Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 254. Kapitel: Noahs Bote vor Könige Gurat. Verführung des Boten und sein Entschluß, in Hanoch zu bleiben. Wunsch und Sehnsucht des Boten nach seiner Schwester. (28.03.1844)

   01] Der Bote machte sich zusammen und folgte dem General zum Könige Gurat.
   02] Als die beiden beim Könige anlangten, da wurde der Bote ebenfalls mit der größten Auszeichnung vom Könige selbst empfangen und dann erst gar höflichst befragt, was sein Anliegen wäre.
   03] Der Bote aber verneigte sich tiefst vor dem Könige und sprach: »Großer König und Herr, ich hatte nur den Auftrag, mit dem General zu sprechen! Diesem habe ich meinen Sendungsgrund angezeigt; er aber hat darauf mir mit erstaunlicher Weisheit gezeigt das völlig Leere meiner Gesandtschaft, und so möchte ich nicht noch einmal dasselbe wiederholen!«
   04] Der König ersah daraus, daß der Bote Verstand besitze, und sprach darauf: »Höre du mich nun an, mein Sohn! Da ich ersehe, daß du ein artiger junger Mensch bist und so manche Talente zu besitzen scheinst, so will ich dich aufnehmen in mein Haus und will dir Lehrer geben, die dich im Lesen, Schreiben und Rechnen und dann in den verschiedenen andern Künsten und Wissenschaften unterweisen sollen.
   05] Und wirst du dann mit solchen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgerüstet sein, so werde ich dich dann zu einem großen Herrn machen in meinem großen Reiche, als solcher du dann ein großes Ansehen genießen wirst allenthalben und wirst ein übergutes Leben haben, und die Menschen werden dich auf ihren Händen tragen, so du dich ihnen wirst vielfach nützlich erweisen können! Bist du mit diesem Antrage zufrieden?'
   06] Der Bote bejahte diese Frage mit sichtlicher Freude und sprach darauf: »O großer König, da du so gut, so mild und weise bist, da möchte ich wohl eine Bitte noch zu deinen Ohren bringen!«
   07] Der König gestattete solches dem Boten, und der Bote sprach: »O König, so höre mich! Siehe, mein Vater heißt Mahal und ist ein Bruder Noahs! Dieser mein Vater aber ist schon bei fünfhundert Jahre alt und ist noch kräftig, als zählete er erst fünfzig. Ich bin sein jüngster Sohn und bin auch schon siebzig Jahre alt und habe Brüder und Schwestern in großer Menge.
   08] Aber ich will nicht von allen sprechen, sondern nur von einer Schwester, die um ein Jahr älter ist denn ich. Diese ist mir ins Herz hineingewachsen! Könnte ich diese zu mir bekommen, daß sie bei mir wäre, dann bliebe ich noch um tausend Male lieber hier, als ich ohne diese göttlich schöne Schwester bleibe!«
   09] Und der König lächelte und sprach: »Was? Du hast siebzig Jahre schon und scheinst noch mehr ein Jüngling als ein Mann zu sein?! Sage ist das auch bei deiner Schwester der Fall?«
   10] Und der Bote sprach: »O König, die ist noch so zart und schön, als zählte sie kaum noch sechzehn Jahre!«
   11] Und der König sprach zum General: »Fürwahr, die Sache interessiert mich! Mache du daher, daß diese Schwester hierher zu ihrem Bruder kommt, und der Bruder soll dir dazu behilflich sein; daß es darob an einer Belohnung nicht fehlen wird, das weißt du ohnehin!«
   12] Hier nahm der General sogleich den Boten zu sich, verständigte sich mit ihm, und schon am nächsten Tage wurde auf diese Schwester eine überaus listige Jagd unternommen.


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers