Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 190. Kapitel: Frage des Arztes nach dem Manna in der Wüste.

   01] Unsere Joppeer aber besahen sich die Ufer des Meeres und sprachen beständig von Mir. Sie besahen auch das Badehaus und verwunderten sich höchlichst über dessen große, viele, überaus zweckmäßig eingerichtete Räumlichkeiten und über deren Reinheit, und ebenso besahen sie auch den ganzen großen Garten und rühmten den Badeherrn, den Baumeister und den Gärtner, welche das einmal geschaffen haben mochten. Sie fragten auch einen und den andern Badediener, wie lange diese herrliche Anstalt schon bestehe, wer der Baumeister und von woher er gewesen sei.
   02] Aber die Diener durften das niemandem sagen, und sie beschieden die Frager mit dem, daß sie das schon vom Badeherrn erfahren würden, so das zu ihrem Heile nötig sein werde.
   03] Als diese vierzig im Garten schon nahe gen Abend hin alles besehen und sich hoch verwundert hatten, da gingen sie wieder ins Freie und berieten sich wegen einer Nachtherberge; und als sie auf dem Berge mehrerer Zelte und eines großen tempelartigen Söllers ansichtig wurden, da fragten sie einen Diener, der sich in ihrer Nähe befand, ob sie als arme und mittellose Menschen auf dem Berge in den Zelten Nachtherberge nehmen dürften.
   04] Der Diener aber sagte: »So es Zeit zur Nachtruhe wird, da werdet ihr schon wie ein jeder andere Gast damit bedacht werden; nun aber geduldet euch, bis die Herren, die sich schon beinahe den ganzen Tag auf dem Berge aufhalten und vergnügen, herab ins Haus kommen werden!«
   05] Damit waren die Geheilten auch wieder zufrieden, begaben sich an ihre Tische, wo sich noch etwas Brot und Wein befand, und stärkten sich damit und besprachen sich abermals besonders über Mich.
   06] Was geschah aber währenddem, als die Armen unten nach Meinem Willen behandelt, verpflegt und geheilt wurden, auf dem Berge bei und unter uns?
   07] Unser Raphael erzählte den Anwesenden alles, was unten vor sich ging, und es ward die Klugheit des Dieners gelobt, wie später auch die des Fischers aus Joppe wegen seines Benehmens gegen die Schiffer von Tiberias. Und die Jünger des Johannes sahen nun noch mehr und heller ein, daß die Joppeer nicht ohne Glauben an Mich von Mir von ihren Übeln geheilt worden sind.
   08] Als Raphael seine Erzählungen beendet hatte und die Sonne sich schon sehr dem Untergange zu nahen begann, da trat abermals der Arzt von Melite zu Raphael hin und sagte: »Hochherrlicher Freund, seit hier mein Geist durch des Herrn Worte aus deinem Munde stets wacher und heller wird, kommt mir alles, was ich je getan, gesehen und aus den Büchern gelesen habe, so lebhaft in die volle Erinnerung, daß ich nun imstande wäre, dir alle Bücher Mosis, der Propheten und noch gar vieles andere aus den Büchern der Juden von Wort zu Wort herzusagen; und da finde ich nun etwas Sonderbares eben in jener Zeit, als die Israeliten sich in der Wüste aufhielten und sich von dem Manna, das täglich, mit Ausnahme des Sabbats, aus den Himmeln reichlich zur Erde herabfiel, ernähren mußten.
   09] Daß dieser Mannaregen ein reines Wunder war, daran habe ich nun nicht den allergeringsten Zweifel, und es besteht das, was mir da sonderbar vorkommt, denn auch nicht in dem offenbaren Wunder, sondern in dem, daß da kein einziger Mensch an einem Tage von dem Manna für sich und die Seinen mehr sammeln durfte, als genau nur so viel, wie er nach der Vorschrift für den einen Tag benötigte. Nur am Freitage durfte ein jeder auch für den Sabbat, an dem kein Manna aus den Himmeln kam, sich den vorschriftsmäßigen Vorrat sammeln; wer sich aber an einem andern Tage einen Vorrat auch für den kommenden Tag sammelte, dem ward solcher faul, stinkend und voll Würmer und somit weder für Menschen noch für die Tiere genießbar.
   10] Nun, in dieser sonderbaren Verordnung Jehovas durch Moses und Aaron finde ich die eigentliche Weisheit des Herrn und ihren Grund nicht heraus. Verhielt sich die Sache wohl in der Tat also, oder ist das nur irgendeine allegorische, hieroglyphenartige Darstellung irgendeiner geheimen, tiefgeistigen Wahrheit, die im Menschen erst dann enthüllt wird, wenn sein Geist vollherrschend in der Seele geworden ist?
   11] Wenn es aber in der Tat also war, so begreife ich wahrlich nicht, warum sich kein Mensch außer am Freitage für den Sabbat nur und für keinen andern Tag einen Vorrat sammeln durfte. Und so das Manna am Sabbat nicht faul, wurmig und stinkend wurde, warum ward denn dann ein für einen andern Tag aufgesammelter Vorrat also, wie da beschrieben ist? Hochherrlicher Freund, möchtest du mir da nicht auch ein rechtes Lichtlein in meiner Seele anzünden?«


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