Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 144. Kapitel: Rechtfertigung des mühevollen Lehr- und Prophetenamtes durch Henoch.

   01] Darauf besann sich der Henoch eine kurze Zeit und sagte dann zum Abedam: »Bruder, du hast durchaus nicht unrecht; doch aber meine ich meinesteils, es kommt eigentlich hier auf der Welt nicht auf die Behaglichkeit an, mit welcher ein oder das andere Amt verbunden sein sollte oder möchte, sondern allein auf den Willen des Herrn und unserer Herzen wahre Demut!
   02] Denn obschon es wahr ist, daß ein Lehrer und ein Prophet mehr geachtet denn eigentlich geliebt wird, so ist aber anderseits doch auch wieder wahr, daß sie eben dadurch mehr denn jemand anders in den Schranken der Demut gehalten werden.
   03] Denn das ist einmal gewiß, daß im Grunde die Liebe ein allerhöchster Grad der Hochachtung dessen ist, das man liebt, von der die sogenannte Amtsachtung dann nur ein Funke ist.
   04] Denn was man wahrhaft liebt, für das auch geht man ins Feuer; was man aber nur amtsachtet, hinter dem pflegt man sich dann zu schützen, so da zum Beispiel kommen möchte eine Gefahr
   05] Daher meine ich meinesteils: Wenn uns der heilige, liebevollste Vater allein nur für die Behaglichkeit hätte stellen wollen, so hätte es von Seiner allmächtigen Seite nichts mehr bedurft, als uns alle samt und sämtlich in Tiere zu verwandeln, und der Zweck der vollkommensten Behaglichkeit für uns wäre dadurch auf einen Hieb erreicht gewesen; allein Er, die allerhöchste und allervollkommenste Liebe und Weisheit, hat mit uns - wie Er es Selbst uns allen gezeigt hat - einen höheren Plan als allein den der stummen Behaglichkeit!
   06] Daher hat Er uns auch Seinen Willen kundgemacht und jeglichem gegeben das Amt der Liebe, den Geringeren aber auch noch hinzu ein Ämtchen der Weisheit.
   07] Wenn wir demnach als solche eben auch nicht so viel Liebe von unsern Brüdern und Schwestern zu erwarten hätten als diese unter sich, so macht das ja eben unser Unglück nicht aus; denn in dem Falle haben wir ja dann die allerschönste Gelegenheit, sie mehr zu lieben und somit zu achten, denn sie uns, - und das ist ja aber auch des Herrn Wille!
   08] Was ist denn besser: glücklich zu machen oder glücklich gemacht zu werden, - zu geben oder zu nehmen?!
   09] Daher meine ich wieder, es kommt da nur auf uns an, wie wir die Sache in unseren Herzen aufnehmen entweder aus wahrer Liebe zu unseren Brüdern vor Gott, oder aus einer richterämtlichen Nötigung, welche ehedem unser aller Anteil war -, und wir alle können dann vollends versichert sein, daß Er, der übergute Vater, uns Kindlein kein ehernes Joch auf den Nacken gebunden hat!
   10] Bleiben wir demnach überdankbaren und demütigen Herzens nur, wozu Er uns berufen hat! Denn des können wir alle versichert sein, daß Er, die allerreinste Liebe und die allerhöchste Weisheit, uns nicht fürs Verderben, sondern nur für unsere und für aller unserer Väter, Mütter, Brüder und Schwestern ewige Wohlfahrt also beamtet hat; darum Ihm allein alle Liebe, alles Lob und aller Preis von uns allen!
   11] Siehe, Bruder, das ist meine Meinung! Da aber heute schon der Streittag ist und bis jetzt noch kein Zänker erschienen ist, so magst du ja wohl streiten mit mir; denn ich will nicht ein unfehlbarer Oberpriester sein, sondern, daß auch ich jedes Wort - eines Bruders ansehe gegen das meinige, - außer es spräche des Herrn Geist aus mir, gegen den dann unsere Worte freilich wohl nichts denn ein leeres Geplärr sind! Daher magst du mir nun wohl einwenden, so du etwas hast; denn das waren nur meine Worte!«
   12] Und der Abedam aber ward bei dieser Rede Henochs ganz verdutzt, fiel ihm um den Hals und sagte endlich: »Ja, ja, lieber Bruder, du allein hast ganz vollkommen recht! Mit dir ist der Herr vollkommen; ich aber bin allzeit dumm vom Grunde aus! Oh wie schön könnte ich mich jetzt zerreißen aus lauter Ärger über meine hartnäckige Dummheit!
Wird's denn in meinem Herzen nie völlig Tag werden? - Nur das sage mir nun, lieber Bruder!
   14] Nein, nein, es ist unbegreiflich, mit welcher Ruhe ich ehedem meine Dummheit bloßgelegt habe - und wollte dich gewisserart in meine Torheit herabziehen und dich unterweisen!
   15] O - o - ich großer Dummkopf! Ich dem Henoch eine Lehre geben! Bruder, vergib mir armem, dummem Tropfe!
   16] Denke dir dabei, daß ich gerade also geredet habe, wie ich es verstanden habe!«
   17] Und der Henoch entgegnete ihm: »O Bruder, sei ruhig Auch dein Wort hat einen guten Grund, - und das meinige ist aus ihm gewachsen; darum wird es auch verbleiben, gleich dem meinen bis ans Ende der Zeiten aufbewahrt. Daher sei ruhig; denn es werden auch Lehrer und Propheten geliebt, wenn sie sind nach dem Willen Gottes, des Vaters! - Verstehst du das?«


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers