Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 168. Kapitel: Das Glaubensbekenntnis des Oberstadtrichters.

   01] Aber nun erhob sich der Oberstadtrichter, der an unserem Tische neben Mir saß, und sagte: »Herr und Meister, Du weißt, daß ich ein Römer bin, und das ein in aller Wissenschaft wohlbewanderter, ansonst man mich nicht zum Oberstadtrichter einer der größten Gemeinden gesetzt hätte, die sich auf dem Berge Auran befindet. Weil ich mich aber eben schon von Kindheit an auf allerlei Kenntnisse und Wissenschaften habe verlegen müssen, damit ich nach strengen abgelegten Prüfungen das habe werden können, was ich nun bin, und noch immer mehr werden kann, so ist es gewisserart von selbst begreiflich, daß ich schon in meiner frühesten Jugend das völlig Leere und Nichtige unseres Göttertums zur Genüge habe kennen und verachten gelernt, und ein weiser Mann, ob Grieche oder Römer, war mir um viele tausend Male lieber als alle unsere ägyptischen, griechischen und römischen Halb- und Ganzgötter.
   02] Schon der große Kaiser Augustus hat dazu sehr viel beigetragen, dieses alte Götzentum nach Möglichkeit auszurotten, und hat dafür die rechten Wissenschaften selbst hochgeehrt und wohl verstanden, sich mit wissenschaftlichen Männern aus allen Ländern an seinem Hofe in Rom zu umgeben und den bekannten Dichter Ovid, der zur selben Zeit eine Art Götterlehre unter dem Namen 'Metamorphosen' (Verwandlungen) geschrieben hat - zu welcher Arbeit ihn heimlich gegen gute Bezahlung die Priester veranlaßt hatten, - lebenslänglich von Rom verbannt.
   03] Und wie Augustus gesinnt war, so war auch sein Nachkomme gesinnt, unter dem ich geboren und erzogen wurde, und ich habe auch eben wegen meiner dem Kaiser wohlgefälligen antigöttischen (die heidnische Götterlehre ablehnenden) Gesinnung in meiner Jugend schon eine solche namhafte Stellung, in der ich mich befinde, überkommen und zähle jetzt noch nicht einmal dreißig Jahre.
   04] Aber mit dem Hinwegwerfen aller unserer Götzen habe ich auch den Glauben der Unsterblichkeit der menschlichen Seele nach dem Tode - und meinte mit vollem Rechte - hinweggeworfen.
   05] Ich wurde darum zwar kein Epikureer dem Leben nach, aber desto mehr dem Glauben nach, der sich bei mir nicht nur durch das Lesen der Bücher vieler Weltweiser, sondern durch meine vielfache Erfahrung bis zur völligen Klarheit herausgebildet hatte.
   06] Ja, ich habe auch die Werke eines Sokrates und Plato mit vieler Aufmerksamkeit gelesen; aber ihre Beweise für das Fortleben der menschlichen Seele sind mit ihnen selbst verstummt, indem sie in der ganzen bekannten Natur keinen Widerhall fanden. Wäre es anders, so müßten diese immerhin hochschätzbaren Autoren ihrer Ideen, als in einer andern Welt fortlebend, ein sicheres Kennzeichen gegeben haben, daß sie eben nicht gestorben und vergangen sind, welches Zeichen für uns suchende und denkende Menschen sicher von großer Wichtigkeit gewesen wäre; denn ich meine, eine nach dem Tode fortlebende Seele sollte sich doch auch wenigstens um das bekümmern, daß ihre in ihrem Leibe hervorgebrachten geistigen Werke bei uns noch diesseits lebenden Menschen eine wünschenswerte Wirkung hervorbrächten.
   07] Allein diese großen, von aller Welt hochgeachteten Männer sind nach dem Gesetze der Weltnatur gestorben, und nach ihrem Leibestode haben sie nie auch nur ein leisestes Zeichen gegeben, daß das wahr sei, was sie gelehrt und behauptet haben! Aber desto mehr und sprechendere Beweise stellen sich jedem Menschen zu jeder Stunde des Tages dar für das Nichtfortbestehen des Lebens der Seele nach dem Tode des Leibes; denn was wir ansehen, besteht nur eine gewisse Zeit hindurch, ob etwas länger oder kürzer, das ist im Grunde eins.
   08] Was einmal gestorben und vergangen ist, das ist gestorben und vergangen und kommt als ganz dasselbe niemals wieder zum Vorschein. Eine Pflanze, die gestorben, verdorrt und verwest ist, düngt wohl den Erdboden; aber sie selbst kommt als ganz dieselbe niemals wieder zum Vorschein, und der da sagte, daß die Toten stumm sind und kein Lebenszeichen mehr von sich geben, hatte recht, und auch der hatte recht, (der da sagte), daß alles Verstorbene noch aus den Gräbern der Verwesung die bedeutungsvollen Worte zuruft: 'Wir waren, wir sind vergangen und werden fürder nimmer sein - außer ein diese Erde auf eine kurze Zeit düngendes und vermehrendes Atom.'
