergrube, an der ein wahrer Gott nimmer ein Wohlgefallen haben kann!<
04] Der Mensch sah mich eine Weile ganz verblüfft an, nahm das Geld aus meiner Hand und sagte endlich: >Großer Herr! Du mußt mehr wissen denn ich; du wirst schier recht haben!< - Darauf verließ er mich und begab sich in seine Heimat.
05] Ähnliche Begebnisse habe ich im Tempel tausendmal gesehen und gehört; ja ich war zugegen, als ein solcher Pfaffe (>Pfaffe<, soviel als >Seelenhüter<. Das Wort >Pfaff< soll entstanden sein aus den Anfangsbuchstaben >P. f. a. f.< des lateinischen pastor fidelis animarum fidelium = treuer Hirte der gläubigen Seelen) eine Tochter bearbeitete, deren Mutter reich war, aber als eine vernünftige und heller denkende Frau den Gotteskasten im Tempel noch nie mit einem Groschen bereichert hatte. Der Pfaffe zeigte es der Tochter wie sonnenklar, daß sie ewig verloren sein werde, so sie sich nicht alle Mühe gäbe, die Mutter heimlich total zu bestehlen und das Geld in den Gotteskasten zu legen. Glücklicherweise war die Tochter, so wie ihre Mutter, stark samaritanischer Gesinnung, und es gelang dem Heuchler und Betrüger nicht, die Tochter zum Diebstahl zu verleiten, worüber ich eine große Freude hatte.
06] Ich habe mir bei solchen Gelegenheiten mehr denn einmal gedacht: So ich Landpfleger in Jerusalem wäre, wäre der Tempel schon lange von all dem Geschmeiße gereinigt worden! Aber als ein einem römischen Landpfleger höchst untergeordneter Mensch kann ich nichts machen und tun, denn seine Befehle in Vollzug zu bringen.
07] Mit dem Pontius Pilatus aber ist und bleibt nichts anzufangen; er ist ein Naturforscher, ein Busenfreund der Gelehrten von Pompeji und Herculanum, und kümmert sich ums Regierungsgeschäft wenig, läßt Herodes und die Templer nach ihrer Willkür schalten und walten, wenn sie nur ihren Tribut nach Rom pünktlich und richtig bezahlen. Glücklicherweise stehe ich hier nicht unter dem Stabe des Pontius Pilatus, sondern unter dem des Kornelius, und dieser unter dem des weisen und höchst gerechten alten Vaters Cyrenius, der gleich mir ein abgesagter Feind Jerusalems ist, und so kann ich in solcher meiner freien und von Jerusalem gänzlich unabhängigen Stellung die Pharisäer und Gottesleugner von Schriftgelehrten ganz gehörig bedienen, so sie mir in den Wurf kommen; und Du nun, mein wahrer Gott und Herr, wirst mir das doch sicher zu keiner Sünde anrechnen!?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 2   |   Werke Lorbers