Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 169. Kapitel: Der Römer im Kontakt mit seinem verstorbenen Vater.

   01] Als Ich solches ausgesprochen hatte, da standen auch schon nicht nur ihm, sondern auch allen andern Anwesenden sichtbar vier bewaffnete Römer vor unserem Richter, der sich vor ihnen ganz gewaltig zu fürchten begann, weil sie ihn mit zornglühenden Augen ansahen. Er hatte anfangs auch nicht den Mut, sie anzureden; erst als Ich ihn behieß, die Erschienenen anzureden, da erst fragte er einen, der sein Vater war, ob er nach dem Tode des Leibes wohl im Ernste fortlebe und wie.
   02] Da sagte der Geist in der seinem Sohne nur zu wohlbekannten kreischenden Stimme: »Aberwitziger Dümmling von einem Sohne, was hast du uns zu stören in unserer Ruhe, in unserer Liebe und in unserem Handeln?!
   03] Daß wir fortleben und eigentlich noch gar niemals gestorben sind, das siehst du nun ja wohl mit deinen kotvollen Augen. Wir hatten nun soeben einen Großfeldzug vorbereitet und haben Eile, damit dem Feinde zuvorzukommen, und du mußt mich nun hindern, eine so glorreiche Heldentat für meinen Kaiser auszuführen! Ich hätte nun gute Lust, dich, du aberwitziger Bube, mit meinem scharfen Schwert in tausend Stücke zu zerhauen!
   04] Wäre der dumme Zauberer von Nazareth, dem deine Dummheit eine göttliche Ehre erweist, nicht hinter dir mit seiner Kunst, so wäre dir dein Aberwitz teuer zu stehen gekommen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wenn du zu uns aus deinem Fleischsacke herüberkommen wirst, da sollst du den Lohn für deinen Aberwitz schon bekommen!«
   05] Sagte ganz kleinmütig unser Römer: »Wie kann ich euch in eurer Ruhe gestört haben, da ihr bei eurem Kriegführen doch keine Ruhe zu haben scheint, und so der Mann da an meiner Seite nur ein dummer Zauberer aus Nazareth ist, warum gehorchet ihr denn Seinem Willen? Seid ihr als Helden denn nicht mächtiger denn Er?«
   06] Sagte der Geist: »Was verstehst du dummer Aberwitzling von unsern Dingen! Wir tun, was wir wollen und lassen uns von niemandem etwas vorschreiben!«
   07] Sagte der Richter: »Weil ihr denn gar so mächtig seid, warum verharret ihr denn hier und denket nicht daran, daß euch nun der Feind einen Vorteil abgerungen hat? Glaubet ihr denn nicht, daß es nur einen allmächtigen Gott gibt, gegen dessen Willen ihr mit euren losen Waffen ewig nichts ausrichten werdet?«
   08] Sagte der Geist: »Glaubst denn du, daß wir vollkommenen Menschen in unserer großen Welt, die keinen Anfang und kein Ende hat, auch noch so blind sind wie ihr Schermäuse und Blindschleichen dieser haselnußgroßen Koterde? Wo hat es außer uns je einen Gott gegeben? Wir sind die Götter und unser großer Kaiser ist unser Hauptgott, und ich stehe nun auch schon in der Reihe, bald ein Kaiser zu werden; denn bei uns gibt es nun schon eine große Menge Kaiser!«
   09] Sagte der Richter: »Ja, da kann bei euch am Ende ein jeder Mensch ein Kaiser werden?«
   10] Sagte der Geist, von Hochmut ganz aufgebläht: »Wisse, du Dümmling, aus dem gemeinen Volke wird nie ein Kaiser; denn das ist nur darum da, daß es im steten Schweiße seines Angesichts für uns arbeite und kämpfe, auf daß aller Ruhm und alles Wohlleben uns allein zum unbestreitbaren Teile werde! Wir geben Gesetze zu unseren Gunsten, und das Volk muß sie bei der schärfsten Ahndung befolgen. Wer aus dem gemeinen Volke sich wider uns auch nur mit einem schiefen Worte vermessen möchte, wird als Hochverräter mit dem Tode bestraft; denn wir allein haben das Recht, alles niederzumachen, was uns nur im geringsten mißfällig erscheint. Wir können auch das gemeine, uns dienstbare Volk zu unserem Vergnügen morden, und es hat uns da kein Weiser zu fragen, ob das recht oder unrecht sei; denn was wir wollen und tun, das allein ist recht, alles dawider aber ein strafbares Verbrechen!«
   11] Das war unserem Richter nun denn doch schon ein wenig zu viel geworden, und er sagte in einer starken Erregtheit: »O ihr überblinden Seelen, wie endlos weit entfernt seid ihr von der inneren Wahrheit des Lebens! Wie wollet ihr in eurer Welt denn jemand töten, da es bei euch doch unmöglich einen Tod mehr geben kann?«
   12] Sagte der Geist: »Desto besser! Wenn bei uns eine zerrissene gemeine Seele sich auch wieder zusammenrafft und fortlebt, so kann sie von neuem wieder ergriffen und zerrissen werden!«
   13] Sagte der Richter: »Wie sieht denn hernach die Herrlichkeit eurer Welt aus?«
   14] Sagte der Geist: »Dümmling, mache deine Kotaugen auf, und schaue!«
   15] Da ersah der Römer eine sehr düstere Gegend, in der allerlei Burgen zu sehen waren. Außer diesen Burgen waren eine Menge schmutziger Hütten da, und daneben erschaute er auch eine Menge Menschen, deren Aussehen ein sehr armseliges Gesicht darbot. Ebenso sah er auch Streiter, mit allerlei Waffengattungen ausgerüstet, und in einer weiteren Entfernung bemerkte er auch Feldlager und außerhalb derselben Kämpfe.