   09] Ich habe mich mit dieser der Wahrheit nach mit Händen zu greifenden Anschauung derart vertraut gemacht, daß ich nun nicht mehr die allerleiseste Furcht vor dem Tode besitze, sondern mich nur mehr nach ihm sehne - denn mein gegenwärtiges Bewußtsein sagt mir, daß hinter diesem meinem Dasein Ewigkeiten um Ewigkeiten vergangen sind, und ich habe nie ein Leid und eine Traurigkeit darum in mir empfanden, daß ich nicht ein fortwährender Augenzeuge der endlos langen Zeitläufe war.
   10] Das Schicksal und die Kräfte der Natur haben mich aber dennoch in ein mir selbst bewußtes Dasein gerufen, davon ich nie die Ursache und den Zweck erfahren konnte. Wahrscheinlich haben sie sich mit mir, so wie mit andern Geschöpfen, einen momentanen Bewunderer ihres Seins und Wirkens darstellen (schaffen) wollen. Aber was habe am Ende ich und was haben sie davon? Ist der Bewunderer nicht mehr, so ist mit ihm auch alles andere nicht mehr; denn ob eine Welt oder zahllose Welten mit ihren Wundern bestehen, für den bestehen sie nicht mehr und haben auch so gut wie niemals bestanden, der entweder selbst nie da war oder fürder nimmer dasein wird.
   11] Aus dem Grunde verachte ich das, was ich an der Welt gefunden habe, aber ganz und gar nicht; aber ich achte es auch so gut wie etwas ganz Nichtiges und Wertloses. Meinen größten Wert aber setze ich in das wirkliche, reelle, vollkommene Nichtsein; denn bin ich nicht, so denke ich auch nicht, will nichts und schaffe nichts, habe kein Bewußtsein, weder ein gutes noch ein echtes, und bleibe dadurch in Ewigkeit niemandes Schuldner, habe keine Gesetze zu beachten und keine Strafgerichte weder von seiten der Menschen, noch weniger von der Seite der nichtigen Götter zu befürchten.
   12] Siehe, Du außerordentlicher Herr und Meister, das war schon, von frühen Jahren angefangen, mein, wie auch meiner Eltern vollwahres Glaubensbekenntnis, zu dem wir aus der überall gleichsprechenden Natur die unwidersprechbaren Gründe und Beweise überkommen haben! Wer diese Grundsätze in seinem kurzen Wirkungsleben vollkommen beachtet, der wird auch ein ehrlicher Mensch bis zu seiner letzten Stunde verbleiben; denn er weiß, daß er ein vollkommenes Nichts ist, und weiß dann auch, daß alles ihn Umgebende mit ihm das gleiche Los teilt.
   13] Als ich mit solch meinen Glaubensgrundsätzen zu den Juden herüberkam, sie beten und Buße wirken sah, da mußte ich sie wahrlich bedauern, daß sie so kurzsichtig sind und allerlei ihre Gemüter entweder schwach beglückender, aber wohl dafür meist überstark verstörender Aberglaube (bei ihnen) wie unter den Heiden zu Hause sein müsse, dessen Schöpferin sicher, so wie bei allen Völkern der Erde, die Priesterschaft sein werde, die sich von den Menschen für ihren erfundenen Betrug wohl bedienen und ernähren läßt und sich dabei um ein anderwärtiges Heil der Menschen nicht im geringsten kümmert und sich dabei denkt: 'Hat euch einmal der Tod gefressen, dann habt ihr samt uns für ewig von allem zur Genüge!'
   14] Ich wollte mich mit dem aber dennoch nicht begnügen und verschaffte mir der Juden Bücher, las sie mit vieler Aufmerksamkeit durch und muß offen gestehen, daß sie mir zu mystisch und unverständlich vorkamen. Das Beste an ihnen war, daß in ihnen nur von einem Gott die Rede ist, der sehr gut und recht sei; aber an verschiedenen Androhungen der jenseits zu erwartenden ewigen Strafen hat es ebensowenig einen Mangel wie in der uralten Mythenlehre der Ägypter, Griechen und Römer. Und ich legte die Bücher zu Seite und sagte auch: Ihr seid ebenso ein Werk der schwachen Menschen dieser Erde wie unsere Götzen, Götter und die vielen Bücher über sie, an denen die große Bibliothek zu Alexandria einen übergroßen Reichtum aufzuweisen hat.
   15] Großer Herr und Meister, das war bis zur Stunde mein Glaube; doch soeben jetzt in Deiner Gegenwart fühle ich zum ersten Male in mir - und zwar durch Deine Taten und wenigen Worte angeregt -, daß ich mich dennoch in einem Irrglauben befinde, und bitte Dich darum, Du wollest mir ein rechtes Licht geben, besonders über den Punkt, was Du mit Deiner Auferweckung zum ewigen Leben an einem gewissen Jüngsten Tage der vollsten Wahrheit gemeint hast!«


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