Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 117. Kapitel: Pura auf Abedams Arm sucht den Allerhöchsten.

   01] Als die Pura solches vernommen hatte vom Abedam, da wurde sie nahe bis zur kindlichen Ausgelassenheit froh, heiter und lustig, warf ihre zarten Hände sogleich um den Hals ihres erhabensten Trägers und legte ihren Kopf ganz liebtrunken an Seine heilige Brust.
   02] In solcher Liebestellung verharrte sie so lange, bis alle samt und sämtlich die Vollhöhe erreicht; dahier bei all den sehnsüchtigst harrenden Kindern anlangt, erwachte unsere Pura erst aus ihrem Liebestaumel, durch die allgemeine laute Freudeäußerung der Kinder erweckt.
   03] Als sie nun hier in der Dämmerung der vielen Menschen ansichtig wurde, die beim Anblicke des hohen Abedam, tief lobend und preisend Seinen Namen, zur Erde niederfielen vor Ihm, da fragte sie ganz leise den Abedam, sagend nämlich:
   04] »Du unbeschreiblich lieber Mann, an dem nun mein ganzes Leben hängt, möchtest du mir denn nicht an zeigen, was da diese allerhöchste Ehrfurcht, welche nun von diesen sehr gut zu sein scheinenden Menschen ausgeübt wird, zu bedeuten hat, und auf wen sie so ganz eigentlich gerichtet ist? Geht sie allein Dich an, oder gibt es vielleicht hier noch einen, der da wäre über dich? - O sag' es mir!«
   05] Und der Abedam sagte zu ihr: »Sieh dich nur ein wenig um; wer da nun aufrecht steht, der ist der Allerhöchste nicht nur unter diesen Menschen, sondern auch in allen den Himmeln!
   06] Also sieh dich nur recht emsig um, und du wirst den allein aufrecht Stehenden gar bald und gar leicht finden!«
   07] Hier fing die arme, nun aber überreiche Pura an, mit ihren großen, schwarzen Augen herumzublitzen, und suchte die ganze Menge hindurch kreuz und quer; aber da sich selbst der Adam, Seth, Lamel, Henoch und die zehn Träger Seths, sobald sie die Höhe erreicht hatten, auf ihre Angesichter ehrfurchtsvollst und dankbarst zur Erde legten, so war all ihre Mühe vergeblich, denn sie fand niemanden aufrecht stehend.
   08] Darüber etwas ängstlich gemacht, fing sie an, sich allgemach gegen ihren Träger zu entäußern, und sagte in einem etwas verwundert fragenden Tone:
   09] »Höre, du mein überaus lieber und auch sehr starker Mann, ich suche vergebens! Es steht ja doch nirgends auch nur eine menschliche Seele aufrecht! Wie soll ich demnach denn das verstehen, das du ehedem zu mir gesagt hast?«
   10] Und der hohe Abedam drückte sie auf Seine heilige Brust, stellte sie dann zur Erde gar sanft nieder und sagte dann wieder zu ihr: »Meine Mir überaus teure Pura, siehe dich nun ein wenig um, und du wirst doch sicher gar bald einen aufrecht stehenden Mann irgendwo entdecken!«
   11] Und wieder fing die Pura an, die große Menge zu mustern; allein auch diesmal fiel ihr noch nichts Aufrechtstehendes in die Augen.
   12] Da der hohe Abedam aber sah ihre große Verlegenheit, so bog Er Sich alsbald wieder zur Erde nieder, nahm sie, die Pura nämlich, auf Seinen überheiligen Arm, drückte sie auf Seine Brust und sagte dann zu ihr:
   13] »Siehe, du Meine allerliebste Pura, wer da sucht mit seinen Augen in der Ferne herum und blickt das nicht an, was ihm am allernächsten ist, der wird schwerlich je etwas finden, und am allerwenigsten das, was er finden möchte und auch finden sollte.
   14] Daß du bisher noch nichts gefunden hast, was du doch so überaus. gerne finden möchtest, liegt auch lediglich schuldend darinnen, weil du deine Nähe hast unbeachtet gelassen, und zwar deine nun allergrößte dich tragende Nähe.
   15] Pura, sieh Mich einmal an, und sage Mir dann, ob Ich liege oder aufrecht stehe!
   16] Hast du das gefunden, dann wirst du auch gar bald innewerden wer da ist der Allerhöchste, und wen da diese Verherrlichung nun angeht!«
   17] Hier schlug die nun allerreichste Pura ihre schneeweißen, vollen, zartesten Arme über dem Kopfe zusammen und schrie laut auf: »Um des allein einig wahren Gottes willen, was habe ich Blinde getan?
   18] O du, der du sicher der König dieses Volkes bist, überaus mächtig am Worte und an jeglicher Tat, wirst du mir armen, blinden Törin wohl vergeben können diesen mir unbegreiflich allergrößten Irrtum?!
   19] Nein, nein, - ich könnte mir nun gerade selbst die abscheulichen Augen auskratzen, darum sie dich, den alleinig aufrecht Stehenden nicht bemerkt haben!«
   20] Der Abedam aber tröstete sie und sagte zu ihr: »Sei nur ruhig, du Meine geliebteste Pura, - denn nun hast du Mich ja schon zur Hälfte gefunden; die andere Hälfte aber ahnt dein Herz in dir ja ohnehin schon auch, und so wird es nicht mehr lange währen, bis du Mich vollends wirst kennen lernen!
   21] Doch da das Volk sich schon wieder erhebt von der Erde, so laß uns jetzt unterdessen davon schweigen bis zur rechten Zeit, da du alles wirst kennen lernen! Hättest du aber in der Ebene merken können, was Ich tat den Völkern aus der Tiefe, so wüßtest du schon, wer Ich so ganz eigentlich bin; allein für deine Schwäche war es noch nicht an der Zeit, darum lagst du nahe taub zu Meinen Füßen.
   22] Jetzt aber bist du reich geworden; daher wirst du Mich auch gar bald näher kennen lernen!
   23] Siehe, hier kommt schon der Seth zu Mir; daher schweigen wir und vernehmen, was dieser möchte! Amen. »


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