Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 218. Kapitel: Der fremde Redner gibt sich als der Hohepriester Henoch zu erkennen. Lamechs glühende Liebe zu Gott.

   01] Nach der Beendung der Rede des noch fremden Redners ergriff der Lamech die Hand des Kisehel und fragte ihn allerdringendst:
   02] »Mächtiger Freund und Bruder, hast du ihn erkannt, diesen göttlichen Redner? Wahrlich, von gemeiner Herkunft kann der unmöglich sein! Er sprach von der Höhe, von da du bist; ist er nicht von da?
   03] Ja, er muß es sein, will er es oder nicht; denn also zu reden versteht wohl niemand in der Tiefe!
   04] Die Stadt Farak hatte sonst wohl auch im geheimen weise Männer noch gehabt, die sich vor mir aus Furcht verborgen hielten; aber von solch einer Weisheit ist gar keine Rede!
   05] Denn dieser wahrhaft überaus erhabene Mensch hat ja doch Worte von sich gegeben, die gerade also klangen, als hätte sie der allmächtige Gott Selbst geredet!
   06] Solches wirst du selbst noch besser haben merken können denn ich, und so bitte ich dich, lehre mich diesen Menschen kennen; denn es liegt mir überaus viel daran!«
   07] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: »Bruder, siehe, er kommt von selbst auf uns zu, und ich meine, von ihm wirst du am untrüglichsten erfahren, wer da hinter seiner Hand steckt! Mir ist wohl seine Stimme bekannt; denn sie klang wie die des obersten Priesters Henoch, den Gott Selbst als solchen für die ganze Erde gesetzt hat!
   08] Aber die Gestalt ist mir selbst noch nahe gänzlich unbekannt, indem ich nicht sein Angesicht erschauen kann, darum er es verdeckt, so er sich gegen uns kehrt, und hält es doch offen - wie es mir vorkommt - gegen das Volk, was mir eben von Seite des Henoch ein wenig rätselhaft vorkommt.
   09] Denn noch sehe ich selbst den Grund nicht ein, warum er vor mir und vor den hinter uns stehenden anderen sechs Brüdern sein Angesicht verbirgt! Doch er ist uns nahe; daher nichts mehr weiter!«
   10] Und alsbald trat der noch fremde Mann zum Kisehel hin, reichte ihm die Hand und sagte darauf: »Die ewige Liebe und Gnade unseres überguten heiligen Vaters sei mit dir, deinen lieben Brüdern und mit diesem neuen Bruder Lamech und allem seinem Volke!
   11] Es lassen dich und deine Brüder grüßen der Erzvater Adam, wie die Erzmutter Eva, der Seth, der Enos, der Kenan, der Mahalaleel, mein Vater Jared, mein Sohn Mathusalah und sein Sohn, der liebe Lamech, und es haben alle eine endlos große Freude an dem herrlichen Gelingen eures euch vom heiligen Vater Selbst auferlegten Werkes.
   12] Der Adam segnete täglich zu hundert Malen die Tiefe und alle seine Hauptstammkinder mit ihm; denn er war sehr besorgt um euch, und das um so mehr aus dem Grunde, indem (da) uns allen der liebevollste heilige Vater bis auf den heutigen Morgen nichts hatte anzeigen wollen, wie es mit euch stehe.
   13] Aber heute gar früh sagte Er zu mir: ,Henoch! Mache dich auf, und zeige es den Vätern an, daß Meine Erbarmung über die Tiefe gesiegt habe; und morgen will Ich, von dir geleitet, dort Meinen Triumph feiern und will einziehen in die Stadt Hanoch!
   14] Daher begib dich heute noch hinab, und verkündige solches Meinen Brüdern!
   15] Dein Gesicht aber bedecke im Anfange mit deiner Hand zum Zeichen, daß Ich langmütig und überaus geduldig bin!
   16] Dann aber ziehe in das Haus des Königs, und tue die Hand hinweg von deinem Angesichte!'
   17] Siehe, solches hatte heute früh morgens der heilige, liebevollste Vater zu mir geredet; und so ging ich zum ersten Male herab und bin nun da vor euch nach dem Willen des lieben, guten, heiligen Vaters!
   18] Und so lasset uns denn in das Haus des Königs ziehen!
   19] Zuerst aber zeigt mir die Tafel, auf welcher gezeichnet ist der allerheiligste Name unseres Gottes, unseres allerheiligsten, liebevollsten Vaters, damit ich, Sein Oberpriester, Ihm darbringe mein Herz!«
   20] Alsogleich lief der Lamech voraus, öffnete selbst die Tür des Thronsaales, eilte dann dem hohen Gaste entgegen und sagte zu ihm:
   21] »O du großer Freund des allmächtigen Gottes, komme nun, komme in mein schmutziges Haus, in dem es noch gar viel zu reinigen wird geben und heilige an unserer unwürdigsten Stelle das Allerheiligste, das da nun allergnädigst wohnt in meinem schmutzigen Hause!«
   22] Hier wurde der Lamech vom Gefühle übermannt und weinte vor Liebe, Reue und Freude ob der großen Gnade, die nun seinem Hause widerfahren ist.
   23] Der Henoch aber umfaßte den Lamech, drückte ihn an seine Brust und sagte dann zu ihm: »O du mein geliebter, noch schwacher Bruder, jetzt hast du das ewige Leben überkommen!
   24] Denn du liebst Ihn, den heiligen Vater, nun mehr, als es dir begreiflich ist; darum aber wirst du auch erfahren, wie überaus gut der Vater ist!
   25] Wahrlich, so viel Liebe habe ich auf der Höhe nicht gefunden; und so erfreuest du mich nun auch mehr denn neunundneunzig auf der Höhe, die zwar allezeit gerecht vor Gott gewandelt sind, aber ihre Herzen noch nie von der Liebe zu Ihm haben also erglühen lassen!
   26] Und so denn führe du mich in das Allerheiligste deines Hauses! Amen.«


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