Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 166. Kapitel: Befreiung und Bekehrung der vor dem Stadttor von Löwen bewachten Pharisäer.

   01] Auf diese Rede ward der Oberstadtrichter erst auf die Wache außerhalb des Stadttores neugierig, und er bat Mich, Ich möchte ihn hinausbegleiten, da er sich vor den Löwen sehr fürchte.
   02] Ich aber sagte zu ihm: »Gehe du mit Dismas ganz getrost bis zum Stadttore hin, und es wird keines dieser Tiere dir etwas zuleide tun!«
   03] Auf das faßte der Oberstadtrichter samt dem Dismas das vollste Vertrauen und ging mit ihm ganz mutvoll bis an das Stadttor!
   04] Da baten ihn die von den vierzehn Löwen Bewachten, er möchte sie von dieser entsetzlichen Plage befreien.
   05] Und der Oberstadtrichter sagte: »Wendet euch an den Herrn, den ihr zuvor so greulich verlästert habt; denn nur allein bei Ihm steht es, euch von dieser Plage zu befreien!«
   06] Und die Juden samt den etlichen Pharisäern schrien: »So bittet ihr für uns, daß Er Sich unser erbarme, und wir wollen an Ihn glauben!«
   07] Da kamen die beiden alsbald zurück und hinterbrachten Mir das.
   08] Und Ich sagte: »Also vergeltet denn auch ihr niemals Böses mit Bösem, und die vor dem Stadttore sollen von ihrer Plage befreit sein!«
   09] In dem Augenblick wichen die grimmigen Wächter, und die Bewachten kamen voll Glaubens zu uns und wurden auch bald mit dem Zisternenwasser gestärkt.
   10] Als sich die Juden und etlichen Pharisäer an einem andern Tische, nicht ferne von uns sitzend, mit dem Zisternenwasser gestärkt hatten, da stand eben derjenige grimmigste Pharisäer auf, der zuvor mit Dismas Mir den Weg in die Stadt verwehren wollte, und sagte: »Herr und Meister! Jetzt glaube auch ich, daß Du wirklich Derjenige bist, auf den alle Juden und auch Heiden so lange vergeblich gewartet haben!
   11] Wärest Du in der Art erschienen, wie Dich die meisten Propheten, von Moses angefangen, verkündet haben, so hätten wir auch nie einen Anstand genommen, Dir mit vollem Glauben entgegenzukommen; aber Du kamst in einer Weise in diese Welt, von der man am wenigsten vermuten konnte, Du seist der verheißene Messias der Juden und durch sie auch aller Menschen auf Erden.
   12] Denn es kannte Deine Abstammung nahezu ein jeder Mensch von Jerusalem, indem er Deinen Vater und Deine Mutter, wie auch Deine Brüder, nur zu gut gekannt hatte; denn wie oft ergab es sich, daß Dein Vater als ein allgemein bekannter geschickter Zimmermann und Schreiner zugleich bei uns in Jerusalem zu tun hatte und Du Selbst nicht selten mit ihm und Deinen Brüdern als Zimmermann mitarbeitetest. Auf einmal bist Du, als der gleiche Zimmermann, in der Mitte mehrerer Jünger als Volkslehrer aufgetreten und hast in Jerusalem gelehrt und ein scharfes Zeugnis wider uns gegeben, - daher es Dir auch begreiflich sein wird, daß unser Haß in dem Maße gegen Dich steigen mußte, als Du bei Deinem jedesmaligen Erscheinen in Jerusalem uns bei dem Volke bloßstelltest und wider uns das Zeugnis gabst, daß wir nicht Diener Gottes, den wir nicht kenneten, sondern nur reißende Wölfe in Schafspelzen und somit Diener des Beelzebub seien und das Volk nicht zum Lichte und somit auch nicht in den Himmel lassen, und wir selbst auch nicht hinein wollten, und dergleichen uns verkleinernde Zeugnisse noch eine Menge, die wir entweder mit eigenen Ohren gehört haben oder uns von andern treulich berichtet wurden.'
   13] Aus dem muß ein jeder denkende Mensch es einsehen, daß wir Dir nie haben freundlich begegnen können und unser Haß gegen Dich sich um so mehr steigern mußte, weil Dein Schmähen über uns sich stets steigerte.
   14] Du hast zudem noch außerordentliche Wunder gewirkt und dadurch das Volk von uns leicht vollends abwendig gemacht und unsere Einnahmen in den dritthalb Jahren im ganzen mehr denn um zweitausend Pfunde Goldes verringert, und machtest das Volk glauben, daß Du der Sohn des einen lebendigen Gottes bist, wodurch Du dem alten Gesetze Mosis zu unserem größten Ärgernis den allergewaltigsten Stoß versetzt hast, wo es heißt: 'Ich allein bin euer Gott und euer Herr, an den ihr zu glauben, auf Ihn zu bauen und Ihm zu vertrauen habt. Außer Mir gibt es keinen Gott; darum sollt ihr auch keine andern Götter neben Mir haben!'
