Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 173. Kapitel: Das Wesen des Reiches Gottes.

   01] Hierauf ging unser Arzt sehr bedächtigen Schrittes zu Raphael, der sich unterdessen mit Kisjona und Philopold über einiges, die nahe Zukunft betreffend, besprach, machte eine tiefe Verbeugung vor ihm und sagte dann: »Hoher Geist aus den Himmeln und seligster Freund Dessen, der nun als ein Mensch, mit Fleisch und Blut angetan, unter uns weilt und durch Sein Wort und Seine Taten von Sich Selbst zeugt, daß in Ihm der urewige, überweiseste und allmächtige Geist des allein wahren, einen Gottes wohnt, wolle mir denn doch auch etwas über das Wesenhafte des Reiches Gottes kundtun in einer mir noch sehr unvollkommenem Menschen begreiflichen Weise!«
   02] Sagte Raphael: »Ja, Freund, so verzagten Mutes mußt du nicht vor mir stehen; denn da könnte ich dir eben nicht besonders vieles vom Wesenhaften des Reiches Gottes offenbaren, da eine schüchterne Seele sich eben nicht in dem Zustande befindet, tiefere Wahrheiten in sich aufzunehmen und sie anschaulich zu begreifen zum Nutzen ihres in ihr wach werden sollenden göttlichen Geistes. Fasse also den rechten Mut, betrachte mich als deinen Bruder, der einmal auch das Fleisch dieser Welt getragen hat, und wir werden dann leicht miteinander reden!«
   03] Auf diese kurze Anrede bekam der Arzt mehr Mut und sagte zu Raphael: »Sieh, nun habe ich schon mehr Mut denn zuvor, als mich dein plötzliches Erscheinen auf des Herrn Ruf gar sehr gewaltig überrascht hatte, und so denn bin ich schon gefaßt, von dir eine rechte Erklärung über das Wesenhafte des Reiches Gottes zu vernehmen; wolle du, hoher und überherrlicher Geist der Himmel des Herrn, sie mir denn zukommen lassen!«
   04] Sagte darauf Raphael: »Höre also, du mein lieber Freund und Bruder im Namen und in der Liebe des Herrn! Du bist als ein nun geheilter Arzt aus Melite sonst ein schon recht weiser Mann - denn du hast den Herrn in der Heilanstalt, als Er dich auf deine Bitte augenblicklich geheilt hatte, als den einen und allein wahren Gott zuerst und am richtigsten erkannt und bist nun so fest in diesem dein ganzes Wesen durchdringenden Glauben, daß dich gar keine Erscheinung in der ganzen Welt davon abwendig machen könnte, was deiner Seele und deinem Herzen zum großen Lobe gereicht; da du aber aus deinem ehemaligen Heidentumswuste die allererste und größte Lebenswahrheit so bald erkannt hast, so ist es nun wahrlich etwas seltsam, daß du das Wesenhafte des Reiches Gottes nicht noch eher und leichter erkennest, denn ehedem den Herrn aus Seinem Werken, ohne Ihn auch je zuvor gesehen und gesprochen zu haben!
   05] Denn daß du zuvor von einem seltenen Menschen aus Nazareth gehört hast, der sich nun hier befinde und dich ebenso wie der Sage nach viele andere auf eine wundersame Weise geheilt haben dürfte, das hat dir noch lange nicht die Überzeugung verschafft, daß hinter Ihm der Herr Selbst daheim sei; aber dein Geist hat dir diese größte und heiligste aller Wahrheiten enthüllt.
   06] Wo ist denn nun dein Geist, daß er es dir sage: Wie wohl magst du um das Wesenhafte des Reiches Gottes fragen, wie siehst du nun den Wald vor lauter Bäumen nicht? Ist denn das Wesenhafte des Reiches Gottes vorerst nicht mit den Händen greifbar eben nur dort, wo der Herr Selbst persönlich gegenwärtig ist und wirkt?
   07] Wenn du vollkommen in des Herrn Willen wirst eingegangen sein und wirst ganz durchdrungen sein von Seinem Geiste, so wirst du das wie am hellsten Tage auch schauen im Reiche Gottes in dir, was du nun gleichwohl noch ganz trübe schaust mit den Augen deines Leibes.
   08] Siehe und begreife: Alles, was du nun schaust in aller Welt, stellt ja das Wesenhafte des Reiches Gottes dar! Du mußt dir nicht denken, daß das Reich Gottes irgendwo besonders sei. Das Reich Gottes ist überall in der ganzen ewigen Unendlichkeit, und der Mensch, der dessen inne wird aus dem Geiste des Herrn, der hat das Reich Gottes auch in sich und befindet sich, wo er auch immer sein und weilen und handeln mag - ob noch in seinem Leibe oder als Geistmensch in seiner puren Seele -, überall im Reiche Gottes und dessen vollster Wesenhaftigkeit.
   09] Du bist nun noch in deinem Leibe und ich in meiner lautern Geistmenschwesenheit, und wir beide befinden uns völlig in ein und demselben wesenhaften Reiche Gottes. Der ganz kleine Unterschied besteht darin, daß ich dessen vollkommen für ewig in mir klarst inne bin, du aber noch unvollkommen, darum du denn alle die lange schon seligen reinen Geistbrüder und -schwestern nicht sehen kannst außer in einem hellen Traum; wenn du aber noch vollkommener wirst denn nun, dann werden sie nicht verdeckt sein vor deinen Augen.
   10] Daß du nun mich sehen kannst, rührt ja schon auch daher, weil dein Geist schon insoweit in dir erwacht ist, daß er aus einer Ferne in dem Gottmenschen Jesus aus Nazareth den allein wahren, ewigen Geist Gottes erkannt hat; ohnedem könntest du mich eben nicht so leicht sehen und sprechen! Verstehst du nun das Wesenhafte des Reiches Gottes?«
   11] Sagte, ganz erstaunt über die klare Weisheit Raphaels, der Arzt: »O du herrlicher, unsterblicher Freund und Bruder! Du hast mir nun eine gewaltige Binde von meinen Augen hinweggetan! Das sieht der Mensch denn doch allzeit am schlechtesten, was ihm ganz knapp vor die Augen gestellt wird. Ich suchte wahrlich das, was ich in der Hand hielt. Ich danke dir für dein mir gegebenes Licht. Laß mich nun ein wenig darüber nachdenken, und wir wollen dann diese Sache noch näher behandeln!«
   12] Sagte Raphael: »Tue das, und es soll in deiner Seele ganz helle werden!«


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