Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 66


Heilung eines Gichtbrüchigen. Sein Dank durch Singen und Springen. Staunen und Flucht der römischen Soldaten.

01] Wir aber ziehen auch weiter gen Morgen und kommen bald zu einem kleinen Dörfchen, ungefähr zwanzig Feldweges vom Schlosse entfernt. Die ganze Einwohnerschaft eilt uns freudig entgegen und befragt uns sanft, womit sie uns dienen könnte. Ich aber sage zu ihnen: »Habt ihr niemand, der krank wäre in eurer Mitte?« Sie bejahen es und sagen: »Ja, wir haben einen, der völlig gichtbrüchig ist!«
02] Sage Ich: »Also bringet ihn her, auf daß ihm die Gesundheit wieder werde!« Sagt einer: »Herr, das wird schwer gehen! Dieser Gichtbrüchige ist derart kontrakt (gelähmt), daß er nun bei volle drei Jahre das Bett nicht mehr verlassen kann, und das Bett, darin er liegt, ist schwer zum Weitertragen, da es mit dem Boden befestigt ist. Möchtest du dich denn nicht zum Kranken bemühen?« Sage Ich: »So das Bett schwer zu übertragen ist, so hüllet den Kranken denn in eine Matte ein und bringet ihn hierher!« Auf diese Beheißung eilen etliche schnell in das Haus, in dem der Gichtbrüchige liegt, wickeln ihn in eine Matte ein und bringen ihn zu Mir hinaus auf die Straße und sagen: »Herr, hier ist der arme Kranke!«
03] Ich aber frage den Kranken, ob er es glaube, daß Ich ihn heilen könne. Da besieht Mich der Kranke und sagt: »Lieber Freund, du siehst wohl danach aus; du scheinst schon ein rechter Heiland zu sein! Ja, ja, ich glaube es!«
04] Sage darauf Ich: »Nun denn, - so stehe auf und wandle! Dein Glaube kam dir zu Hilfe; aber vor deinen gewissen Sünden hüte dich in der Folge, auf daß du nicht wieder in die Gicht verfällst, die ein zweites Mal ärger wäre denn nun!«
05] Und alsbald erhebt sich der Kranke, hebt die Matte auf und fängt an zu gehen. Als er dadurch erst merkt, daß er vollkommen geheilt ist, so fällt er vor Mir nieder, dankt und sagt am Ende: »Herr, in Dir ist mehr denn Menschenkraft; gelobt sei die Kraft Gottes in Dir! a O selig der Leib, der Dich getragen, und überselig die Brust, die Du gesogen!« (a Lukas.11,27)
06] Ich aber sage zu ihm: »Und selig alle, die Meine Worte hören, sie in ihrem Herzen behalten und danach leben!« Sagt der Kranke: »Herr, wo kann man Dich reden hören?«
07] Sage Ich: »Kennst du doch den Oberpriester Jonael von Sichar, der auf Garizim opferte! Siehe, der hat Mein Wort; gehe hin und lerne es von ihm!« Sagt der Geheilte: »Herr, wann ist er zu treffen daheim?« Sage Ich: »Hier neben Mir steht er; frage ihn selbst, er wird es dir sagen!«
08] Hier wendet sich der Geheilte an den Jonael und sagt: »Würdiger Oberpriester des Jehova auf Garizim, in welcher Zeit dürfte ich in dein Haus treten?«
09] Sagt Jonael: »Bis jetzt bestand deine Arbeit im Liegen und im geduldigen Ertragen deines Leidens; du hast demnach daheim nicht viel zu versäumen. Gehe mit uns den heutigen Tag über und höre; es wird noch so manches vorkommen, und morgen sollst du alles andere erfahren!«
10] Sagt der Geheilte: »So ich als würdig erachtet werden mag, zu wandeln in solch einer Gesellschaft, da folge ich euch mit allen Freuden! Denn, lieber Freund, wenn man durch drei volle Jahre unter oft unsäglichen Schmerzen im harten Bette hat dahinschmachten müssen und nun durch ein reines Gotteswunder auf einmal von dem bösen Übel geheilt wird, da fühlt man erst so recht den Wert der Gesundheit! Und welch eine Freude ist es, mit geraden Beinen wandeln zu können! Deshalb möchte ich nun, gleich einem David, tanzend und springend vor euch einhergehen und mit großem Jauchzen loben die große Güte des Herrn!«
11] Sagt Jonael: »Gehe und tue desgleichen, auf daß vor unsern Augen erfüllet werde, wie es vom Herrn geschrieben steht: a 'Und der Lahme wird springen wie ein Hirsch!'« (a Jesaja.35,06)
