Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 87

Chiwar und Korah über die Erweckung der toten Sarah.

01] Als alle beim Mittagstische es sich unter allerlei geistigen Besprechungen recht wohl schmecken lassen, tritt Borus in den Speisesaal, grüßt alle und führt ihnen sein Weib Sarah vor, mit dem Ersuchen, sie, weil der jüdischen Lehre angehörig, als sein rechtmäßiges Weib in ihren Büchern zu vermerken!
02] Und Chiwar holt gleich das große Ehebuch und schreibt beide sogleich als vor Gott und aller Welt vollkommen rechtmäßige Eheleute ein!
03] Aber der Oberste fragt den Chiwar, ob solches hier wohl ginge, da doch erwiesenermaßen Borus ein Grieche sei.
04] Sagt Chiwar: »Freund, hier bei uns geht alles, und es wäre eine Torheit, ein Ehepaar nicht verbinden zu wollen, das Gott schon lange zuvor verbunden hatte!«
05] Sagt der Oberste: »Woher weißt du denn das?«
06] Sagt Chiwar: »Wie ich um gar manches weiß, um was du jetzt noch lange nicht weißt, so weiß ich auch das, wenn du es jetzt auch noch nicht weißt! Darum sei du nun nur ganz ruhig; denn hier wird alles anders gehandhabt als im Tempel!«
07] Der Oberste lächelt und stellt sich zufrieden.
08] Borus aber zieht gleich einen schweren Beutel Goldes aus seiner Tasche hervor und entrichtet damit nach der Vorschrift seine Taxe, die freilich bei weitem nicht so groß war wie das, was er in den Beutel hineingelegt hatte, und empfiehlt sich darauf sogleich.
09] Als Borus den Speisesaal verläßt, hebt der Oberste den Beutel und sagt: »Da sind ja über fünf Pfunde Goldes in den reinst geprägten Augustus-Stücken, - auch sind einige Tiberiusse darunter! Ist denn hier das so üblich? Im Tempel wäre ein Pfund Goldes schon eine Ehrengabe!«
10] Sagt Chiwar: »Solche Gaben sind hier nichts Seltenes; aber Borus, nach Jesus wohl der erste Arzt in der Welt, ist ein zu großer Ehrenmann und dabei zu reich, als daß er sich nur bei irgendeiner Gelegenheit schmutzig zeigen möchte!«
11] Fragt der Oberste weiter: »Wer war denn sein gar überaus schönes und liebenswürdigstes Weibchen?«
12] Sagt Chiwar: »Das ist des Obersten Jairus Tochter, von der ich dir schon gemeldet habe, daß sie der Wunderheiland Jesus zweimal nacheinander vom Tode erweckt hat.«
13] Sagt der Oberste: »Sie war vielleicht nur in einer starken Ohnmacht, was bei so zarten, reizenden Wesen eben nichts Neues ist!«
14] Sagt Chiwar: »Oho, wenn man über vier Tage im Grabe modert und den Leichengeruch jede noch so stumpfsinnige Nase nur zu gut empfindet - wie wir alle solchen trotz aller Salben nur zu martialisch empfunden haben, als wir sie zur Gruft begleiteten und dort die Klagelieder absangen -, da ist von einer Ohnmacht keine Spur mehr vorhanden! Aber Jesus, dem guten Heilande, war das wunderbarst möglich, was nur Gott allein möglich sein kann, sie dennoch, bloß mit einem Worte, ohne alle sonstigen Mittel, in das schönste Leben augenblicklich wieder zurückzurufen; und sie ist jetzt lebhafter und gesünder, als sie es je in ihrem ganzen Leben war, - denn sie ist noch sehr jung und zählt kaum sechzehn Jahre!«
15] Fragt der Oberste: »Wie lange ist es denn schon her, daß sie vom Tode erweckt wurde?«
16] Sagt Chiwar: »Höchstens sechs bis sieben Tage! Ganz genau wüßte ich die Zeit nicht anzugeben; aber soviel ist gewiß, daß sie zu Anfang der vergangenen Woche vom Tode wieder zum Leben erweckt worden ist.«
17] Sagt der Oberste, ganz außer sich vor Verwunderung: »Das ist wirklich etwas, das auf der Erde noch nicht erlebt worden ist! Nun die heitere Frische dieses liebsten Weibchens und doch schon als Leiche vier Tage im Grabe!? Wahrlich, das ist unerhört, vorausgesetzt, daß ihr mir wohl die volle Wahrheit kundgebet, was ich nun nicht mehr bezweifeln will; denn dieser Ort scheint aus lauter Wundern zusammengesetzt zu sein!«
18] Sagt Chiwar: »Jawohl, es ist wahrlich also! Besonders aber zieht vor allem eben der besagte Heiland Jesus alle erdenkliche Aufmerksamkeit auf Sich; denn Seine Leistungen überbieten in einem unbeschreibbar höchsten Grade alles und jedes, was je von den Erzvätern durch Moses geschrieben worden ist, und was alles wir von den großen Propheten wissen! Denn das ist noch nie dagewesen! Es gibt dir keine noch so böse Krankheit, die Er nicht augenblicklich durchs pure Wort heilt, ohne den Kranken zu sehen oder zu berühren! Will Er etwas anderes, so geschieht es im Augenblick!
