Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 218. Kapitel: Über die weitere Verwendung der Helfer der Essäer.

   01] Als das beschriebene Wunderwerk vollbracht war und die Eltern sich mit ihren Kindern in der Herberge befanden, da kam der Wirt, dem dies Wunderwerk auch als etwas in diesem Orte ganz Natürliches vorkam, gleichwie auch seinen Hausleuten, zu uns und fragte den Roklus, ob und wieviel er von ihnen zum Besten der vielen Armen, die sich von Tag zu Tag in diesem Orte mehrten, für die große Wundertat anrechnen solle, welches Geld er dann, wie allzeit, gewissenhaft an den Verwalter der Armenversorgung abgeben würde.
   02] Sagte Roklus, wie Ich es ihm geheim ins Herz gelegt hatte: »Mir ist diese Gnade von Gott umsonst verliehen worden, und so verlange ich denn auch von niemandem irgendein Opfer. Wer aber selbst aus seinem freien Willen für die vielen Armen, an denen es bei uns keinen Mangel hat, etwas tun will, das nehme und übergebe es der Anstalt! Die ehernen Särge aber lasse sogleich in die Burg schaffen, auf daß sie hier zur offenen Schau nicht zu lange liegenbleiben!«
   03] Sagte der Wirt: »Wie aber dann, wenn etwa die Fremden die Särge zum Gedächtnisse wieder werden nach Hause mitnehmen wollen?«
   04] Sagte Roklus: »Dann sage ihnen, daß ich das also befohlen habe! Wer aber dennoch einen Sarg mitnehmen wollte, dem sage, daß ihm darum auf dem Heimwege sein Kind sterben werde, und es wird sich dann keiner weigern, den Sarg hier zu lassen!«
   05] Als der Wirt solches von Roklus vernommen hatte, da verneigte er sich vor uns und eilte darauf ins Haus, um alles zu veranlassen, was Roklus ihm geboten hatte.
   06] Wir aber verließen diese Stelle darauf gleich, zogen uns in den Ort zurück und begaben uns an ein anderes Tor, außerhalb dessen sich eine von den Essäern schon seit langem gestiftete Freiherberge befand. Es war das nach der Burg wohl das größte Gebäude im Orte, bei dem sich auch viele und große Gärten befanden, die samt dem Gebäude eigens mit einer hohen und starken Mauer umfangen waren, die von hundert zu hundert Schritten mit einem Wachturme versehen war. In dieser Herberge, die vom Orte aus zwischen Morgen und Mittag gelegen war, befanden sich nebst einer Menge von allerlei Krüppeln aber auch noch eine Menge Hegekinder, die nach dem früheren, schon bekannten Gebrauche der Essäer den Eltern als ihre wiederbelebten Kinder gegeben wurden.
   07] Als wir in dieser Herberge ankamen, da sagte Roklus zu Mir: »O Herr und Meister! Siehe, da ist nun noch mein größter Sorgenpunkt! Die vielen Krüppel heilen und sie dann für irgendeinen andern Dienst verwenden, wäre nun besonders bei Deiner Gegenwart ein leichtes; aber diese vielen Krüppel waren in den früheren Zeiten besonders bei den großen Totenerweckungsszenen einverstandene Helfershelfer und wissen auch, wie die verstorbenen Kinder hier wieder belebt worden sind! Machen wir sie nun gesund und verschaffen ihnen irgendwo anders in der Welt eine Bedienstung, so kann es leicht geschehen, daß einer oder der andere in einer gewissen guten Stunde unsern alten Betrug verrät, und wir dürften dann in große Verlegenheiten kommen, durch die weder uns noch irgendeinem andern Menschen zu Nutz und Frommen gedient sein würde.
   08] Diese zumeist nun krüppelhaften und siechen Menschen beiderlei Geschlechtes aber, die zu ihren Leiden durch die vielen Anstrengungen gekommen sind, die sie zu bestehen hatten, dauern mich nun, und ich möchte ihnen helfen durch Deine Gnade. So sie aber gesund geworden sein werden, da werden sie wieder in ihr altes Amt eintreten wollen, was ihnen früher manchen Gewinn abwarf, da sie von den vielen Fremden als Wiedererweckte oft reichlich beschenkt worden sind. Dieses Amt aber besteht nun nicht mehr, und wir sind mit ihnen somit in einer rechten Verlegenheit. Ein Rat von Dir könnte uns da allein helfen.
   09] Mit den Hegekindern ist da leichter eine gute Verfügung zu treffen, weil diese den Grund nicht kennen, warum sie da sind. Wohl aber kennen solchen ihre Pfleger und Erzieher; allein, diese gehören zu uns und wissen schon, wie nun die Sachen in diesem Orte stehen. Und so haben wir von ihnen nichts zu befürchten; denn sie sind auch durch mich über Dich unterrichtet und halten, obgleich sie auch zumeist Heiden sind, alles auf Dich und Deine Lehre. Nur die Krüppel und Siechen liegen uns, wie schon gesagt, zumeist am Herzen!«
   10] Sagte Ich: »Die Krüppel und Siechen sind pur Heiden und hängen noch an ihren alten Götzen. Machet sie zu Bekennern des einen, wahren Gottes, und zeiget ihnen die Kraft des Geistes aus Gott im Menschen, erwecket in ihnen den Glauben und die Liebe nach Meiner Lehre, und heilet sie dann, so werdet ihr von ihnen nichts mehr zu befürchten haben; sie werden euch dann noch gar manchen guten Dienst erweisen. Da sie aber einmal schon zu euch gehören, so sollen sie denn auch bei euch verbleiben! Ihr aber wollet hier ja ohnehin vieles umgestalten, damit von den alten, falschen Dingen nichts mehr vorhanden sein solle; da werdet ihr vieler Arbeiter benötigen und werdet alle, die in diesen Mauern hausen, gar wohl brauchen können. Zudem habt ihr der irdischen Güter in solcher Hülle und Fülle, daß ihr damit leicht zehntausend Menschen erhalten und ernähren könnet tausend Jahre hindurch, und so werdet ihr auch alles, was nun hier in diesen Mauern weilt, gar wohl auf eine ganz kurze Zeit hin wohl erhalten und ernähren können. - Bist du damit nicht auch vollkommen einverstanden?«
   11] Sagte Roklus: »O Herr und Meister. Du ewige Liebe, Güte und Erbarmung! Das war auch heimlich schon lange mein Plan; aber meine Brüder wollten gerade in dieser Beziehung meine Ansicht nicht teilen. Da sie das aber nun aus Deinem Munde ganz klar und deutlich vernommen haben, so werden wir mit Deiner Gnade und Hilfe auch in diesem Punkte leicht in die beste Ordnung gelangen, und mir ist nun eine wahre Tausendpfundelast von der Brust genommen worden. Willst Du, o Herr, Selbst diese Herberge und deren innere Einrichtungen in Augenschein nehmen?«
   12] Sagte Ich: »Freund, für Mich sicher nicht, da Ich darin alles vom Größten bis zum Kleinsten nur zu genau kenne; aber um euer selbst willen und um Meiner Jünger willen will Ich schon auch in diese eure Anstalt gehen und sie mit euch durchwandern in den wichtigeren Teilen!«


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