Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 86

Der neue Synagogenoberste Korah und Chiwar in der Synagoge von Nazareth.

01] Mit diesen Worten entfernt sich der ehrliche Chiwar und gelangt bald in die Synagoge und überzeugt sich aber auch gleich, daß er dem Obersten schon sehr abgegangen ist. Der Oberste fragt ihn auch gleich, wo und was er nun so lange gearbeitet habe.
02] Und Chiwar sagte: »Herr, ich hatte einen gefährlichen Kranken, und dem mußte ich Hilfe schaffen. Und siehe, er ist geheilt und kann nun, da er ein Reisender ist, seinen Weg getrost fortsetzen!«
03] Fragt der Oberste: »Wohin reist er, wann reist er ab, und von wo ist er hierher gekommen? Kann ich ihn noch sehen und sprechen?«
04] Sagt Chiwar: »Er ist ein Jude, kam von oben her und ist jetzt schon nach unten hin abgereist; du kannst ihn nicht mehr sehen und sprechen - außer, wenn er wieder zurückkommt! Wenn aber das? Da dürften viele Tage verrinnen!«
05] Sagt der Oberste: »Mit dieser fuchsschwänzigen Auskunft kann ich mich nimmer begnügen! Wo ist die Herberge, daß ich selbst hingehe und mich fest erkundige nach dem von dir geheilten Reisenden nach unten hin, denn solch eine wunderbare Heilung von seiten eines Pharisäers ist eine wichtige Sache und muß von möglichst vielen Zeugen bestätigt werden, ansonst sie keinen Glauben und somit auch keinen Wert finden kann!«
06] Sagt Chiwar: »Wenn du mehr wissen willst, als ich weiß, so wende dich an die, die mehr wissen als ich; soviel ich wußte, habe ich dir auch allertreulichst kundgemacht. Wie möglich aber sollte ich dir mehr kundtun, als ich selbst weiß? Die Herberge aber war draußen im Hause des Zimmermanns Joseph. Willst du dich aber weiter darum erkundigen, so gehe hinaus! Vergiß aber ja nicht, deinen Rücken mit etwas zu verwahren; denn dort wird es an Schlägen durchaus keinen Mangel haben! Glaubst du denn, daß etwa die Leute einen gar so außerordentlichen Respekt vor dergleichen Menschen haben, wie wir da sind? Ich sage es dir: Keine Spur von so etwas! Bei der kleinsten Unbesonnenheit kann man seine Schläge nach dem Alphabet haben, und kein Gott nimmt sie dir dann mehr von deinem Leibe! Wie gesagt, es kommt nur auf einen Versuch an, und man kann dann schon aus der Erfahrung sprechen!«
07] Sagt der Oberste: »Aus solch einer zuversichtlichen Rede kann ich nur zu gut entnehmen, daß ihr euch samt der ganzen Bürgerschaft von Nazareth gegen mich verschworen habet. Aber das tut nichts, wir werden für diese Hacke schon auch noch einen Stiel finden! Jetzt weiß ich schon so ziemlich, wie ich hier daran bin! Ich hoffe aber, daß es mir in Kürze gelingen wird, dieses Komplott ganz zu entlarven; dann aber wehe euch und der ganzen Stadt! - Wo führt der Weg hinaus zum Hause des Zimmermanns?«
08] Sagt Chiwar: »Da sieh zu diesem Fenster hinaus! Dort in der Entfernung von etwa zweitausend Schritten siehst du ganz bequem des Zimmermanns Behausung samt dem dorthin führenden Wege. Gehe hin und überzeuge dich von allem - nota bene auch von den sicheren Schlägen!«
09] Sagt der Oberste: »Aber ihr begleitet mich und dienet mir als Sicherheitswache!«
10] Sagen alle: »Daß wir Narren wären! Das werden wir bleibenlassen! Wen es juckt, der trage seinen Rücken hinaus!«
11] Sagt der Oberste: »Nun denn in Jehovas Namen gehe ich selbst hinaus, und wir wollen es dann doch sehen, ob jemand mich, als einen Gesalbten Gottes, anrühren wird; denn es stehet geschrieben: >An dem Gesalbten aber soll sich niemand vergreifen; wehe dem, der seine Hand an das Haupt eines Gesalbten legt!<«
12] Sagt Chiwar: »Ja, ja, was du weißt, das wissen wir schon lange! Aber Gesalbte wie wir, deren Salbung nichts als ein elendes Blendwerk ist, gelten nichts mehr vor Gott, und Er wird unsere pseudo-gesalbten Häupter nicht beschützen, wenn sie den Fäusten unserer Feinde nach aller Gerechtigkeit ausgesetzt sein werden! Denn wie ich schon lange vorher erwähnt habe, so weiß das Volk nur zu gut, was da hinter uns und hinter dem Tempel steckt.«
13] Sagt der Oberste: »Gleichviel, ich gehe einmal hinaus! Aber dann wehe euch allen, so ich die Sache anders finde, als du, Chiwar, es mir mitgeteilt hast, als ich dich gefragt habe, wo du gewesen seiest!«
14] Sagt Chiwar: »Das, was du erfahren willst, wirst du wohl schwerlich erfahren, sondern etwas ganz anderes - und wird dir höchstens ein bedeutendes Wehe verursachen, während wir gar kein Wehe verspüren werden!«
15] Auf diese Worte begibt sich der Oberste schnell hinaus.