19] So ist zum Beispiel die vor etwa vier Tagen erfolgte Abdankung des Jairus und die im selben Augenblick im Tempel zu Jerusalem dem Hohenpriester präsentierte Abdankungsurkunde ja doch mehr als ein Wunder! Auf dem natürlichen Wege wäre diese Urkunde vielleicht kaum heute erst in die Hände des Hohenpriesters gelangt; so aber hast du schon vor zwei Tagen in Kapernaum und heute in aller Frühe von dort hier eintreffen können, - und es ist dabei durchaus kein Versehen in der Regel und alten Herkömmlichkeit geschehen! Du bist nun auf diesem wunderbarsten Wege vollkommen oberster Priester von ganz Galiläa, und die Abdankung des Jairus liegt vollkommen mit allen erforderlichen Beigaben und Erklärungen in den Händen des Oberpriesters im Tempel, und alles das kostete einen und denselben Augenblick! Also ist es uns von getreuen Zeugen erzählt worden, daß eben dieser Jesus erst vor wenigen Wochen einen allergewaltigsten Meeressturm bedrohte, - und das Meer und die Winde gehorchten augenblicklich dem Worte des Heilandes! Dergleichen Histörchen könnte ich dir noch in Menge kundtun; aber es ist für den Augenblick die Zeit nicht dazu. Man könnte nun meinen, dieser Mensch sei ein Söldling des Satans, wenn einen Seine Worte, Lehren und lieblich ernsten Ermahnungen nicht eines Bessern belehrten!
20] Ich sage es dir offen, treu und wahr: Unbegreiflich wunderbar sind Seine Taten; aber sie verschwinden als leere Nebensachen gegen die wunderbarste Macht Seiner Reden und Lehren! Da vernimmst du Wahrheiten, von denen es nie einem Propheten geträumt hat! Er stellt dir das Leben eines Menschen auf eine Art dar, nach der kein Mensch nur einen allergeringsten Zweifel haben kann, ob seine Seele sterblich oder unsterblich ist. Die Unsterblichkeit wird dir auf eine so handgreifliche Weise dargestellt, daß du aber auch keinen Augenblick zweifeln kannst, daß es nach des Leibes Tode ein ewiges Fortleben der Seele durch den in ihr wohnenden göttlichen Geist gibt.
21] Kurz, es ist dieser Jesus dir ein Mensch von so ungewöhnlichen Fähigkeiten, daß man mit dem besten Gewissen sagen muß: Solch einen Menschen hat die Erde seit Adam nie zu ihrem Bewohner gehabt! Alle Elemente gehorchen Ihm, Myriaden Geister sind zu Seinen Diensten stets bereit, und so habe ich auch von mehreren Seiner Jünger erfahren, daß Er auf Seiner Reise von Sichar nach Kana in Galiläa am hellsten Mittage die Sonne augenblicklich total finster gemacht hat, aber sie dann in einigen Augenblicken darauf wieder so hell wie zuvor hat leuchten lassen!
