Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 170. Kapitel: Erklärung Jesu über die jenseitigen Verhältnisse.

   01] Aber nun wandte sich der Arzt von Melite an Mich, sagend: »Herr und Meister, da wir alle ganz das gleiche gesehen und auch vernommen haben, so war diese von Dir zugelassene Erscheinung offenbar eine volle Wahrheit und keine traumartige Erscheinung im wachen Zustande, wie mir solche bei manchen meiner Kranken schon zu öfteren Malen vorgekommen sind, wo besonders in einem Orte fünf Fieberkranke auch ähnliche Wesen in einem und demselben Gemache gesehen haben; aber die von ihnen geschauten Wesen stimmten bei weitem nicht überein, denn es hatte ein jeder Kranke ganz andere gesehen und sie auch in verschiedener Sprache vernommen -, und so schien es mir, daß die von meinen Fieberkranken gesehenen Wesen denen in einem Traume ähnlich waren, die doch sicher nichts anderes sind als nur ein leeres Spiel der höchsteigenen, durch das rascher durch die Adern strömende Blut erhitzten Phantasie.
   02] Aber bei dieser am hellen Tage durch Deine Zulassung stattgehabten Erscheinung hatte von uns niemand ein Fieber und somit auch keinen schnellen Pulsschlag und keine erhitzte Phantasie, und wir sahen und hörten alle das gleiche, und so denn hatte, wie schon bemerkt, diese Erscheinung eine wahrheitsvolle Realität.
   03] Aber es fragt sich nun: Ist die von uns allen gleich gesehene überaus düstere und schmutzige Gegend mit all dem, was wir in ihr schauten, doch irgend örtlich noch auf dieser Erde, oder wurde sie uns bloß als zustandsgemäßes Bild als etwa ein aus der losen Phantasie der von uns geschauten Geister hervorgehendes Traumbild ersichtlich? Und waren die in dieser Gegend von uns gesehenen andern Geister auch Seelen einst auf dieser Erde gelebt habender Menschen, oder gehören sie auch nur in das Reich der argen Phantasie der von uns in unserer Nähe gesehenen Geister? Denn es hatte mit der Anschauung der jenseitigen Trauergegend das Sonderbare, daß wir durch sie hindurch auch die Gegend dieser Erde ohne einen Anstand schauen konnten, und daneben sahen wir auch ganz klar von Punkt zu Punkt das traurige Jenseits. Und schließlich ergibt sich da von selbst eine Frage, und diese lautet: Sehen die Geister, die wir sahen, auch unsere Erde oder nur ihre Phantasiegegend?«
   04] Sagte Ich: »Die Geister, die ihr hier sahet, und noch viele Tausende ihresgleichen haben vollkommene Realität. Sie bewohnen jene Burgen und Festen, die ihr in der schmutzig-düstern Gegend geschaut habt. Die Gegend, all die Burgen und Festen, die schmutzigen Hütten, die Zelte, die armseligst aussehenden untertänigen Geister und Feldlager samt ihren Kriegern sind nichts als Ausgeburten ihrer argen Phantasie, besonders die Gegend und ihre Einrichtung. Denn mit den armseligen, von euch geschauten Geistern hat es, so ihr tausend als ein Ganzes euch denken möget, einen tausendsten Teil Realität. Zum größten Teil also gehören sie in den Bereich der argen Trugphantasie der von euch gesehenen Geister und zum tausendsten Teil aber dennoch ungefähr also einer wahren Geistrealität an, wie da auf der Erde euer Schatten auch zu eurer wesenhaften Realität gehört. Der Schatten an und für sich ist wohl durchaus nichts Wesenhaftes, aber er wäre dennoch nicht da, so ihr selbst zuvor nicht da wäret.
   05] Die von euch gesehenen armseligen Geister sind zum größten Teil wohl auch schon im Jenseits, zum Teil leben sie aber noch leiblich auf dieser Erde; weil aber die von euch gesehenen reellen Geister samt ihresgleichen voll der Eigenliebe, des Hochmutes und der Herrschgier bei ihren Erdlebzeiten mit den vielen Tausenden von untergebenen Menschen herrscherisch zu tun hatten, so sind deren Abbilder oder gewisserart Schattenrisse im Sensorium (Bewußtsein) ihrer Seele so schwachweg haften geblieben.
   06] Da aber die argen von euch gesehenen Geister samt den noch vielen andern völlig ihresgleichen vom Lichte der vollen Wahrheit kaum ein winzigstes Fünklein in sich haben und somit auch von dem, was außer ihnen der vollen Wahrheit nach ist, nichts sehen und wahrnehmen können gleichwie auch ein Tiefschlafender von dem nichts sieht und wahrnimmt, was in der Wirklichkeit ihn umgibt -, so sehen sie in ihrem inneren, höchst matten Truglichte nur das, was ihre aus ihrer bösen Eigenliebe entstammende Phantasie mit Hilfe ihrer in ihrem Sensorium haftenden Erinnerung ihnen schafft.
