Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 130. Kapitel: Unsterblichkeit als Kenans Lohn für sein Lied. Das Wesen des Lebens und des Todes.

   01] Als somit der Kenan sein Lied nun ausgesungen hatte, bot ihm der Abedam die Hand und sagte zu ihm:
   02] »Kenan, siehe Meiner Treue Pfand - hier diese Hand; sie ist ein ewig unendlicher Zweig, ja ein starker Ast der Liebe in Mir oder die großwerktätige Liebe Selbst!
   03] Ich reiche sie dir und mit ihr das Leben alles Lebens; nimm es hin und lebe ewig!
   04] Jetzt erst bist du ein Herr deines Leibes geworden und kannst nun in diesem deinem irdischen Hause aus- und eingehen nach deinem Wohlgefallen.
   05] Willst du noch länger darinnen verweilen aus Liebe zu Mir und den Deinen, Ich sage es dir, solches steht dir frei.
   06] Willst du aber lieber aus dem Leibe treten entweder auf immer oder unterdessen nur auf zeitweise, - siehe, auch solches steht dir vollkommen frei!
   07] Denn wahrlich, sage Ich dir, von nun an wirst du den Tod nicht mehr sehen, noch fühlen, noch schmecken; denn das Leben ist ein Herr des Todes, nicht aber umgekehrt.
   08] Wie sollte je der Tod ein Meister des Lebens werden, da ihm alle Freiheit mangelt und er somit selbst nur ist ein durch ein freies Leben gefangenes Leben, allerengst gefesselt in allen Teilen seines Wesens?!
   09] Des Leibes Leben aber ist ja der Tod oder das gefesselte oder aller wahren Freiheit beraubte Leben!
   10] Wer sonach aber, wie du jetzt, in seinem Fleische gesiegt hat über das selbe und sich dasselbe zinsbar gemacht in allen Teilen, ist der nicht ein Herr geworden vollkommen über allen Tod?!
   11] Wenn er aber ein Herr geworden ist also über den Tod, und das vollkommen von der kleinen Zehe an bis zum Scheitel des Hauptes, wie sollte der je mehr den Tod schmecken, fühlen und sehen?!
   12] Ich sage dir und euch allen: Wessen Augen also gestärkt worden sind, daß sie enthüllt schauen können all die Dinge, welche dem Tode endlos ferne abstehen, dessen mattes Auge keine Ahnung hat von dem, was und wie sie sind an und in sich, der schaut alles das schon vollkommen aus seinem Leben heraus und schaut es eigentlich in seinem Leben selbst.
   13] Wer aber solches vermag in und aus sich, der vermag es doch sicher nicht aus seinem Tode, sondern aus seinem Leben nur!
   14] Wie sicher und gewiß ist der dann auch des Lebens, so er damit zum Leben selbst geworden!
   15] Also sei auch du, Mein geliebter Kenan, nun vollkommen sicher des Lebens, welches du nun durch deine Liebe zu Mir und somit zum alleinig wahren Leben selbst geworden!
   16] Denn von nun an wird dir keine Ewigkeit mehr dasselbe zu nehmen imstande sein, darum du selbst, wie gesagt, nun ein Leben aus Mir in dir geworden bist.
   17] Wie aber Ich ein Herr bin über alles Leben und also um so mehr noch über allen Tod, also bist auch du und ein jeder deinesgleichen aus Mir in sich ein vollkommener Herr seines Lebens und folglich auch um so mehr noch über den Tod selbst.
   18] Wer von euch aber hat es je gesehen, daß der auf dem Wege und auf den Feldern rastende Staub irgendeinen Wind erregt hat?!
   19] Vermöchte er solches, so würdet ihr auch schon oft in euren wohlverschlossenen Gemächern das beobachtet haben, wo es doch nicht selten recht viel Staub gibt!
   20] Wenn aber der freie Wind kommt, da hebt er den Staub auf von den Wegen und Feldern und trägt und führt denselben wirbelnd, wohin er zieht und will, darum er ist eine freie Kraft, und der Staub kann ihm nicht den Weg verrammen oder ihn gar zum Stillstande bringen.
   21] Wohl aber kann der Wind den Staub fallen lassen, wo und wann er will!
   22] Siehe, gerade also ist es auch mit dem Leben; dieses zieht frei einher, und wo es zieht, übt es allenthalben und in allen seinen Teilen die vollkommenste Herrschaft über den Tod aus!
   23] Es kann den Tod erregen zum Mitleben; will es ihn aber fallen lassen, so kann es solches ebenfalls so frei tun, als denselben aufregen zum Mitleben.
   24] Und also bist du auch auf diese Weise ein Herr über dein Fleisch.
   25] Solange du dasselbe zum Mitleben erregen willst, so lange auch wird es mit dir leben.
   26] Willst du es aber fallen lassen auf zeitweise oder auf immer; so steht dir solches auch frei, darum du nun geworden bist vollends ein Leben und wirst als solches verbleiben vollkommen stets ewig! Amen.«


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