   15] Nun hast Du aber gesagt, daß Du Gottes Sohn seist, und daß der allein wahre Gott im Himmel Dein Vater sei, den Du allein gesehen hast und ihn kennest, sonst aber kein Mensch, - wir Diener des Tempels schon am allerwenigsten.
   16] Dabei hat aber David von der Ankunft des Messias bei weitem anders gesprochen, als wie Deine Ankunft geschehen ist, indem er sagte: 'Machet die Türen breit und die Tore hoch, auf daß der König der Ehren bei euch einziehe! Wer ist aber dieser König? Es ist Jehova Zebaoth!'
   17] Nun wirst Du daraus mit natürlichem Menschenverstande wohl einsehen und begreifen, daß Du in Deiner Zimmermannsstellung in Galiläa nicht als der König der Ehren, trotz aller Deiner Schriftweisheit, angesehen werden konntest, ja nicht einmal als ein Prophet, da es doch ausdrücklich geschrieben steht, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufsteht!
   18] Herr, vergib es mir, daß ich Dir nun ganz freimütig und offenherzig den Grund dargestellt habe, warum Du bei den allermeisten und vielen Pharisäern, Hohenpriestern, Leviten und auch andern Juden, die mit dem Tempel halten, also verhaßt bist, und warum Du auch selbst durch Deine außerordentlichsten Wundertaten nicht nur keinen guten Eindruck gemacht, sondern sie dadurch nur stets mehr und mehr gegen Dich aufgereizt hast, zu denen auch ich ehedem gehörte und gleich meinen Amtsgefährten der Meinung war, daß Du Deine Wundertäterei bei den uns über alles verhaßten Essäern erlernt hast und mit ihrer Hilfe uns zugrunde richten und den Essäern ein weites Wirkungsfeld einräumen willst, - und das aus dem Grunde, weil die Römer, als unsere Herren und stets Feinde, es mit dieser Sekte halten, ihnen alle erdenklichen Privilegien und Vorteile zukommen lassen, weil sie eben diese Essäer zu allen ihren beherrschenden Zwecken bestens und wirksamst gebrauchen können.
   19] Wir aber wissen, wie die Essäer ihre Wunder wirken, und haben ihnen selbst so manches heimlich abgelernt und konnten darum Deinen Wunderwerken nie hold und freundlich werden, weil wir Ähnliches auch bei ihnen wirken gesehen haben. Denn in unserer - sozusagen - blinden Wut haben wir uns gar nie die Zeit nehmen wollen, um zwischen Deinen und der Essäer Taten eine kritische Parallele zu ziehen, und ich gestehe es offen, daß mir hier zum ersten Male in dieser alten Heidenstadt ein rechtes Licht über Dich aufgegangen ist.
   20] Die zwei Zeichen, die Du hier gewirkt hast, stellen Deine vor diesen gewirkten erst in ein rechtes Licht, drücken alle andern Wunderzeichen in ein völliges Nichts zurück und stellen Dich vor unsern Augen im vollen Ernste als Den dar, als welchen zu uns zu kommen Dich David angekündigt hat. Denn fürs erste - es gibt in dieser ganzen Gegend keine Löwen, da diese Tiere zumeist nur in Afrika zu Hause sind und sich höchst selten eine solche Bestie nach Arabien herüber verläuft und bald wieder zurückkehrt, so sie in der weitgedehnten Wüste keinen Fraß findet; auf Deinen Wink aber standen gleich vierzehn solcher Bestien vor uns! Dieses würde auch ganz schwerlich geschehen, wenn solche Bestien auch hierlands haufenweise zu Hause wären. Du mußt sie also, als ein Herr aller Kreatur, wirklich nur erschaffen haben!
   21] Und ist Dir das möglich, so ist Dir auch leicht möglich gewesen, fürs zweite dieses Wirtes Zisternenwasser in den besten Cyperer Kaiserwein zu verwandeln, von dem ich nur einmal - bei einer Tafel unseres Königs Herodes - einen kleinen Becher voll zu kosten bekam.
   22] Ob Du meinen Namen weißt, kennst oder nicht, das ist mir gleich; sicher wirst Du ihn aber auch kennen. Aber ich gebe Dir hier die Versicherung, daß ich samt allen diesen meinen Gefährten wider Dich nimmerdar irgend in einem Hohen Rate unsere Stimme erheben werde. Wir werden zwar den andern vielen nicht den Mund stopfen können, da wir uns dazu viel zu ohnmächtig fühlen; aber - wie gesagt - wir werden im Herzen stets an Dich glauben, und geschehe, was da wolle! Aber wie gesagt, gegen Dich soll nie mehr eine Stimme, von unserem Munde ausgehend, laut werden!«


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