Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 98. Kapitel: Jesus veranschaulicht das rechte Suchen nach Gott.

   01] Sagte auf diese Meine Rede der Priester: »Du wahrhaft großweiser und gottbegeisterter Meister, ich besitze ein großes Vermögen, - genügt es, so ich drei Vierteile davon zu Wohltaten an die verwende, die nach den Gesetzen Mosis, die ich von nun an alle befolgen will und werde, durch mich zu irgendeinem Schaden gekommen sind, und mit dem einen Vierteile aber andere Werke der Nächstenliebe bis zu meinem Lebensende ausübe?«
   02] Sagte Ich: »Freund, das genügt mehr denn vollkommen; denn siehe, Gott in Sich ist die ewig reinste und purste Liebe!
   03] So es aber einen Menschen gibt, der da sich nehmen möchte ein Weib, da er eines Weibes benötigt, aber er hat keine Liebe und sucht das Weib auch nicht mit der Liebe, sondern mit dem trocknen Weltverstande nur, - meinst du wohl, daß so ein Mensch jemals ein rechtes Weib voll Liebe zu ihm finden wird? Eine Torin, ja, die nicht den Menschen, sondern nur sein Gold ehelicht, um es dann mit andern zu vergeuden, wird er finden, aber ein Weib voll Liebe zu ihm nicht! Wer sonach aber ein Weib voll Liebe finden will, der muß es auch mit Liebe suchen.
   04] Wer demnach aber Gott, als die reinste Liebe, suchen und finden will, der muß Ihn auch in der reinsten Liebe im eigenen Herzen, an der keine noch so geringfügig scheinende schmutzige Weltliebe klebt, suchen; und sucht er Ihm also, so wird er Ihn auch allersicherst finden.
   05] Als du noch ein junger Mann warst, da hattest du das Glück, einer sehr schönen und sehr reichen Tochter eines Patriziers zu gefallen, und du hattest auch eine mächtige Liebe zu ihr und hättest sie auch zum Weibe erhalten, so deine wohl recht mächtige Liebe zu ihr ganz rein gewesen wäre; weil aber die benannte Tochter, die man damals eine Perle Roms nannte, dich eben sehr liebte, ohne daß du davon mehr, als nötig war, merken konntest, so war es ihr auch darum zu tun, sich auf geheimen, dir unbekannten Wegen von deiner Liebe zu ihr genaue Kunde zu verschaffen, und sie fand bald, daß du auch noch andere Maiden hattest, denen du auch dein Herz offen hieltest.
   06] Als die Perle Roms des inne ward, da wandte sie sich bald von dir ab und gab dir kein Zeichen mehr, daß sie dich liebte, und wandte so denn auch ihr Angesicht von dir ab.
   07] Da wurdest du freilich sehr traurig und machtest noch manche eitlen Versuche, sie dir wieder geneigt zu machen, und es hätte dir das auch gelingen können; aber du konntest deiner Leidenschaft der Liebe zu den andern nicht völlig, dich selbst verleugnend, ledig werden und verlorst dadurch die Perle ganz.
   08] Und siehe, so ungefähr steht es auch bei Gott als der ewig reinsten Liebe! Nur mit der reinsten und makellosesten Liebe kannst und wirst du Ihn finden, sehen und preisen und von Ihm überkommen das ewige Leben.
   09] Es ist für den, dessen Herz voll von allerlei weltlichen Dingen ist, freilich wohl schwer, sich von ihnen zu reinigen; aber ein fester Wille ist ein tüchtiger Arbeiter und macht das, was dir heute noch unmöglich dünkt, für morgen leicht und für noch weiterhin immer leichter und leichter ausführbar.
   10] Frage dich nun aber selbst in deinem Gemüte, ob du das auch gehörig verstanden hast, was Ich dir nun erklärt habe!«


Home  |    Index Band 10  |   Werke Lorbers