Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 53


Jesus mit Jüngern und Volk auf dem Weg zu drei Ortschaften. Entlarvung und Bestrafung eines frechen Verleumders der Töchter Jonaels. Sein Widerruf und Buße.

01] Auf dem Wege sagt einmal Simon Petrus: »Jetzt fängt's bei mir vor lauter Wunder über Wunder an ordentlich schwindlig zu werden! Nein, wer jetzt es noch nicht einsieht, daß dieser Jesus aus Nazareth der leibhaftige wahre Sohn Jehovas ist, der muß entweder mit einer zehnfachen pharaonischen Blindheit geschlagen sein, oder er ist völlig tot! a Kranke werden bloß durchs Wort plötzlich geheilt, die Blinden sehend, die Taubstummen hörend und die Lahmen gehend gemacht, und die voll des unheilbarsten Aussatzes sind, werden also rein, als hätten sie nie gesündigt! (a Matthäus.11,05; Jesaja.35,05-06; Jesaja.61,01)
02] Zu all dem a öffnen sich noch die Himmel, und Scharen von den allerherrlichsten Engeln schweben eiligst hernieder, dienen uns und tun mit uns, als ob sie schon seit der Entstehung des ersten Menschen die Erde nie verlassen hätten; und schön sind sie, daß man bei ihrem Anblicke gerade vor lauter Wonne vergehen könnte! Und wenn Er spricht in früher nie gehörter Weisheit, wie sind diese schönsten Diener Jehovas dann voll der süßest zerknirschtesten Aufmerksamkeit und heiliger Andacht und dabei dennoch so munter als wie die Schwalben an den schönsten Sommertagen! Wahrlich, wer da noch sagen kann: 'Dieser Jesus ist ein purer Magier und sonst nichts!', der sollte gleich wie ein Ochse geschlachtet werden! Denn so ein Mensch kann kein Mensch sein, sondern nur ein des Redens fähiges Tier, und sollte darum auch nicht sterben wie ein Mensch, sondern wie ein Haustier!« (a Johannes.01,51)
03] Während Simon Petrus also vor sich hin phantasiert und nicht merkt, was um ihn vorgeht, klopft ihm ein ungläubiger Bürger dieser Stadt hübsch stark auf die Achsel und sagt: »Wenn so, da möchte ich dir pflichtgemäß als ein redlicher Mensch prophezeien, daß du als ein barster Ochse sterben wirst! Denn so du es in deinem Leben noch nicht so weit gebracht hast, einzusehen, was ein rechter Magier alles zu leisten imstande ist, da solltest du dein Maul auch gar nicht öffnen auf einem Platze, wo erfahrungs- und kenntnisreiche Menschen wohnen!«
04] Sagt Petrus: »Sage mir, du grober, finsterer Geist! Können deine Magier auch alle Kranken durchs Wort plötzlich heilen und öffnen die hohen Himmel, dahin keines Magiers Hand und Verstand reicht?!«
05] Sagt der Bürger: »O du dummer, blinder Galiläer! Weißt du denn nicht, daß ein rechter Magier aus jedem Holzstocke einen Fisch oder eine Schlange machen kann?! Erst unlängst war einer aus Ägypten da, warf Stöcke ins Wasser, und es wurden sogleich Fische daraus; warf er die Stöcke aber aufs Land hin, so wurden Schlangen und Nattern daraus; dann hauchte er in die Luft, und diese ward voll Heuschrecken und andern fliegenden Geschmeißes; darauf nahm er weiße Steine und warf sie in die Luft, und es wurden Tauben daraus, die davonflogen; sodann nahm er von der Straße eine Handvoll Staub und schleuderte ihn gegen den Wind, und siehe, im Augenblick war die Luft voll Mücken, so daß man kaum die Sonne hindurch sehen konnte; als er aber darauf in diese Mücken blies, entstand ein starker Wind und trieb die Mücken gleich einer Wolke von dannen! Er führte uns darauf zu einem Teiche nach dem Bache, wo er zuvor Fische aus Stöcken zog; da berührte er mit dem Stabe das Wasser, und sieh, es ward sogleich zu Blut, und er berührte es darauf abermals, und es ward wieder zu Wasser! Am Abend aber rief er zu den Sternen, und sie flohen wie zahme Tauben in seine Hände! Und er gebot ihnen, und sie flohen wieder an das hohe Firmament zurück! Du aber sagst: 'Wo ist ein Mensch, dessen Hände an die Himmel reicheten?' Daß dieses alles hier geschehen, kann ich dir mit hundert Zeugen bestätigen lassen. - Was sagst du aber nun zu deinem Gottes-Sohn aus Nazareth, den ich wohl kenne, wessen Sohn er ist, und wo er das alles erlernt hat?«