16] Als er aber in der Gasse geht, schreien die Jungen und die Mädchen: »Das ist der neue böse Oberste, der uns alle verderben will! Hinweg mit ihm!« - Von allen Seiten läuft ihm jung und alt mit Knitteln und Steinen zu, und einige Steine treffen auch schon seinen Leib und versehen ihn mit blauen Flecken.
17] Der Oberste merkt es nur zu bald, daß die Nazaräer keinen Spaß verstehen, kehrt sehr schnellfüßig wieder in die Synagoge zurück und schließt hinter sich die Türe hastig zu, in die noch eine ganze Ladung nachgeworfener Steine einige Merkmale eindrücken, die nur zu klar besagen, wie die Nazaräer gegen den neuen Obersten gesinnt sind.
18] Als der Oberste zu den Pharisäern kommt, sagt er voll Zorn: »Das ist euer Werk, und ich werde mich dafür an euch zu rächen wissen!«
19] Sagt Chiwar nun sehr erregt: »Was sprichst du, elender Narr! Wie kann das unser Werk sein, so wir alle dich gewarnt haben, hinauszugehen? Erst wenn du von uns dem Volke angepriesen wirst, kannst du mit dem Volke reden und mit ihm verhandeln; solange wir dich aber nicht anpreisen, wirst du allzeit mißhandelt werden, sooft du es wagst, allein die Straßen der Stadt zu betreten! Denn du bist schon darum beim Volke schwarz, weil du dir die Stelle erkauft hast! Nun du aber bei deiner ersten Ankunft uns wie das gesamte Volk auch tyrannisieren willst, um alles durch den Terrorismus ins Gleichgewicht zu bringen, so haßt dich alles wie die Hölle, und ich sage es dir, du wirst nun am besten tun, deine Stelle an einen Würdigeren zu verkaufen. Denn für deine Zukunft gebe ich keinen Stater!
20] Ein wie himmelhoch anderer Mensch müßtest du werden, wenn du dich unter uns günstig erhalten wolltest! Das aber scheint dir platterdings unmöglich zu sein. Denn bloß äußerlich eine freundliche Miene zeigen, innerlich im Herzen aber dennoch ein reißender Wolf sein, geht bei uns durchaus nicht, da wir alle merkwürdigerweise soviel prophetischen Geistes besitzen, dir auf ein Haar zu sagen, was du dir in deinem durch und durch bösen Herzen denkst!
21] Ja, wenn du dein Herz gänzlich umgestaltest und dasselbe von der reinen, göttlichen Weisheit und Wahrheit durchglühen lässest, dann werden wir dich auch anpreisen vor dem Volke, und du wirst dann hier ein gutes Sein haben; aber dein Hoherpriester, dein Pilatus und noch weniger dein Herodes werden dir hier zu nichts nütze sein!«
22] Sagt der Oberste: »Wie kannst du wissen, daß ich nun im Ernste an diese drei Helfer gedacht habe?«
23] Sagt Chiwar: »Weil auch ich etwas prophetischen Geist besitze, der dich haarklein durchschaut, und du dich vor uns unmöglich verbergen kannst, - auch in Kapernaum so wenig wie hier; und wärest du tausend Tagreisen von hier, so würden wir dich auch in solcher Entfernung durchschauen! Du wirst sonach gegen uns schwer etwas zu unternehmen imstande sein, wo wir nicht schon im voraus die tauglichsten und wirkungsvollsten Gegenmittel ergreifen könnten! Bist du so mit uns zufrieden?