12] Da wirft der Geheilte die Matte von sich, begibt sich schnell vor die Gesellschaft, fängt an zu springen und zu jauchzen und läßt sich in seiner Freude nicht stören. Denn es kommen ihm nach zwei bis drei Feldweges die vom Schlosse des Jairuth durch die zwei Jünglinge auf einen Seitenweg versprengten römischen Söldlinge und Schergen samt ihren Führern entgegen und fragen, ihn in seiner Freude störend, was er da tue. Er aber läßt sich dadurch nicht beirren und sagt, während er noch hüpft und springt, als achtete er der Frage des Oberanführers nicht: »Wenn die Menschen lustig werden, da wird das Vieh traurig; denn der Menschen Freude bringt Tod dem Viehe! Darum nur Jurahel! Jurahel! - Die Menschen voll Freude, das Vieh traurig auf der Heide! - Jurahel, Jurahel!« Der Geheilte fährt so fort. Das ärgert den Oberanführer, und er verbietet ihm solchen Lärm.
13] Der Genesene aber sagt: »Was verbietest du mir meine Freude!? Ich lag drei volle Jahre als Gichtbrüchiger im Bett! Wärest du zu mir gekommen und hättest zu mir gesagt: 'Stehe auf und wandle!', und ich wäre auf solch eine Sentenz also gesund geworden, als wie ich's nun bin, da hätte ich dich und jeglich Wort aus deinem Munde göttlich hoch verehrt; aber da du kein solcher bist und deine Macht gegen die meines neuen Herrn ein barstes Nichts ist, da gehorche ich dem mächtigen Herrn, - und darum nur wieder Jurahel, Jurahel, Jurahel!«
14] Der Oberanführer verbietet ihm nun ganz ernstlich das Spektakelmachen und bedroht ihn mit Strafe; aber in dem Augenblick kommen zwei der Jünglinge zum Lustigen und sagen ihm: »Laß dich nicht stören in deiner Freude!«
15] Als der Anführer die ihm schon bekannten Jünglinge ersieht, so schreit er im Augenblick zu seiner gänzlich waffenlosen Truppe: »Zur Flucht! Seht, schon wieder zwei Diener Plutos!«
16] Als der Oberanführer solchen Kommandoruf tut, so nimmt diese ganze römische Fanglegion aber ein derartiges Fersengeld, wie man zuvor noch nichts Ähnliches gesehen hatte. Der Genesene aber springt und jauchzt nun noch mehr und schreit den Flüchtigen nach: »Jurahel, Jurahel! Wenn die Menschen fröhlich sind, ist das Vieh traurig!« - Darauf wird er ruhiger, kehrt zum Jonael zurück und sagt zu ihm: »Freund, so dir im Gehen das Reden nicht zuwider ist, da könntest du mir wohl etwas von dem kundtun, was du als ein neues Wort von diesem Herrn hast, der mir die Gesundheit gegeben hat!? Denn so ich solch ein Wort mir zum Gesetze machen soll, da muß ich's zuvor kennen!«
17] Sagt Jonael: »Sieh, wir nähern uns abermals einem Dorfe, das nun nach der neuen römischen Verfassung ein Flecken ist; da wird der Herr sicher wieder etwas unternehmen! Du aber folgst uns ohnehin in die Stadt; in meinem Hause oder in dem der Irhael findest du Herberge auf solange, als es dich freut. Daselbst sollst du mit allem bekannt gemacht werden! Wir haben nun auch gar nicht mehr weit in die Stadt. Diese Ortschaft, zu der wir nun kommen, gehört nach einer neuen Ordnung der Römer eigentlich schon zur Stadt; aber da sie vorzüglich den Römern als eine Feste dient, so haben sie sie von Sichar getrennt, sie mit einem Walle umfaßt und sie zu einem Flecken eigenen Namens erhoben. Diese Ortschaft ist nicht groß; mit tausend Schritten haben wir sie hinter dem Rücken. Darauf wenden wir uns links und haben dann kaum sieben Feldwegs bis zu den ersten Häusern von Sichar; daher gedulde dich nur ein wenig noch, und es wird dir dann schon sogleich dein Wunsch erfüllt werden!«
18] Sagt der Genesene: »O bei Abraham, Isaak und Jakob! Wenn dieser Flecken ein römischer Besatzungsposten ist, da wird es uns bitter ergehen! Denn der römische Feldherr wird uns übel aufnehmen, indem er erst vor wenigen Augenblicken vor uns das allerschimpflichste Fersengeld genommen hat.«
19] Sagt Jonael: »Das überlassen wir alles dem Herrn, Der nun mit uns ist; Er wird alles wohl und recht machen! Ich sehe aber nun schon eine Schar Krieger mit einer weißen Fahne aus dem Flecken uns entgegenziehen; das scheint mir ein gutes Vorzeichen zu sein!«
20] Sagt der Genesene: »O ja, wenn es kein gewöhnlicher Kriegskniff der Römer ist!? Denn in derlei sind der Römer und Griechen Kriegsscharen überaus ausgezeichnet!«


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