06] Sagt Petrus: »So du nun nicht gelogen hast wie ein Krokodil mit seinem Kindergewimmer und hast dir für deine Lüge hundert Zeugen für etliche Groschen erkauft, so müssen diese vielen, die in Jesus von Nazareth Christum nun wohl erkannt haben, von diesem Magier, dessen Wundertaten du mir nun kundgemacht hast, auch etwas wissen! Ich werde sofort den Jonael fragen! Wehe aber dir, so du mich angelogen hast!«
07] Sagt der Bürger: »Diese werden dir darüber keinen Aufschluß zu erteilen imstande sein, weil sie solchen Vorstellungen nicht beigewohnt haben aus eitler Furcht, daß der Magier solches alles mit der Hilfe des Teufels zuwege bringe und der Teufel ihnen Übles zufügen könnte! Nur wir wenigen Herzhaften gingen hinaus, die wir an keinen Teufel glauben, da wir die Kräfte der Natur etwas näher kennen, und überzeugten uns hochverwundert darüber, was alles einem Menschen möglich sei!«
08] Sagt Petrus: »Du bist mir eine feine Kundschaft zwar; aber ich sage es dir: du wirst mir fürder nimmer auskommen und nicht entgehen deiner Züchtigung! Komme nun nur mit zum Oberpriester dieser Stadt; vor ihm werden wir unsere Sachen aus- und gleichmachen!«
09] Sagt der Bürger: »Was geht mich dieser Oberpriester an? Ich bin ein Galiläer, und zwar mehr Grieche als Jude; dieser Oberpriester aber ist ein dummer Eiferer, während seine vier älteren Töchter nächtlicherweile mit Einverständnis der Mutter, wie man sagt, schändliche Geschäfte machen und sich der Unzucht ergeben. Was soll ich mit solch einem Dummkopfe machen? Kunst und Wissenschaft gehen bei mir über alles, und ich ehre alle echten Gelehrten und Künstler über alles; aber nur dürfen sie nicht mehr aus sich machen als sie sind!
10] So euer wirklich sehr geschickter und gelehrter Meister in allerlei Kunst und Wissenschaft bei dem bliebe, was er ist, so wäre er einer der angesehensten Menschen unter den Juden, Griechen und Römern! Aber er macht einen Gott aus sich, und das ist sehr dumm und gehört in die alten finsteren Zeiten zurück!
11] Ihr aber seid Leute, zwar in eurer Art ehrliche und biedere Seelen; aber übers Fischefangen hinaus scheint ihr keine großen Kenntnisse und Erfahrungen zu haben. Darum lassen wir unsern weitern Streit beiseite! Ihr möget glauben, was ihr wollt, aber uns werdet ihr schwerlich etwas weismachen; denn wir besitzen Kenntnisse und allerlei Wissenschaften, sind in der Magie nicht ganz unbewandert und wissen somit, was wir von eurem Meister zu halten haben!«
12] Sagt Petrus: »Freund, du bemühst dich umsonst, deinen Mohren in dir weiß zu waschen! Es handelt sich hier durchaus nicht darum, ob du meinen Meister als dies oder jenes ansiehst und nun durch eine vernünftig scheinende Rede mich dessen vergessen machen willst, daß du mich vorhin weidlichst angelogen hast! Mag für dich der Oberpriester ein Eiferer sein, wie er will; aber das muß er als eine öffentliche Person dieser kleinen Stadt doch wissen, ob sich vor kurzem ein solcher Magier hier produziert hat, wie du ihn mir beschrieben hast! Denn daran liegt mir alles, da ich daraus entnehmen will, was ich demnach von meinem Meister zu halten habe!