22] So erzählten uns Roban und mehrere hundert Zeugen, die wir ausgeforscht haben, daß Er in Sichar zwei alte, verfallene Burgen, das alte Haus Josephs und Benjamins und das alte Schloß Esaus, das nun dem reichen Kaufmanne Jairuth gehört, auf Sein Wort in einem Augenblick derart hergestellt hat, daß darüber alle dortigen Baumeister ganz offen bekennen, daß sie mit einer solchen Herstellung der beiden alten Burgen bei allem Fleiße zum wenigsten zehn volle Jahre zu tun gehabt hätten, so sie solchen Wiederaufbau auf natürlichem Wege hätten zur Bewerkstelligung überkommen! Dazu aber ist das überaus weitläufige Gebäude in einem Augenblick aus dem festesten Baumaterial nicht für sich allein fertig dagestanden, sondern mit allen möglichen Erfordernissen eingerichtet, und das in einer so zweckmäßigen und zugleich überaus schönen Art, wie man so etwas, aus den Händen der Bauleute hervorgehend, auf dieser Erde wohl nirgends mehr zu sehen bekommen kann!
23] Ebenso erzählte mir ein gewisser Grieche aus Kana in Samaria - sein Name war Philopold - nahezu unglaubliche Dinge, die ich dennoch glauben mußte, weil er mir dafür tausend Zeugen vorführte.
24] Wenn aber meiner, nur für mich geltenden Ansicht nach ein Mensch solche Dinge vollbringt, so halte ich ihn für mehr als einen Menschen und für mehr als den größten Propheten! Er sagte freilich vor etlichen Tagen - ich glaube am See bei einer Fischerei, die auch eine vollkommen wunderbare zu nennen war -, daß solches jeder Mensch bewirken könnte, so er einen festen, vollkommen zweifellosen Glauben hätte. Aber da meine ich, daß ein solcher Glaube ebenso wunderbar wäre als das größte Wunder selbst; denn ein solcher Glaube kann nur eine helle Folge der in sich klar bewußten Fähigkeit sein, die jedes erdenkliche Gelingen in sich schließt.
25] Wer seine Kräfte kennt, der muß ihnen auch soweit trauen, als er sie für die Effektuierung (Verwirklichung) einer Sache oder überhaupt eines Werkes als hinreichend aus vieler Erfahrung schon lange im klaren Bewußtsein hat. Wenn der Mensch aber seinen Glauben aufs Gelingen über seine ihm bewußten Kräfte hinaus spannen sollte, so wird solch einen Glauben meiner Ansicht nach sobald der Zweifel zu begleiten anfangen, als er eine zu hebende Last vor sich erschauet, für deren Bemeisterung er, sich nur zu klar bewußt, bei weitem nicht die hinreichenden Kräfte in sich fühlt.
26] Wenn ich einen Stein von etlichen Pfunden vor mir auf der Straße liegen sehe, der mir im Wege ist, so werde ich wohl keinen Augenblick zweifeln, daß ich den Stein mir, wenn ich es nur will, aus dem Wege räumen kann; liegt aber auf dem Wege ein Felsblock von vielleicht hunderttausend Pfunden, da glaube ich, daß es mit dem ungezweifelten Glauben ganz verzweifelt schwer halten wird. Wenn ich meinen Willen noch so anstrengte, so wird das wahrscheinlich nichts nützen, weil mir die subjektive Überzeugung total fehlen muß, daß man mit einer Hebekraft für höchstens zweihundert Pfunde auch einer Last von hunderttausend Pfunden Meister werden kann.
27] Nun aber ist diesem Jesus wie einem Gott alles möglich! Seinem Willen ist ein Berg ebensowenig wie ein Sonnenstäubchen! Erde, Luft, Wind, Wasser und Feuer gehorchen Ihm wie die Lämmer ihrem Hirten, und den Blitz leitet Er tausend Male sicherer als der beste Schütze den Pfeil von seinem Bogen!- Was folgt aber hieraus? Ich bitte nun dich, darüber als unser Oberster uns deine Meinung kundzutun!«


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