Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 52


Oberpriester Jonael soll seine Familie holen. Seine Töchter und ärmlichen häuslichen Verhältnisse. Vorbildlich einfache Kleidung der Mutter Maria. Verleumdung der Familie des Oberpriesters. Jesu Trostwort.

01] Der Oberpriester aber erhob sich und bat Mich, sagend: »Herr, da Du uns noch die hohe Gnade erweisest, bei uns zu bleiben auch diesen Tag hindurch, wie wäre es denn, so Du mit Deinen Jüngern, wie auch mit allen andern, die an Dich glauben, an meiner Seite die nahen Ortschaften, deren wir nur drei zählen, besuchen möchtest? Vielleicht fänden sich darinnen doch auch einige Leute, die an Dich glauben würden, so sie Dich sähen und hörten.«
02] Sage Ich: »Dererwegen nicht, aber deinetwegen ja! Dir macht es eine Freude, und Ich will dir solche Freude gerne machen. Aber du hast auch Weib und Kinder; willst du Mir diese nicht auch vorstellen? Wo sind sie, und wieviel sind ihrer?«
03] Sagt der Oberpriester etwas verlegen: »Herr, ich habe ein liebes Weib, das samt mir schon etwas bei Jahren ist, und habe auch sieben Kinder, aber leider lauter Mägdlein von 12-21 Jahren. Du weißt es aber, daß es einem Israeliten eben nicht zur Ehre gereicht, keine männlichen Nachkömmlinge zu haben, und so - habe, o Herr, Geduld mit meiner Schwäche! - habe ich mich nicht getraut, mit meiner puren Weiberschaft zum Vorscheine zu kommen!
04] Wenn es Dir, o Herr, aber dennoch genehm wäre, so möchte ich Dich wohl bitten, bei der Gelegenheit auch an meinem Hause vorüberzuziehen, allwo ich Dir dann meine Weiberschaft vorführen würde. Hierher aber schickte es sich kaum; denn sieh, ich habe zwar wohl von allem etwas und kann mäßig hier leben mit meiner Familie, aber mit der Bekleidung sieht es etwas ärmlich aus. Fürs Haus und desselben Geschäfte sind sie hinlänglich bekleidet; aber um in einer Gesellschaft, wie diese hier, zu erscheinen, wären sie denn doch als Familie eines Oberpriesters viel zu ärmlich! Und also meine ich, ist es dennoch besser in jeder Hinsicht, daß sie fein zu Hause verbleiben, allwo sie der Welt nicht zum Bespötteln und der Nahrung ihrer angebornen Eitelkeit ausgesetzt sind. Und es ist für sie auch gut, mit der Welt so wenig als möglich in Berührung zu kommen; denn die Welt ist und bleibt allzeit schlecht!«
05] Sage Ich: »Ich will es tun, wie du es wünschest; aber dann laß sie nur alle mit uns ziehen! Für eine etwas bessere Bekleidung ihres Leibes aber wird schon gesorgt sein also, daß sie sich in unserem Kreise gut genug ausnehmen werden! Daß du sie aber von der Welt soviel als möglich abziehest, ist sehr gut und weise von dir, aber für unsere doch sicher nicht weltliche Gesellschaft hätten sie also auch völlig getaugt.
06] Sieh an die Maria, die Mutter Meines Fleisches! Sie ist rein mit weißer Wäsche angetan und trägt darüber eine ganz ordinäre (einfache) blaue Schürze, und sie ist gut genug bekleidet! Am Haupte trägt sie gewöhnlich einen viereckigen Sonnenschirm, so wie alle andern Weiber, die Mir aus Galiläa und Judäa gefolgt sind, und sie taugen also gerade am besten für unsere Gesellschaft. Aber das macht nun nichts; dein Weib und deine sieben Töchter sollen heute auch in unserer Gesellschaft sich befinden!«
07] Sagt einer aus den Samaritern: »Es wäre alles wohl und gut! Ich für mich wohl habe kein Zeugnis; aber was ich so von verschiedenen Menschen dieser Gegend gehört habe, das sage ich nun, - ihr aber könnt dennoch tun, was ihr wollt. Die Sage aber lautet, daß die älteren vier Töchter, sooft der Oberpriester nicht daheim wäre, nächtlicherweile auf der Gasse gesehen würden, und da sie sehr schön seien, so nähmen sie Geld von geilen Knechten und ließen sich beschlafen! Also geht im geheimen das Gerede. Ich für meinen Teil aber habe kein Zeugnis dafür! Aber nur so viel meine ich: Wenn diese neue Lehre hierorts einen allgemeinen Eingang finden solle bei den noch sehr vielen Ungläubigen, so würde es des unsinnigen Pöbels wegen geratener sein, wenigstens die vier älteren nicht in die Gesellschaft aufzunehmen! Denn du, Bruder Jonael, weißt es, wie spießredig und arg unsinnig und hartgläubig unser Volk ist. Kommt nun so etwas ihm zu Gesicht und zu Ohren, dann richtet Jehova Selbst nichts mehr aus mit solch einem Volke! Es sei das aber bloß nur mein unmaßgeblicher Rat der nur zu evidenten Bosheit unseres Volkes willen, damit die gute Sache zu keinem Schaden kommen solle!«
08] Der Oberpriester wird darauf ganz traurig und sagt: »Herr! So ich in der Erziehung meiner Töchter nur ein wenig lauer und nachlässiger gewesen wäre, da würde es mich kaum traurig machen, so was anhören zu müssen; aber so weiß ich, daß bei meinen Töchtern nichts verabsäumt ward, was zur Bildung ihres Verstandes und Herzens nötig ist, und ich getraue es mir, den heiligsten Eid abzulegen, daß jede meiner Töchter noch sicher so rein ist wie eine Blume am Berge Jehovas! Woher dann solch eine schändlichste Verunglimpfung?!«
09] Sage Ich: »Mein lieber Bruder Jonael, mache dir da gar nichts daraus! So deine Töchter vor Mir rein sind, so genüge dir das vollkommen! Denn die Welt ist einmal vollends des Teufels, und somit durch und durch schlecht! Hast du je gehört, daß man von Dornen Trauben und von den Disteln Feigen geerntet hat?! Ich wußte das schon seit lange her und habe darum solches auch am Berge bei dem a Bilde vom Splitter im Auge des Nächsten sehr bemerkbar gemacht! Und siehe, es trieb dies Bild viele vom Berge; denn sie gewahrten es, daß Ich sie im Auge hatte. (a Matthäus.07,03-05; Lukas.06,41-42; jl.ev04.165,01jl.ev04.168,08jl.ev06.222,19jl.ev08.124,14jl.ev08.194,01jl.ev10.029,02-04*;  jl.rbl1.142,05)
10] Ich aber sage dir: Nun erst gehen deine Töchter ganz bestimmt mit uns, und Ich werde gehen in ihrer Mitte! Denn was da einmal des Teufels ist, das soll auch des Teufels bleiben, so es sich nimmer bekehren lassen will! Nun aber machen wir uns alsogleich auf! Ich habe deinem Weibe und deinen Töchtern schon alles kundgemacht; sie werden uns schon erwarten.«


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