24] Denn siehe, wir sind noch Priester vom alten Schrot und Korn! Der Geist Jehovas ist noch in uns, wenn er auch schon lange den Tempel zu Jerusalem total verlassen hat. Willst du sonach aber unter uns bestehen, so mußt auch du ein echter Priester sein; denn als Scheinpriester wirst du dich unter uns nie halten können und wirst besser tun, deine Stelle an irgendeinen Würdigen zu veräußern, wie ich es dir schon früher bemerkt habe!«
25] Sagt der Oberste: »O ihr verfluchten Hurenknechte im Tempel zu Jerusalem! Mein schönes Gold und Silber hat euch geschmeckt, - aber das habt ihr nicht bedacht, daß mir dafür statt einer ansehnlichen und einträglichen Stelle ein wahres Wespennest zuteil ward! Nun wartet, es soll euch bald klarwerden, daß Korah sein Gold und Silber nicht umsonst in euren Rachen gesteckt hat!« - Nach einer Weile wendet er sich abermals an den Chiwar und fragt ihn: »Was soll ich denn tun, um mich eurer Freundschaft und der Freundschaft des Volkes teilhaftig zu machen?«
26] Sagt Chiwar: »Ich, wie der Roban, haben dir die Weisung schon gegeben, und hier auf dem Tische liegt die Schrift; diese zeigt dir den Willen Jehovas genau an. Handle danach und nicht nach den verdammlichen Menschensatzungen des Tempels, so wirst du unter uns ein wahrhaft gutes Sein haben! Du mußt dir das Wohlgefallen Gottes erringen, so wird dir auch alles andere von selbst hinzufallen!«
27] Sagt Korah: »Ja, das werde ich tun von nun an, soweit es nur immer in meinen Kräften steht. Aber es wird euch doch nicht unangenehm sein, wenn ich wenigstens auf ein Jahr meinen Sitz hierher nach Nazareth verlege? Denn hier bei euch kann ich wahrlich etwas lernen, während in Kapernaum - und sicher auch in Chorazin, wie in den andern kleineren Städten am Galiläischen Meere - lauter elende Kriecher anzutreffen sind!«
28] Sagen alle: »Da wirst du sehr wohl daran tun, und uns allen wird es eine große Freude sein, dir als unserem Obersten wahrhaft dienen zu können! Denn hier wird kein Betrug mehr geübt, kein Tempelmist verkauft und um keine Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe im Bethause gefeilscht; sondern unser kleines Bethaus ist noch das, was es sein soll, und in der Synagoge werden keine Wechseleien getrieben!
29] In unserem kleinen Bethaus lodert zwar keine Flamme über irgendeiner Bundeslade, dafür aber desto mehr und wahrhaftiger lebendig in unseren Herzen, und das ist Gott wohlgefälliger als aller Tempeldienst in Jerusalem, hinter dem kein Wahrheitsfunke mehr glüht; und es bewahrheitet sich am Tempel, was Gott durch den Mund des Propheten Jesaja geredet hat, da er sprach: >Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!< Ist die Falschheit Jerusalems ja doch mit den Händen zu greifen! Schmücken die Priester nicht alljährlich die oft falschen Gräber der Propheten, während diese von ihren Vätern gesteinigt worden sind? Und handeln die jetzt Lebenden etwa anders? O nein, sie treten ihren bösen Vorfahren genau in die Fußstapfen! Den Zacharias haben sie getötet zwischen dem Opferaltar und dem Allerheiligsten, und dem Johannes hat Herodes den Kopf vom Leibe schlagen lassen! Sage, was für Gottesdiener sind das wohl? Wir sagen es dir ganz unverhohlen: Das sind Diener des Satans, aber ewig nie Diener Gottes! Glücklicherweise stehen sie in unseren Händen, was sie wohl wissen; darum lassen sie uns auch fein ungeschoren!
30] Sollten sie jedoch einen oder den andern von uns noch so freundlich nach Jerusalem zu irgendeinem Feste laden, so sind wir allzeit so keck, die Einladung um keinen Preis der Welt anzunehmen, und erwarten lieber hier den natürlichen Tod, als daß wir etwa in allen Ehren auch nach einem künstlichen in den geheimen Gemächern um den Tempel herum suchen sollten! Glaube uns, so klug wie die Herren im Tempel sind auch wir und schmecken den Braten schon lange eher, als diese ihn ans Feuer setzen! Darum halte du dich nur schön fest an uns, und es wird dir durchaus nichts abgehen!«
31] Sagt Korah: »Jetzt bin ich mit euch schon ganz im klaren, was mir sehr lieb ist; aber der Tempel soll sich freuen über die mannigfachen Freundschaften, die wir ihm bei guten Gelegenheiten erweisen werden!«
32] Sagt Chiwar: »Weißt du, absichtlich Böses werden wir ihm nicht zufügen; aber wenn er uns angreifen sollte, dann auch wehe ihm! Denn am Material dazu fehlt es uns doch wahrhaftig nicht!«
33] Nach diesen Worten Chiwars kommt der Koch und ladet sie alle zum Mittagstische.


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