Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 131. Kapitel: Reue des Enos. Todesfurcht der Lebensverneiner. Von der vollreifen Frucht des Geistes und der unreifen Frucht des Fleisches.

   01] Nach dieser das wahre Leben erläuternden und gebenden Lehre ward der Kenan überfroh, und viele andere mit ihm, und alle dankten aus dem Grunde ihrer Herzen für diese große Enthüllung, aus der sie nun sattsam ersahen und erkannten, was das wahre Leben ist, wie es sich gestaltet, und wie es gar so deutlich unterschieden ist von dem Scheinleben des Fleisches oder vielmehr des Todes.
   02] Nachdem sie aber alle also dankten und lobten und priesen den hohen Abedam, da ward auch der Enos zu Tränen gerührt, kehrte sich um, und ging zerknirschten Herzens hin zum Vater.
   03] Als er aber allda langsamen und scheuen Schrittes anlangte, da bot ihm der Abedam alsbald Seine Hand und sagte zu ihm:
   04] »Nun, Enos, sage Mir, für was hast du dich entschlossen, - fürs Leben oder für die gänzliche Vernichtung?
   05] Glaube es Mir: Es ist kein Ding, das da Mir unmöglich wäre; denn siehe, Ich sage deinetwegen nun zu diesem Berge dort, der da im Morgen noch gewaltig dampft, brennt und Feuer auswirft: Werde zunichte!
   06] Nun sehe hin! Siehst du noch eine Spur von dem Berge, der schon so vielen Jahrtausenden getrotzt hatte?!
   07] Morgen wirst du auf der Stelle, die da vorher der große, hohe Berg eingenommen hatte, und welche nun einen ebenen Platz zehntausend Manneslängen in der Länge und siebentausend in der Breite ausmacht, schon den üppigsten Graswuchs und eine Menge edler Fruchtbäumchen dem neuen Boden entsprossend erschauen!
   08] Daraus kannst du nun schon entnehmen, daß Mir kein Ding unmöglich ist; und so denn gib Mir kund, worüber Ich dich soeben fragte!«
   09] Der Enos aber, samt allen anderen fast ganz außer sich vor Schreck und dem odemhemmenden Erstaunen über diese so plötzliche, ganz unerwartete Erscheinung, welche zufolge der bedeutenden wunderbaren Nachthelle von allen gar wohl beobachtet werden konnte, war kaum imstande, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen, sondern er fiel nur alsbald vor dem Herrn aller Macht nieder und flehte in seinem Herzen zu Ihm, daß Er ihn erhalten möchte und ihm vergeben seine großfrevelnde Torheit!
   10] Der Abedam aber stärkte ihn alsbald und hob ihn vom Boden und sagte dann zu ihm:
   11] »Enos, siehe, also, wie du, ist jeder Tote beschaffen! Wenn er auch nicht also spricht, wie da du ehedem gesprochen hast, so handelt er aber dennoch also, als wäre ihm der Tod offenbar lieber denn das allervollkommenste Leben.
   12] Sieht aber der also Handelnde den Tod des Leibes herannahen, da erschrickt er dann und fängt an, zu zagen und zu verzweifeln.
   13] Ich aber frage hier: Warum bleibt denn solch ein Tor sich dann nicht beständig?
   14] Warum fürchtet er dann die Vernichtung, für die er doch durchs ganze Leben so entschieden gearbeitet hatte?
   15] Ich antworte hier aber an deiner Stelle und sage:
   16] Solange der Tote noch die Kraft des Lebens in sich gewahrte, war er wie ein Herr über den Tod und hatte keine so grobe Furcht vor ihm, da er als der also Lebende nicht wissen kann in der freien Anschauung der Dinge um sich, wie er im Tode und der Vernichtung für sie keine Sinne mehr haben wird.
   17] Wenn er aber merkt, daß die Kraft seines Scheinlebens schwindet, seine Sinne schwächer werden und somit auch die Dinge um ihn zu verschwinden anfangen, und er somit auch anfängt, die Macht des Todes und das Schreckliche des Nichtseins zu empfinden und den Druck der Vernichtung, dann auch erst gewahrt er den großen Unterschied zwischen Tod und Leben!
   18] Da wird er alles versuchen und aufbieten; was ihm das Leben wiederbringen möchte!
   19] Doch - hier sage auch Ich: Es wird am Ende für gar viele zu spät werden!
   20] Denn das wahre, unvergängliche, herrschende, freie Leben gleicht einer vollreifen Frucht, das Natur- oder Fleischleben aber einer unreifen.
   21] Bei der reifen Frucht ist der Kern frei und fest geworden, und so kann die äußere, den Kern früher ernährende Fleischhülle ohne den geringsten Nachteil für den völlig lebendigen Kern selbst vom selben getrennt werden; denn da hat der Kern schon alles Leben in sich aufgenommen und empfindet keinen Tod mehr, sondern nur ein abgeschlossenes, volles Leben in sich selbst, welches nirgends mehr mit der äußeren Fleischmasse in irgendeiner notwendigen Verbindung steht, - darum diese auch, wie gesagt, ohne den allergeringsten Nachteil für die Frucht des Kerns abfallen kann.
   22] Aber wie ganz anders verhält sich die Sache bei einer unreifen Frucht, allwo die äußere Masse mit dem Kern noch ein mattes Leben lebt, wo der Kern stirbt, wenn die äußere Masse zu sehr verletzt wird!
   23] Daher sorge ein jeder für die Vollreife seines Geistes, welche dann erfolgen wird, wenn sich der Geist von allen Begierdefäden und Fasern des Fleisches losgemacht haben wird!
   24] Hat jemand das erreicht, so ist er auch ein Herr des Lebens geworden.
   25] Wie aber alle Früchte nur an der Sonnenwärme reifen, also werdet auch ihr an, in und durch die Wärme Meiner Liebe in euch zu Mir lebensreif.
   26] Und so denn werde auch du, Enos, einmal vollends lebensreif hier an der Brust, die so endlos übervoll ist des alleinig wahren, allerewigsten und allerfreiesten, mächtigsten und allerseligsten Lebens!
   27] Verstehe es wohl, und lebe sonach wahrhaft allzeit und ewig! Amen.«


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