13] Sieh, ich und wir viele haben alles, ja sogar Weib und Kinder verlassen und sind Ihm unbedingt gefolgt, weil wir von Ihm Taten verrichten sahen, die wohl keinem Menschen je möglich sein dürften, und Ihn dabei aber auch also weise reden hörten, wie vor Ihm noch nie ein Mensch geredet hat und nach Ihm auch schwerlich je einer reden wird!
14] Du führtest mir aber meinem Meister gegenüber einen andern in deiner Rede vor, der, obwohl meinen Meister auch gerade nicht übertreffend, aber demselben doch gleichkommend, Taten verrichtete, vor denen jeder Mensch den tiefsten Respekt haben muß! Es handelt sich nun ganz einfach darum, ob es vor mir gültig und ersichtlich erwiesen werden kann, daß ein solcher Magier im vollen Ernste die von dir mir kundgemachten Taten verrichtet hat!
15] Ist deine Aussage Wahrheit, so gebe ich dir mein heiliges Wort, daß ich meinen Meister, Dem ich vollends die rein göttliche Kraft beilege, augenblicklich verlasse und ziehe zu meiner Familie nach Hause! Denn einem vagen Magier folge ich keinen Schritt weiter, indem ich noch ein echter Jude bin und Moses mehr glaube als Hunderttausenden der allerbewährtesten Magier. Hast du aber - wie ich's ganz ungezweifelt vermute - gelogen, um mir meinen erhabensten Meister aus einem rein bösen Willen zu verdächtigen, dann - wie ich es dir schon früher angedroht habe - wehe dir! Du sollst es erfahren, daß auch ich, der Gnade meines göttlichen Meisters zufolge, schon so manches zu bewirken imstande bin, ohne mich deshalb je irgend einem Menschen als Wundertäter vorzuführen!
16] Komme daher nur ganz gutwillig mit mir zum Oberpriester, der nun soeben mit eurem Zöllner Matthäus etwas verhandelt, der von deinem Magier wohl auch etwas wissen wird; denn auch er war beständig hier in der Stadt und muß etwas davon wissen. Komm also nur ganz gutwillig, sonst werde ich dir Gewalt antun!«
17] Sagt der Bürger: »Warum denn, so ich's nicht will, Gewalt? Da sieh hin, hinter mir stehen etliche Hunderte! Wie du es wagst, Hand an mich zu legen, so soll es dir wahrlich übel bekommen!«
18] Sagt Petrus: »Ich werde meine Hand an deinen Leib nicht legen, wie du die deine ehedem ziemlich unsanft an den meinigen legtest; aber du wirst dennoch hingezogen werden! Es gehen Scharen der Engel Gottes mit uns, die du nicht zu sehen scheinst! Es bedarf bloß eines Winkes, und sie werden dich gleich dort haben, wo ich dich haben will und muß!«
19] Sagt der Bürger: »Sollen etwa gar diese euch begleitenden weißgekleideten Buben eure Engel sein? Ha, ha, ha! Nun, wenn diese eure Schutztruppe sind, da brauchen wir höchstens ein paar Dutzend Nasenstüber auszuteilen, und ihr liegt vor den Mauern der Stadt mitsamt euren weißen Schutzbuben!«
20] Diese Äußerung bringt den Petrus ganz in Harnisch, und er beruft sogleich einen Jüngling, daß er den Bürger züchtige! Der Jüngling aber sagt: »Ich möchte es wohl, so es des Herrn Wille wäre; aber der Herr hat mir noch keinen Wink gegeben, und so kann ich deinem Begehren noch nicht nachkommen. Gehe aber zuvor zum Herrn hin und sage ihm das! So Er es will, werde ich handeln.«
