Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 143. Kapitel: Am Streit- oder Dienstag. Abedams Rede über die Last des Lehramtes.

   01] Schon recht früh begaben sich die Väter auf die Höhe und lobten und priesen Gott, den überheiligen Vater, der sie durch diese kurze Zeit so endlos bereichert hatte; selbst der Adam fehlte nicht, sondern war vielmehr in der Gesellschaft Abedams, des bekannten, und der Eva einer der ersten auf der Höhe und segnete rings herum alle seine Nachkommen.
   02] Nach beendigtem Lobe und Preise aber fragte der Adam all die Kinder und sagte zu ihnen: »Was meint ihr wohl Es ist heute der Streittag - wer den sich heute keine Weisheitszänker vom Mittage her, keine Grübler vom Abende her und keine Zweifler von der Mitternacht her hier einfinden?
   03] Bis jetzt sehe ich wenigstens von keiner Seite her irgend jemanden sich unseren Wohnungen nahen!
   04] Wahrlich, wenn heute niemand kommt, so wird solches von mir aus für eines der größten Wunder angesehen werden, welches uns bleibend geworden ist durch die allerheiligste sichtbare Gegenwart Jehovas!«
   05] Abedam, der bekannte, aber antwortete alsogleich auf die Frage Adams also: »Höre, ehrwürdigster Vater noch hat der Tag erst kaum sein Dasein begonnen; daher frohlocke nicht zu früh!
   06] Siehe, unsere Gedanken und unsere Worte wie unsere Werke sind nicht unbelauscht; denn mein großer Namensgefährte kann, ja ebensogut unsichtbar sich unter uns befinden, wie Er gestern noch sichtbar unter uns gewandelt hatte.
   07] So ihr euch aber etwa freut eines zeitlichen Vorteiles wegen, siehe, da ist Er bei der Hand und vernichtet für euch alsbald alles, worüber ihr euch weltlich freuen möchtet!
   08] Daher bin ich der Meinung, nicht zu früh zu jubeln; denn sonst schickt Er euch gerade heute so viel Streiter über den Hals, daß ihr eben heute mit ihnen gar nicht fertig werdet, und dazu noch Streiter von der spitzfindigsten Art, die nichts begreifen, nichts einsehen, und daher in allen ihren Aussprüchen ein vollstes Recht haben wollen!
   09] Wie angenehm aber mit solchen Vettern zu reden ist, die da haben einen steinernen Kopf und eine eherne Brust, - Väter, das habe ich leider nur schon zu oft empfunden!
   10] Daher meine ich, ihr sollt nicht zu früh jubeln, sondern dafür Ihn, den Herrn alles Streites, bitten, daß Er da möchte allen nichtigen Streit für alle Zukunft in weitester Ferne halten und dafür allen angedeihen lassen ein gerechtes Licht, damit da aller Streit einmal ein Ende hätte!
   11] Sehet, liebe Väter, das ist meine Meinung, die ich freilich wohl niemandem aufdringen möchte - und schon am allerwenigsten euch Vätern der hohen Mitte!
   12] Doch sage ich aber, da ich schon einmal in der Rede bin: Es rühme sich auch niemand eines Lehramtes und juble bei sich ja nicht, daß ihn der Herr zu einem Lehrer gemacht hat und zu einem Propheten; denn die Lehrer und der Prophet werden nicht geliebt, sondern nur höchstens geachtet und gefürchtet.
   13] Ich aber sage da: Der Abedam bedankt sich für solche Auszeichnung wenn er durch sie die Liebe entbehren muß! Daher will ich zwar wohl recht gerne ein Lehrer der Liebe sein werktätig; aber nur bei einem Weisheitsstreite laßt mich so ferne als nur immer möglich! Und wenn ich auch wüßte durch den Geist, daß der Herr morgen machen möchte mit der ganzen Erde wie Er da vorgestern gemacht hat dort mit jenem Berge im Morgenlande wahrlich, ich möchte Ihn so lange darum bitten, auf daß Er mir's erlassen möchte, solches zu künden den Menschen, wodurch ich wohl ihre Furcht aber sicher nicht ihre Liebe erwecken möchte! - Ich meine aber, solches ist auch eine Weisheit!
   14] Bruder Henoch, ich sage es dir, du hast wohl das schwerste Amt überkommen!
   15] Wahrlich, so ich an deiner Stelle gewesen wäre, so hätte ich es eher drei-, ja sieben Mal dem Herrn zu den Füßen niedergelegt, bevor ich es angenommen hätte!
   16] Glaube es mir, lieber Bruder Henoch, das Amt wird dir viel zu schaffen machen! Du bist ganz aus lauter Liebe zusammengesetzt und wirst auch lauter Liebe predigen, - aber dadurch eben am allerwenigsten die Liebe genießen zeit deines Lebens!
   17] Denn es ist kein Unterschied darinnen, zu sein ein Lehrer der Weisheit oder der Liebe, da in der Liebe eben die allerhöchste Weisheit steckt.
   18] Also wirst du wohl die größte Achtung genießen, - aber es werden dich gar wenig Brüder und Schwestern umarmen!
   19] Mir aber ist eine Umarmung eines Bruders mehr und die auch einer Schwester denn die höchste Achtung aller Welt
   20] Hier schwieg der Abedam. Es verwunderten sich aber alle über seine Weisheit, und der Henoch eilte zu ihm hin und sagte:
   21] »Bruder, du hast vollkommen gesprochen! Ich empfinde nun das alles lebendig in mir, was du geredet hast; aber wie ist dem jetzt mehr abzuhelfen?«
   22] Und der Abedam sagte zu ihm:»Bruder,glaube mir, Er ist unter uns, und da ist ja allem leicht zu helfen! Siehe, wir haben ja ein lebendiges, offenes Auge für Ihn; es ist unser Herz!
   23] Daher tragen wir Ihm das, was uns irgend drückt, nur lebendig vor im Herzen, und Er wird dasein und lindern, was uns drückt!
   24] Also meine ich es und glaube, daß solches richtig ist!
   25] Meinst du doch nicht anders?«


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