   07] Dieses Geschaffene aber kann ein jeder vollkommene Geist schauen, und kommt er so dann und wann mit seinem Willen und Schauen aus Meinem Willen und Lichte einem solchen argen Vereine gewisserart nahe eder wendet sich ihm zu, so erkennt er aus seiner ihm sogleich vollends sichtbaren Trug- und Scheingegend augenblicklich, von welcher Art und Beschaffenheit die eigentlichen Realgeister irgendeines Vereines sind, und es können solche Geister ihr inneres Arges denn auch vor den Augen der vollkommenen Geister unmöglich verdecken und verbergen.
   08] Hier auf dieser Welt wohl kann ein Wolf in einem Schafspelze erscheinen, aber in der andern Welt wird ihm das laut und offen von den Dächern herab verkündet werden, was er im Innersten seines Hauses denkt, will und tut.
   09] Weil aber ein jeder vollkommene Geist das kann, so kann er auch mit seiner Weisheit und Macht all dem argen Sinnen und Trachten mit den bestentsprechenden Gegenmitteln wirksam begegnen.
   10] Ein solcher Verein muß oft je nach der Stärke seiner bösen Eigenliebe bis in den tiefsten Grund des Argtums sinken und sich selbst ordentlich zerstören und wie vernichten; sodann erst ist eine leise Möglichkeit vorhanden, sich nach und nach mehr und mehr wieder zum Lichte der Wahrheit emporzuheben.
   11] Und so wird es auch den von euch gesehenen Geistern ergehen; wenn es aber welche unter ihnen gibt, die das Eitle ihres Strebens durch allerlei entsprechende, von Mir zugelassene Erscheinlichkeiten einzusehen beginnen, dann werden sie sich auch leichter zum Lichte der Wahrheit erheben.«
   12] Sagte der Arzt, Mich weiter fragend: »O Herr und Meister, wie möglich kann denn solch ein arger Geist sich selbst ordentlich zerstören und vernichten?«
   13] Sagte Ich: »So wie sich mit der Zeit alle Materie selbst zerstört und in ihrer nach außen hin erscheinlichen Form vernichtet und sodann in ihr wahres Urelement zurückkehrt.
   14] Bei diesen Geistern gilt das aus ihrer argen Phantasie Geschaffene als eine feste materielle Realität; sie bleibt als das, was sie zu sein scheint, auch so lange, als des Geistes Erinnerung und die aus ihr entspringende Phantasie durch seine stets wachsenden Leidenschaften nicht einen Bruch und Schaden erleidet. Geschieht das, so ist seine Welt samt ihren Burgen, Festen und Schätzen auch schon dahin.
   15] Es ist das zu vergleichen mit einem Menschen, der einen ihm über alles wertvollen Schatz an irgendeinem sicheren Orte vergraben hat, welchen Ort er sich wohl gemerkt hat. Da ihn aber die Sorge, daß dieser Schatz dennoch von jemand anderm könnte entdeckt werden, stets mehr und mehr plagt, so verfällt er nach und nach stets mehr in eine Sinnenverwirrung, sein Gedächtnis wird schwächer und schwächer, also auch seine Erinnerung und so denn auch seine Phantasie; er verfällt dabei gar in eine Art Gehirnfieber, das ihm sein ganzes Gedächtnis und seine Erinnerung derart benimmt, daß er seines so treu und gut verborgenen Schatzes nimmer zu gedenken imstande ist. Was ist nun der Schatz für ihn, wohin ist er gekommen? Siehe, er ist für ihn aus dem Dasein gewichen! Und ebenso geht es diesen Geistern mit ihrer Welt.
   16] So wie ein Mensch mit dem Verluste seines Gedächtnisses und seiner Erinnerung im Grunde alles verloren hat ob es auch an und für sich da ist -, ebenso verliert auch ein Geist alles, was seine Phantasie aus dem Bereich seiner im Sensorium haften gebliebenen Erinnerung geschaffen hatte, und solch ein Geist steht dann ganz überaus armselig und von allem verlassen da.
   17] In solch einem Zustande ist es dann erst tunlich, daß irgendein weiser Geist sich auf eine stets geeignetste Weise ihm naht und ihm das Vane (Eitle, Nichtige) und durch den eigenen Freiwillen auch Arge und Böse anschaulich und begreiflich macht und ihn dann unvermerkt nötigt, nach und nach die Wege des Lichtes zu betreten.
   18] Doch so bald, wie du, Mein Freund, es dir nun vorstellst, gelangt ein solcher Geist wohl nicht zum vollen Lichte; denn sobald ein solcher Geist zu einem derartigen freieren, sich an mehreres rückerinnerlichen Bewußtsein gelangt, so taucht auch seine alte Phantasie auf, und er schafft sich damit auch bald wieder eine Welt, die seiner alten Liebe entspricht, und hat sein Wohlgefallen dabei. Er muß daher abermals um sein sich selbst geschaffenes Paradies kommen und dessen Nichtigkeit gewahr werden, wonach er dann schon wieder auf eine höhere Lichtstufe gestellt werden kann.
   19] Das aber kommt bei vielen Geistern, wie du sie hier gesehen hast, gar sehr oftmals vor; denn eine verkehrte Liebe, die denn doch trotz aller ihrer Verkehrtheit allein das sich selbst bewußte Leben eines Geistes bedingt, ist auf dem notwendigen Wege der freien Willenswaltung nicht so leicht und so bald, wie du es dir vorstellst, in eine rechte und wahre umzugestalten.«


Home  |    Index Band 9  |   Werke Lorbers