Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 205. Kapitel: Dank Lamechs und Thubalkains für die Kraft Gottes im Menschen. Kisehels Rede über die Versuchungen des Menschen.

   01] Nachdem sich somit der Tumult gelegt hatte und Ruhe und Ordnung an seine Stelle trat, da fielen der Lamech und der Thubalkain auf den Boden nieder und lobten und priesen Gott, darum Er solche Kraft allgnädigst dem Menschen verliehen hat, und baten Ihn, daß Er mit solch Seiner heiligen Kraft sie nimmerdar verlassen möchte, sondern stets bei ihnen verbleiben durch ihr ganzes Leben lang, und möchte mit solcher Gnade ja auch ihre Nachkommen segnen und sie gnädigst fort und fort erhalten in derselben.
   02] Nach diesem Lobe, Danke und nach solcher Bitte begab sich der Kisehel hin zu den beiden noch am Boden Liegenden, richtete sie auf, und sagte dann zu ihnen:
   03] »Freunde, Brüder Der heilige, liebevollste Vater hat eine rechte Freude an euch, dessen könnet ihr völlig versichert sein; denn ihr habet nun drei starke Proben eurer angetretenen Treue gegeben.
   04] Doch, glaubet es uns, solange wir Menschen dieses sterbliche Fleisch umhertragen, so lange auch tragen wir unsere sich stets erneuernden Versuchungen umher und sind darum nicht sicher also, daß wir sagen könnten: Nun hat es ein Ende mit den Versuchungen!
   05] Ja, je mehr wir uns der Vollendung nähern, desto mehr werden wir auch stets gewahr, daß unser Fleisch, die Welt und der Ehrgeiz unseres fleischlichen Herzens dem lebendig wach werden wollenden Geiste stets neue Steine unter die Füße legen, damit er nur wieder fallen möchte zurück in seinen ursprünglichen Todesschlaf!
   06] Allein, sollen wir darum etwa ängstlich und kleinmütig werden?
   07] O mitnichten, meine lieben Freunde und Brüder! Denn eben darinnen liegt ja die große erbarmende Liebe des heiligen, überguten Vaters in den Himmeln; denn durch solche Prüfungen werden wir ja fürs erste geweckt in unserem Geiste und sodann wach erhalten bis zur gerechten Zeit, in welcher dem Geiste ein neuer, ewiger Tag werden wird, an dem er von keinem Schlafe und somit auch von keiner Versuchung mehr belastet wird!
   08] Dieser glückliche Zustand wird einst nach dem Abfalle des Leibes sicher erfolgen, kann aber auch schon beim Leibesleben des Menschen gerechter Anteil werden, der da sich in allem den göttlichen Willen zur ausschließend alleinigen Richtschnur genommen hat.
   09] Wie aber kann solches geschehen? - Auf die leichteste Art von der Welt! Man achte nur alle Welt für nichts, Gott aber allein über alles; man liebe nichts, was nur immer der Welt ist, sondern Gott allein über alles, und erfasse aus dieser heiligen Liebe heraus alle seine Nebenmenschen als Brüder und Schwestern, - und die ganze, schwer scheinende Lebensaufgabe ist völlig gelöst!
   10] Wenn da aber jemand dagegen einwenden möchte und sagen: ,Ja, solches ist leichter gesagt - als vollends gerecht getan!', dem sage ich nichts als das: Freund, was hast du denn soviel Gutes an der Welt, darum du sie also achtest und liebst, und scheust, sie zu treten mit deinen unsterblich werden sollenden Füßen?
   11] Siehe, nichts als eine kümmerliche Stopfung deines Magens und Bauches, eine elende Decke über deine Haut, einen fluchbeladenen Dienst von Seite deiner Brüder und Schwestern und endlich nach kurz abgelaufener Zeit den zeitlichen und ewigen qualvollsten Tod!
   12] Siehe, das also sind alle die Vorteile, welche uns die nichtige Welt bietet!
   13] Sagt mir, sind sie wohl wert, daß ein Mensch auch nur ihrer gedenkt?!
   14] Wer sie, die Welt nämlich, also nur einmal recht ins Auge faßt, wie leicht ist es ihm dann alsbald umzukehren, aller Welt den Rücken zuzuwenden und zu folgen munteren und überfröhlichen Herzens dem heiligen Rufe des ewigen, heiligen, liebevollsten Vaters in und aus den Himmeln des ewigen, allerseligsten Lebens!
   15] So du hättest einen Traum, in dem du so recht von allen Seiten förmlich als ein Gott geachtet warst, und hast gegessen die süßesten Leckerbissen, und hattest dann die schönsten und reizendsten Beischläferinnen; so du aber wach geworden bist, möchtest du dann seufzen nach dem Traume?!
   16] Ein Narr wohl täte das; ein Weiser aber weiß es, daß es nur ein eitler Traum war, und wird daher nicht seufzen.
   17] Also ist es aber ja auch mit der Welt; sie ist nichts als ein eitel leerer Traum, der alsbald vergeht, sobald der Geist erwacht ist im neuen Tage! Daher haltet nicht mehr an der Welt, die nichts ist, so werdet ihr auch alle ihre Versuchungen ebensoleicht besiegen, wie das Erwachen am Tage leicht besiegt alle eitlen Träumereien der Nacht!
   18] Solches achtet, und tuet danach, so wird das ewige Leben euer Anteil sein; nun aber seid wieder fröhlich und heiter! Amen.«


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