Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 3

Kapitelinhalt 253. Kapitel: Der Bote Noahs vor dem Generaloberpriester in Hanoch. Die verstandeskultivierte Antwort des Generaloberpriesters. Der feine Vernunftstaat. (27.03.1844)

   01] Also war der Effekt, den der Bote bewirkte bei den Hochlandsbewohnern. Was aber machte der Bote in Hanoch für Geschäfte? - Das soll sogleich gezeigt werden!
   02] Der Bote nach Hanoch war geradewegs an den Generaloberpriester gewiesen; also ging er denn auch zu ihm und wurde als ein Bote aus der Höhe auch sogleich vorgelassen.
   03] Als er aber beim General anlangte, ward er sogleich mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen und gar höflich befragt, was seine Sendung im Schilde führe.
   04] Und der Bote sagte ohne Rückhalt dasselbe, was sein Gefährte zu den Hochlandsbewohnern gesagt hatte.
   05] Der General aber sagte zum Boten: »Mein schätzbarster Freund! Du bist wohl noch sehr einfach in deiner Weisheit, und ein tieferes Denken scheint dir nicht eigen zu sein!
   06] Siehe, du redest hier von Gott und von einem Gerichte, von einem förmlichen Weltuntergange und sagst, also habe Gott schon vor hundert Jahren mit Noah geredet und habe jetzt wieder mit ihm geredet! Wie dumm noch mußt du sein, daß du so etwas glauben magst! Denke nur selbst nach!
   07] Siehe, du sagst mir, daß du laut deiner Sendung gewisserart ein Gerichtsbote Gottes seiest, und sprichst, also hätte Gott Selbst zu Noah, deinem Herrn, geredet! Nun denke dir aber: So es einen solchen Gott gäbe, der da überweise und allmächtig und allwissend wäre, da müßte es ja doch die barste Schande für einen solchen Gott sein, so Er das nicht einsehen sollte, daß da ein solcher Bote, wie du es bist, sieh gegen uns geradeso ausnehmen wird, wie ein Tautropfen gegen ein endloses Meer!
   08] Zudem müßte einem Gott an einem ungeheuer großen Volke weisermaßen doch auch sicher mehr gelegen sein als irgend an einem einzelnen Menschen, der da irgendeine Felsenkluft bewohnt! Dein Gott aber kommt nur zu dem, der keine Macht und kein Ansehen hat vor der Welt, und kann daher auch gar nichts wirken!
   09] Was ist aber demnach das für ein alberner Gott, der nicht einmal die Machthaber Seiner Völker kennt und Selbst zu ihnen kommt und sie eines Besseren belehrt, auf daß sie dann dem Volke eine andere Richtung gäben?!
   10] Ich aber sage dir, du mein schätzbarer Freund, dein alter Noah hat so wenig als ich irgend einen Gott je gesehen und gehört, - sondern im Besitze einiger alter Zauberkünste möchte er gleich seinen Vorahnen eine Oberherrlichkeit über die Völker der Erde gewinnen und nimmt daher zur Politik seine Zuflucht! Aber es tut sich nun mit der alten Politik nicht mehr, wo eine reife und neue ihre Wurzeln geschlagen hat!
   11] Hast du aber je selbst Gott gesehen und gehört? Oder hast du Gott mit Noah reden hören? Oder hat dich der Gott mit irgendeiner würdigen Wunderkraft ausgerüstet? - Du verneinst das!
   12] Nun siehe, möchte ein weiser Gott wohl an ein Volk Hanochs einen so armseligen Boten, wie du einer bist, senden und einen Weltuntergang androhen lassen?! Müßte denn ein Gott das nicht schon viele tausend Jahre voraussehen, daß ein solcher Bote nur höchstens mitleidig ausgelacht wird gegenüber von mehr als fünfhundert Millionen aufgeklärter Menschen?! Sollte dein Gott denn im Ernste nicht wissen, daß eine Fliege nimmer einen Berg umstoßen kann?! -Schau, schau, mein lieber Freund, wie dumm deine Botschaft ist!
   13] Wenn es einen Gott gibt, der da höchst weise und allwissend und allmächtig ist, da wird Er zu unserer allfälligen Bekehrung schon auch ganz andere, wirksamere und eines großen Volkes würdigere Mittel ergreifen, als solche altpolitischen, die bei uns schon außer aller Geltung sind!
   14] Siehe, wir leben nun in der schönsten Ordnung! Wir haben keine Kriege, wir fordern keine Steuern; im ganzen Reiche gibt es keinen Sklaven; unsere Gesetze sind so sanft wie Wolle; wir leben vergnügt, als wären wir Millionen ein Leib und eine Seele. Das haben unsere Gesetze bewirkt! Sage, kann ein Gott eine bessere Ordnung aufstellen?!
   15] Alle unsere Gesetze sind von der besten Natur des Menschen abgeleitet und sagen darum jedem Menschen zu, und jeder ist unter solchen Gesetzen selig und überaus vergnügt. Niemanden drückt Not und Armut! Sage mir, mein gerechrter Freund, kann es da noch irgendeine bessere Regierung und Ordnung geben?«
   16] Hier stutzte der Bote und wußte nicht, was er sagen sollte.
   17] Der General aber sagte darauf zum Boten: »Siehe, du bist ein recht artiger junger Mann und scheinst nicht ohne Talent zu sein; daher mache ich dir den Antrag, daß du hier verbleibst.: Ich werde selbst für deine Ausbildung sorgen und werde dir dann auch zu einem ansehnlichen Brote verhilflich sein; darauf kannst du rechnen!
   18] Aber zwingen will ich dich nicht! Willst du lieber auf deine Berge ziehen, so kannst du auch das tun; doch sollst du vorher dich noch lebendiger überzeugen, wie vortrefflich unsere Regierung bestellt ist! Und so folge mir zum Könige!«


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