Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 183. Kapitel: Von der Macht herzlicher Fürbitte. Die gute Wirkung der unfreiwilligen Hungerkur Lamechs. Lamechs Reue und Gottes Erbarmung.

   01] Als der vorbestimmte dritte Tag herbeigekommen war, da berief der Kisehel die uns schon bekannten Mägde und Weiber zu sich und sagte zu ihnen: »Höret, ihr neu erstandenen Mägde und Weiber! Der vorbestimmte dritte Tag ist herangekommen; also wollen wir hinausziehen an die Stelle, an der sich Lamech befindet!
   02] Darum aber gehet hin in die Burg Lamechs, sagt solches allen seinen Knechten, und saget ihnen aber auch, daß sie sollen statt der Waffen Schaufeln und Krampen mitnehmen; ihr aber ziehet euch festlich an, und eine jede von euch nehme Eßwaren mit, soviel sie leicht tragen kann! Und also gehet, und verrichtet genau dieses euch auferlegte Geschäft!«
   03] Und die Weiber gingen jubelnd und Gott lobend und preisend an das Geschäft, und baten Ihn aber auch, daß Er möchte dem halsstarrigen Lamech gnädig sein und beugen sein Herz für Seinen heiligen Willen.
   04] Nach einer kleinen Stunde kamen alle die Mägde und Weiber wieder herbei und zeigten es den nun sieben an, daß da alles in der von ihnen gewünschten Ordnung sich befindet.
   05] Und der Kisehel sagte darauf: »Ja, also ist es gut, o Mägde und Weiber! Wenn ihr wüßtet, welche Freude ihr uns dadurch bereitet habt, daß ihr für den armen Lamech zu Gott gebetet habt, wahrlich, es würde euch das Freudenfeuer unserer Herzen ergreifen und zum zweiten Male auflösen, und das ärger und stärker noch denn das Feuer alles Holzes der Erde!
   06] Darum aber sei unserem heiligen Vater im Himmel auch alle unsere Liebe, Ehre und Anbetung! Bleibet in dieser Bitte, und wir werden noch heute Wunderdinge am Lamech erleben! Nun aber lasset uns ziehen zu ihm hinaus! Amen.«
   07] Und alsbald erhoben sie sich in ihrer freien Herberge, die da war ein breiter, schattiger Feigenbaum, und zogen hinaus zu den Pfützen, allda der Lamech sich vor Hunger und Durst gleich einem Wurme bäumte und krümmte.
   08] Als sie alle, wie sie bestellt waren samt den Mägden, Weibern und den Knechten beim Lamech angelangt waren, da hob alsbald der Lamech seine Hände auf und sagte mit bebender Stimme zum Kisehel:
   09] »Mächtiger Gesandter Dessen, des Namen meine Zunge ewig nimmer wert sein wird auszusprechen! Fürchte dich nicht mehr vor meinem Willen; denn diesen hast du schon auf ewig gebrochen. Reiche mir aber etwas zur Stärkung; denn siehe, mich hungert und dürstet gewaltig!«
   10] Und der Kisehel sagte zu den Mägden und den Weibern: »Traget hierher Speise und Trank, und gebet dem Lamech, soviel er verlangt!«
   11] Und die Weiber taten solches; der Lamech aber schlug sich auf die Brust und sagte:
   12] »O göttliche Erbarmung! Ist denn der große Sünder Lamech wohl noch wert, Speise und Trank zu nehmen aus den Händen derer, die Du gerettet und gereinigt hast?!«
   13] Und der Kisehel sagte: »Ja, Bruder Lamech! Denn des Vaters Güte ist größer und reicht weiter, als alle Himmel reichen; daher iß und trink nach deinem Bedürfnisse!«
   14] Hier fing der Lamech an zu weinen - denn er überblickte die Masse seiner Greueltaten - und sagte darauf: O ihr großmächtigen Gesandten der »ewigen Erbarmung! Mir kann es nimmerdar vergeben werden; denn zu schauderhaft groß ist die Masse meiner Greuel!
   15] Ich sehe jetzt in mein Herz, und das ist angefüllt mit lauter Schlangen und aller Art giftigstem Geschmeiße, und um mich stehen unabsehbare Scharen, ringen vor Verzweiflung die Hände, fluchen mir, und schreien mit blutendem Munde zu Gott um ewige Rache für mich!