21] Petrus ging sogleich etwas vorwärts zu Mir hin und erzählte Mir seine Not. Ich aber sagte, indem Ich gerade vor dem Hause des Jonael stehenblieb: »Gehe hin und bringe Mir den Menschen her!«
22] Dem Petrus fiel sogleich ein Stein vom Herzen, und er eilte zurück und sagte zum Jünglinge: »Es ist Sein Wille!«
23] Hier sah der Jüngling den Bürger an, und dieser fing an zu beben und folgte ohne Widerrede dem Petrus, vom Jünglinge getrieben, zu Mir hin. Ich aber sah ihn an, und der Bürger bekannte, daß er gelogen habe, und daß nie ein solcher Magier von ihm gesehen ward, sondern er hätte nur von einem solchen Magier reden gehört und habe diesen Jünger nur versuchen wollen, ob er wohl fest in seinem Glauben sei, habe aber übrigens durchaus keine böse Absicht gehabt.
24] Sage Ich: »Du bist einer, der sich mit einer zweiten Lüge der ersten wegen helfen will, und bist somit des Teufels! Gehe hin, und er soll dir den Lohn geben, da du ihm ein so getreuer Knecht bist!«
25] Sogleich trat ein arger Geist zum Bürger und fing an, ihn jämmerlich zu quälen. Der Bürger aber schrie überlaut: »Herr, hilf mir! Ich bekenne es ja laut, daß ich gesündigt habe!«
26] Ich aber sage: »Von wem hast du gehört, daß des Jonaels vier älteste Tochter Huren wären? Bekenne es laut, sonst lasse Ich dich quälen bis ans Ende der Welt!«
27] Sagt der Bürger: »O Herr, ich habe es von niemandem je vernommen, sondern ich selbst begegnete einmal in der Nacht den vier Töchtern, wie sie Wasser trugen vom Jakobsbrunnen, und redete sie an, um eine schlechte Sache mit ihnen zu haben. Die Töchter aber verwiesen mir mein Vorhaben auf eine Art, daß ich sie gerne stehen ließ; aber ich schwur ihnen darob meine Rache, dichtete solche Schändlichkeit ihnen aus meinem bösen Herzen an und streute selbst ein solches Gerücht allerorts über sie aus! Die Töchter sind ganz völlig Jungfrauen! O Herr, ich allein bin schlecht; alle andern sind gut und rein!«
28] Hier gebiete Ich dem argen Geiste, daß er vom Bürger weiche; aber dafür muß dieser dem Jonael genugtun! Er aber ist ein Kaufmann, geht zurück und bringt den Töchtern zehnmal soviel, als Ich ihm vorschrieb, und bittet den Jonael und die Töchter um Vergebung.
29] Ich aber sage ihm: »Die Gabe allein genügt nicht zur Sühne solcher Unbill! Gehe hin und widerrufe alles, was du irgendwo Arges über sie geredet hast, alsonach erst sollen dir deine Sünden vergeben sein! Also sei und geschehe es!«
30] Der Bürger verspricht, das alles sogleich zu tun; nur meint er, so solches irgend ein Fremder erfahren hätte, den er nicht kennte, und von dem er auch nicht wüßte, wo er wohnte, da möchte ich es ihm nachsehen, so er an solch einen Menschen keinen Widerruf erlassen könnte!
31] Ich aber sage: »Was dir möglich ist, das tue; alles andere werde Ich tun, und dir bleibt keine Sünde weiterhin!«
32] Damit ist der Bürger zufrieden und geht gutzumachen alles, was er Übles angerichtet hatte.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers