Jakob Lorber: 'Himmelsgaben', Band 1


KapitelinhaltEntsprechungslehre. Die äußere Welt als Geistesschule (01.11.1840)

   01] Bevor wir zur sonderlichen Durchleuchtung alles des in der vorigen Mitteilung Erwähnten schreiten wollen, ist es notwendig, euch auf einen Irrtum aufmerksam zu machen, der so viele Menschen gefangen hält und sie oft gar gewaltig um einen guten Teil ihrer irdischen wie auch ihrer einstigen Seligkeit bringt.
   02] Dieser Irrtum aber besteht darin, daß die Menschen, wenn ihnen sehr vieles gegeben wurde, häufig der Meinung sind, alles zu haben; einige aber wieder sind der Meinung, daß sie noch immer nichts erhalten haben, und (daher) einem durchlöcherten Fasse gleichen, in welches man vergebens schöpft.
   03] Denn so jemand glauben würde, alles zu haben, wenn Ich ihm Unendliches gegeben habe - wie könnte Ich ihm dann noch mehr geben? Sehet, nach menschlichen Begriffen würde das freilich etwas sonderbar klingen, und füglich hätte jemand scheinrechtlich Grund, zu sagen: Wenn mir die Unendlichkeit treu geworden ist, was sollte ich noch empfangen, das mehr wäre denn diese? - Das ist allerdings dem äußeren Schein nach richtig, aber nicht so auch der inneren Wahrheit aus Mir gemäß, da Ich nicht nur der Herr einer Unendlichkeit bin, sondern einer Unendlichkeit von Unendlichkeiten - welches so viel sagen will als, daß alles und jedes einzelne, da es aus Mir ist, Unendliches in sich birgt, indem Ich, als der ewige Urgrund aller Dinge, in allem und jedem unendlich bin.
   04] Wenn irgendein Mensch ein noch so großes Werk zuwege gebracht hätte, so wäre dasselbe demungeachtet endlich, weil sein Urheber ein endlicher ist. So aber Ich das kleinste Werk ins Dasein rufe, und ist dieses auch seinem äußeren Umfange nach endlich und eng begrenzt von allen Seiten, so ist es aber demungeachtet unendlich seinem inneren Wesen nach, da es schon Unendliches feiner Art in sich birgt. Seht, aus diesem Grunde irren denn auch die Menschen, wenn sie sehr vieles, das heißt von Mir aus Unendliches, empfangen haben und dann glauben, auch schon alles zu haben - da auf diese Art Unendliches gewiß noch (immer) nicht alles ist.
   05] Im Gegenteil aber spricht sich ein offenbarer Undank bei jenen aus, die, wenn sie schon sehr vieles, das heißt von Mir aus Unendliches, empfangen haben, noch immer meinen, nichts zu haben. Diese Menschen haben noch nicht die leiseste Ahnung von dem inneren Werte der Dinge. Sie zählen dieselben nur nach ihrem äußeren Volumen und kümmern sich wenig oder gar nichts um das wertvolle innere Wesen der Dinge, bedenken aber dabei nicht, daß die Schale der Nuß nicht genießbar ist, sondern nur die innere ölige Frucht. - Solche Menschen geizen und scharren alles mögliche zusammen, und bei aller ihrer Vielhabenheit hungern sie gleich jenem sehr verkümmerten Geizhalse, der bei vollen Fässern Goldes an einer dürren Brotkrume nagt und selbst bei diesem Nagen noch denkt, ob es um diese Brotkrume nicht schade ist, daß er sie verzehrt; denn es hätte ja vielleicht noch irgendeinen Menschen geben können, der ihm in seinem Heißhunger für ein solches Brotstück recht gerne einen Pfennig geboten hätte.


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