   16] Ja, es hungert und dürstet mich gewaltig, - aber nun kann ich nichts mehr zu mir nehmen; denn dieser Anblick macht mich zu scheußlich vor euch und noch ums endlosfache mehr vor Dem, dessen mächtige Boten ihr seid!
   17] Lasset mich daher des Hungers sterben, indem ich so viele eben durch Hunger habe also zugrunde gehen lassen!
   18] Laßt mich vor Hunger sterben, lasset mich verschmachten vor Durst und lasset mich verzweifeln vor Schmerz; denn ich habe ja nichts Besseres verdient!
   19] Ich habe Gott und euch gelästert und habe euch gestrebt nach dem Leben, so es mir nur möglich gewesen wäre, euch zu vernichten!
   20] O so lasset mich in diesem meinem endlosen Reueschmerze verzweifelnd zugrunde gehen; denn ich bin ja nichts Besseres wen!«
   21] Nach einer kurzen Pause aber rief er stark zu den unsichtbaren Scharen: »O ihr Unglücklichen durch mich! Rufet nur, rufet mächtig zum ewigen Richter um Rache für mich, bis sie kommen wird - die schrecklichste die furchtbarste!
   22] Denn keine wird zu groß sein für mich; ich bin ja der größten, ja der endlos größten wert!«
   23] Hier sank er zusammen und weinte gewaltig. Auch alle Umstehenden waren gerührt von der großen Reue Lamechs und weinten mit ihm.
   24] Der Kisehel aber trat hin zum Lamech, rührte ihn an, und sprach: »Bruder Lamech, nun richte dich auf, und siehe hierher in unsere Mitte, damit es dir klar wird, wie die ewige Liebe Gottes Sich an jenen Sündern rächt, welche in ihrem Herzen die Größe ihrer Schuld vor Gott und den Menschen also reuig wie du erkannt haben und haben sich darob gedemütigt unter alle Kreatur!«
   25] Und der weinende Lamech erhob sich alsbald bebend vom Boden und erblickte gleich allen übrigen in der Mitte der sieben Boten eine lichte Wolke.
   26] Ob solchem Anblicke fast starr,' sammelte er sich erst nach einer kurzen Weile und fragte den Kisehel, der ihn überaus bruderliebfreundlich ansah: O du mächtiger Bote des Allmächtigen! Was ist das? Was soll daraus werden?«
   27] Und eine Stimme sprach aus der lichten Wolke: »Lamech, lange hast du Meine Ordnung mit Füßen getreten; da du dich aber in der Reue gedemütigt hast vor Mir und deinen Brüdern, so habe Ich alle deine Missetaten von dir hinweggenommen und habe dir vergeben alle deine Schuld!
   28] Darum erhebe dich nun vollends; mache durch die fernere Liebe zu Mir und deinen Brüdern das gut, was du in deiner Abtrünnigkeit verargt hast!
   29] Nun aber iß und trink; denn ich, dein Gott, Schöpfer und Herr, habe die Speise und den Trank gesegnet für dich!
   30] Meine Boten aber werden dir alles kundgeben, wie und was du künftig wirst zu tun haben!
   31] Ich bin Der, der dir dieses sagt, der zu dir geredet hat, als du erschlagen hattest deine Brüder!«
   32] Hier verschwand die Wolke, und der Lamech war gelöst von seinen Banden.
   33] Da aber seine Füßefrei wurden, so begab er sich sogleich hin zum Kisehel und sagte zu ihm: »Mächtiger Bote Gottes, der da nun so mild geredet hat aus der Wolke und hat mir nachgelassen meine größte Schuld, vergib mir auch du meine Schuld gegen dich und deine Brüder, und nimm die Versicherung hin, daß ich von nun an nicht mehr König, sondern nur dein geringster Diener sein will; du aber sei König im Namen des Allerheiligsten!«
   34] Und der Kisehel entgegnete ihm: »Bruder Lamech, siehe, du bist schwach! Stärke dich nun mit Speise und Trank; danach erst wollen wir das Weitere besprechen und tun, wie es der göttliche Wille erheischt!«
   35] Und der Lamech nahm darauf sogleich Speise und Trank zu sich.


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