Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 206. Kapitel: Lamechs Zweifel über das Wesen der Begierde und Versuchung. Kisehels Erklärung der menschlichen Willensfreiheit an einem Beispiel.

   01] Nachdem ward wieder alles heiter und voll Munterkeit; nur der Lamech konnte sich noch nicht so recht fassen und schien voll Gedanken zu sein.
   02] Da aber der Kisehel solches gar wohl merkte, so nahte er sich dem Lamech und fragte ihn: »Bruder Lamech, was alles verarbeitest denn du noch in dir? Sage es mir geradeheraus, was es ist, das dich noch also beschäftigt! Scheue dich nicht; denn nun sind wir ja Brüder und müssen sein eines Sinnes! Darum sage mir nur ganz unverhohlen, was deine Seele noch also gewaltig geschäftig macht, nach deinem Willen! Amen.«
   03] Und der Lamech, eine kurze Zeit nachsinnend und seine Gedanken ordnend, sagte endlich: »Mächtiger Freund und Bruder! Siehe, du hast nicht unrecht, da du mich also fragst; denn gar starke Zweifelgedanken treiben sich in meiner Seele umher, und ich weiß es im Ernste nicht, was ich da aus denselben machen soll!
   04] Du wirst mir darüber sicher die beste Auskunft zu geben imstande sein!
   05] Und da du mich schon darum gefragt hast, so will ich denn auch alsogleich dir meinen Hauptkummer nun kundgeben, - und so vernimm es; denn also lautet das Wesen meiner Gedanken:
   06] Siehe, ich kann mir alle die steten Versuchungen nicht wohl zusammenreimen und habe dagegen folgende Gedanken: Ich habe mein Leben hindurch viel Überarges getan; warum aber habe ich es denn getan?
   07] Weil ich nicht anders habe handeln können; mein Gemüt, meine ganze Natur war ja also beschaffen, daß ich also ja habe handeln müssen!
   08] Denn zu jeder Handlung ergriff mich eine heftige Begierde, welcher ich so wenig zu widerstreben vermochte als einem heftigsten Sturme der Elemente!
   09] Wer aber hat in mir solche arge Begierde erschaffen, wer die zügellose in meine Brust geschoben? Habe ich solches getan? Oder konnte ich wohl solches tun? Da ich doch nicht einmal im allergeringsten weiß, was da die Begierde ist für ein Ding in mir, und woher sie kommt!
   10] Zufolge solcher Begierde verrichte ich alle meine Taten; kann ich aber dafür, daß ich sie verrichtet habe? Ward ich nicht getrieben aufs heftigste von solch meiner Begierde dazu?! In dieser Begierde liegt aber ja alle Versuchung!
   11] Wenn aber der Mensch durch solch eine unbesiegbare Kraft in sich selbst versucht wird und mit seiner eigenen Schwäche nicht einer Versuchung Meister werden kann, - sage mir demnach, wer dann der eigentliche Schuldträger ist, wenn der Mensch der mächtigen Versuchung unterliegt!
   12] Und so der Mensch aber unmöglicherweise solche Kraft hat, daß er der Versuchung widerstehen möchte, wofür ist dann die Versuchung? Was ist ihr Endzweck?
   13] Siehe, mächtiger Freund und Bruder, das sind meine Gedanken! Gib mir darüber nur einen kurzen Aufschluß, und ich will mein ganzes Leben lang nicht mit einem Gedanken mehr diesen Zweifelpunkt würdigen!«
   14] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech darauf folgendes: »Bruder Lamech, Leichteres gibt es wohl nicht leichtlich für den Geist zu begreifen denn gerade dieses!
   15] Siehe, ich setze den Fall, es wäre auch dir möglich, einen willensfreien Menschen zu erschaffen! So du es wolltest, da wäre er auch schon da; du hättest ihn ausgerüstet mit allerlei Talenten und Fähigkeiten und möchtest dann zu ihm sagen:    16] »Nun, du mein aus meiner Kraft erschaffener Mensch, ich sage dir, du bist frei und kannst tun, was du willst!' Wird jetzt dieser von dir erschaffene Mensch im Ernste schon frei sein? - O nein; denn er weiß ja noch nicht, was die Freiheit ist!
   17] Er wird auch gar nicht zu handeln anfangen zufolge der Talente und Fähigkeiten in ihm, sondern wird dastehen wie ein mit Wasser angefülltes Gefäß, voll - wenn auch des allerreinsten Wassers. Was wirst du wohl tun müssen, um ihn freitätig zu machen? Du wirst ja doch auch müssen ihm eine Handlungsbegierde einhauchen.
   18] Wenn er nun solche in sich haben wird, so wird er zwar alles also ergreifen, wie ihn die Begierde ziehen wird; wird aber solch ein Handeln auch ein freies und geordnetes sein? Du sagst: ,Mitnichten!'
   19] Nun gut; damit aber sein Handeln ein freies und geordnetes werde, wird es da nicht nötig sein, ihm durch Gesetze anzuzeigen, was er tun oder nicht tun soll?!
   20] Wenn du aber die Gesetze streng in ihn legen wirst, so wird er handeln wie ein Tier.
   21] Wirst du sie zu laß legen, das heißt ohne Sanktion, so werden sie ihn nicht anfechten.
   22] Also wirst du sie müssen sanktionieren, und der Mensch wird dann erst anfangen, das Rechte vom Falschen, oder das Ordentliche vom Unordentlichen zu unterscheiden.
   23] Damit er aber dann tätig werde und ein freier Geist, so werden von deiner Seite ihm doch auch müssen solche Gelegenheiten bereitet werden, in denen er seine freie Tatkraft wird versuchen können; und siehe, diese Gelegenheiten sind aber nichts anderes als die von dir so scharf bedachten Versuchungen!
   24] Und so muß uns ja Gott auch solche Versuchungen zukommen lassen, sonst würden wir ja gleich sein entweder den Steinen, oder den Bäumen, oder den Tieren!
   25] Gott aber will, daß wir freie Menschen sein sollen; also muß Er uns ja dann auch stets Gelegenheiten bereiten, durch welche wir wahrhaft frei werden können!
   26] Die Versuchungen aus der Welt und unseren Begierden aber sind ja solche Gelegenheiten! Daher sei nur ruhig, und betrübe dich fürder nicht mehr; in deinem Geiste aber wirst du erst dieses Rätsel völlig gelöst finden!
   27] Und so sei fröhlich mit uns allen! Amen.«


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