Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 172. Kapitel: Jesus beruft Raphael zur Aufklärung über das Wesenhafte des Reiches Gottes.

   01] Sagte der Arzt: »O Herr und Meister, nun ist mir alles klar, und wir danken Dir, daß Du vor uns erstens die Welt der Geister so licht und hell enthüllt hast und wir nun wissen, wie sich das Fortleben der Seelen der weltsüchtigen Menschen im großen Jenseits gestaltet und gestalten muß; und zweitens danken wir Dir, o Herr und Meister, für die Erklärung über den Zustand der vollendeten Geister im Gottesreiche.
   02] Es wäre freilich wohl auch wünschenswert, einen inneren Blick in das Wesenhafte des Reiches Gottes und seiner schon seligen Bewohner senden zu können; doch weil Deine Gnade und Liebe uns dasselbe ohnehin so klar mit Worten dargestellt hat, daß wir es ordentlich wie mit den Augen schauen konnten, so hielte ich das für eine Vermessenheit, von Dir zu verlangen, uns auch das Jenseits der seligen Geister zu zeigen, und somit danken wir Dir nochmals hier für die große Gnade, die Du in so überreichem Maße uns hast zukommen lassen.«
   03] Sagte Ich: »Ja, Mein Freund, mit dem Zeigen des wesenhaften Gottesreiches, in dem sich schon zahllose seligste Geister seit für euch undenklichen Zeiten und Ewigkeiten befinden, ginge es bei euch allen ohnehin noch nicht, und das so lange nicht, bis das Reich Gottes in euch voll ausgebildet und zur lichten und in euch selbst beschaulichen Wahrheit geworden ist.
   04] Wird aber das Reich Gottes in euch selbst wesenhaft und voll Tätigkeit nach Meinem euch geoffenbarten Willen werden, dann werdet ihr es auch erschauen und darob eine übergroße Freude haben. Aber da ihr alle - bis auf einen, den Ich oft ermahnt habe, und der von seinem Geize noch nicht ablassen kann -, schon völlig in Meinen Willen eingegangen seid, so will Ich einen schon lange vollendeten seligsten Engelsgeist hierher berufen, und er soll euch über das Wesenhafte des Reiches Gottes die näheren Aufklärungen erteilen!«
   05] Hierauf rief Ich laut: »Raphael, komme und diene Mir und deinen Brüdern!«
   06] Als Ich das ausgesprochen hatte, da stand Raphael ernstfreundlichen und vor lauter himmlischer Schönheit ordentlich strahlenden Angesichtes vor Mir und sagte: »Mein Herr und mein Gott! Dein Wille ist mein Sein, mein ewiges Leben und meine Weisheit und Macht und lasse (geschehen), daß diese Brüder Deinen Willen als Dein Reich in mir erschauen sollen!«
   07] Als besonders die Griechen und unser Römer des Raphael ansichtig wurden, da verstummten sie ordentlich und konnten sich in ihren Herzen nicht zur Genüge über die gar überaus herrliche Gestalt des Engels verwundern; zudem hatte seine ganz kurze Ansprache voll Geist, Wahrheit und Leben an Mich einen so tiefen Eindruck auf ihre Gemüter gemacht, daß sie sich darüber lange nicht Rates erholen konnten, was sie nun mit diesem vollendeten Geiste anfangen sollten.
   08] Auch der noch immer anwesende Wirt von Jesaira, der Bootsmann, der Vorsteher des bekannten Fischerdörfchens wurden durch das urplötzliche Auftreten Raphaels im höchsten Grade überrascht, und sie wußten auch nicht, was sie in einer solch überraschenden Zeitkürze aus und mit ihm machen sollten. Denn erstens überraschte sie sein urplötzliches Auftreten und zweitens seine über alle ihre je gehabten Begriffe und Vorstellungen über die größte Schönheit einer Menschengestalt himmelweit hinausragende Anmut.
   09] Sie alle konnten sich an ihm nicht zu nur einiger Genüge satt sehen, und der Arzt sagte bei sich: »Nein, nein, das ist zur Seligkeit im Reiche Gottes ja an und für sich schon endlos mehr denn zu viel; denn das Anschauen solch einer höchst vollendet schönsten Menschengestalt müßte ja doch jedem Menschen tausend Jahre so bald vergehen lassen, als wie schnell und kurz da währt ein flüchtiger Augenblick!«
   10] Und solches gedachten bei sich noch mehrere.
   11] Am Ende nach einer ziemlichen Weile solchen Verwunderns faßte unser Arzt wieder Mut und sagte zu Mir: »Herr, Herr und Meister, hier, wäre für ewig gut sein, und ich verlangte für mich nimmerdar eine noch höhere Lebensglückseligkeit! Aber da Du durch Deine endlos große Liebe und Gnade diesen sicher an und für sich schon über alles vollendeten Geist hast wie in flammender Liebe vor uns erscheinen lassen, und er auch vor uns allen laut gesprochen hat, so möchte ich, so das tunlich und zulässig wäre, denn doch auch mit ihm mich über das Wesenhafte des Reiches Gottes besprechen!«
   12] Sagte Ich: »Darum habe Ich ihn ja berufen! Du kannst nun mit ihm wie mit einem deiner Gefährten sprechen. Gehe hin zu ihm, und rede mit ihm!«


Home  |    Index Band 9  |   Werke Lorbers