   16] Und er bat Mich, sagend: »O Herr und Meister, setze mich wieder in den Zustand, in dem ich keine im Jenseits fortlebenden Seelen sehen werde; denn wenn alle Seelen nach dem Tode ihres Leibes einen solchen Zustand zu erwarten haben, dann wäre es für den Menschen ja um tausend Male besser, so er nie wäre erschaffen und geboren worden!«
   17] Ich benahm dem Römer darauf sogleich das Vermögen, die untere, schmutzige Welt der unreinen Seelen zu schauen, und fragte ihn, als die stark argen Geister sich jählings entfernt hatten und unsichtbar geworden waren, sagend: »Nun, Freund, hast du deine Verwandten wohl erkannt der Gestalt, der Sprache und dem Charakter nach? Wie gefielen sie dir?«
   18] Sagten der Römer und auch der Arzt: »O Herr und Meister, das ist doch entsetzlich über entsetzlich!«
   19] Hierauf redete der Römer allein also weiter: »Erkannt habe ich meinen Vater im Augenblick; denn er war derselbe wunderselbe überstolze Römer, der er bei seinen Leibeslebzeiten war. Wer bei ihm nicht Patrizier war, der galt bei ihm weniger denn ein herumirrender, herrenloser Hund, und ich, als dem Leibe nach ein Schwächling und somit für den ihm über alles erhabenen Kriegsdienst unfähig, war sein Liebling nicht. Aber ich mußte dennoch etwas werden, vor dem alles Volk zittern müsse, und bin darum denn auch nach dem stets etwas aufstandssüchtigen Asien gesetzt worden mit der Weisung, als Oberrichter mit der äußersten Strenge gegen die Übertreter des Gesetzes zu Werke zu gehen, was ich aber als ein stets mehr oder weniger leidender Mensch dennoch nicht tat; denn ich dachte mir: "Ihr seid denn doch auch Menschen, wie ich es bin, trotz des unbändigen Hochmutes meiner Anverwandten, und seid geplagt über und über. Ich will wohl urteilen nach Recht und Billigkeit; aber mit einer tyrannischen Strenge sollet ihr von mir nicht geplagt werden!" Und ich war darum beim Oberstatthalter stets wohlgelitten.
   20] Als der Vater noch ein Bürger dieser Welt war und einmal nach Tyrus kam, da fragte er mich mit seiner kreischenden Herrscherstimme, wie viele durch meinen strengen Richterspruch schon enthauptet, und wie viele gekreuzigt worden seien. Und ich gab ihm der vollen Wahrheit gemäß zur Antwort: "Bis jetzt noch kein Mensch; denn es war glücklicherweise dazu nirgends ein erheblicher Grund vorhanden!"
   21] Da sagte er mit ebenso zornglühenden Augen zu mir: "Du warst, bist und bleibst ein aberwitziger Dümmling! So man das Volk im stets wachsenden Respekt vor dem Gesetz erhalten will, da muß man von Zeit zu Zeit dennoch Exempel statuieren, wenn sich auch niemand gegen das Gesetz vergangen hat. Man nehme bei Mangel an Verbrechern gewaltsam den nächsten besten aus dem gemeinen Volke, dichte ihm ein Verbrechen an, lasse es durch gedungene Zeugen bekräftigen und handle darauf sein strenges und unerbittliches Amt. Dadurch flößt man dem Volke den wahren Respekt vor dem Gesetze ein, und man kann sich dafür beim Kaiser ein großes Lob erwerben."
   22] Und ich sagte darauf: "Wir haben aber doch vom Kaiser die streng zu beachtende geheime Weisung, keinen Menschen ohne einen hinreichenden Grund mit der zu schroffen Strenge des Gesetzes zu plagen. Ein Krieger und Feldherr mag wohl also zu Werke gehen; aber in der friedliebenden Sphäre des Bürgertums geht das durchaus nicht."
   23] Darauf sagte der Vater unter einem höhnischen Lächeln abermals: "Du warst, bist und bleibst ein aberwitziger Dümmling!", kehrte mir den Rücken und verließ mich mit sichtlicher Hast, und ich habe ihn nachher bis jetzt nicht mehr zu Gesichte bekommen. Ein paar Jahre darauf bekam ich aus Rom die Nachricht, daß er gestorben sei, und ich konnte wahrlich nicht trauern um ihn!
   24] Wie er also in seinem Leibesleben war, so ist er noch, nur in seiner Kaiservergötterung um ein bedeutendes ärger!
   25] O Herr und Meister alles Seins und Lebens! Wird es denn mit solch einer Seele ewig nimmer besser werden? Wird sie nimmerdar zu einem besseren Lichte kommen, auch das mit ihm haltende Seelenvolk des Jenseits nicht?«
   26] Sagte Ich mit freundlicher Miene: »Freund, bei Gott sind alle Dinge möglich, wenn sie dem Menschen auf dieser Erde auch noch so unmöglich vorkommen; doch das Wie und Wann wirst du erst dann einsehen, so es dir Mein Geist der ewigen Liebe und Wahrheit in deiner Seele selbst verkünden wird.«
   27] Mit dem gab sich der Römer zufrieden und fing an, über das Geschaute und über das von Mir Ausgesprochene näher nachzudenken.


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