Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 217. Kapitel: Die Wundertaten in der Herberge vor dem Tor.

   01] Es war das eine Stelle schon außerhalb des Tores des geschlossenen Ortes, der selbstverständlich mit einer starken Mauer nach allen Richtungen hin umfangen war. Außerhalb der Mauer und ihren Toren aber gab es auch noch Häuser und Herbergen, in denen die Zureisenden zumeist ihre Lasttiere unterzubringen pflegten und oft auch selbst Herberge nahmen. Auf der vorbezeichneten Straße befand sich in der Entfernung von gut siebenhundert Schritten außerhalb des Tores denn auch eine solche Herberge, in der eine Menge Gäste sich befanden; darunter waren viele Ägypter, Griechen, Römer und auch einige Juden, die mit den Heiden allerlei Handel trieben.
   02] Vor der Herberge war ein großer Platz, gut mit Gras bewachsen. Auf diesem lagen eine große Menge Särge, in denen tote Kinder sich befanden, deren Väter und Mütter in der Herberge warteten, ob sie von den Essäern die erwünschte Bewilligung erhalten würden, ihre Toten in den wohlverschlossenen Särgen in die Burg bringen zu dürfen. Die Eltern hatten zwar um die Bewilligung zu öfteren Malen nachgesucht, erhielten aber aus dem Grunde keine, weil die schon bekannte Wiederbelebungskammer mit derlei Särgen ohnehin überfüllt war, und weil die Essäer derlei nicht mehr annehmen konnten und durften.
   03] Aber die in der bezeichneten Herberge Harrenden waren von weither gekommen in der Hoffnung, ihre toten Kinder wieder neu belebt nach Hause zu führen, und konnten daher denn auch nicht wissen, daß die Essäer keine toten Kinder mehr lebendig machten; es war daher für die Eltern um so bitterer, hier zu vernehmen, daß sie ihre weite Reise umsonst gemacht hatten.
   04] Als wir die Särge, hundertzehn an der Zahl, betrachteten, ersah uns der Wirt, der den Obersten gar wohl kannte, und sagte das alsogleich den traurigen Gästen, daß der Oberste mit seinen Brüdern unter den Särgen umhergehe und sie betrachte, was für die Traurigen ein gutes Zeichen sei; denn so der Oberste selbst eine solche Besichtigung vornehme, da könnten die Harrenden sich schon der besten Hoffnung hingeben, daß ihre Bitten erhört würden.
   05] Auf solche Vertröstung erhoben sich eiligst alle Gäste und gingen zu uns heraus, die wir die Aufschriften der Särge lasen, und alle baten den Obersten mit Tränen in den Augen, daß er sie doch nicht unverrichteterdinge in ihre fernen Heimaten zurückreisen lassen möchte; denn sie wußten es ja doch nicht, daß in diesem alten Wunderorte keine toten Kinder mehr wiederbelebt werden.
   06] Sagte Roklus zu den Bittenden: »Es sind aber schon seit einem Jahre und darüber von hier aus Boten nach allen Richtungen gesandt worden, um den Menschen kundzutun, daß hier keine Toten mehr wiederbelebt werden! Habt ihr davon denn keine Kunde erhalten?«
   07] Sagten die Befragten: »Nein, mächtiger Oberster! Nicht einmal nur so von weitem her haben wir von jemandem eine Kunde erhalten; denn hätten wir davon etwas reden hören, so waren wir sicher daheim geblieben und hätten uns nicht so große Unkosten gemacht! Wir sind zum größten Teile freilich erst vor einigen Tagen hier angekommen und haben in der Herberge noch wenig verzehrt, auch haben wir vor ein paar Stunden Zeit den uns auf dem Wege hierher abgenommenen Tribut wieder zurückerhalten, was uns eine rechte Freude gemacht hat, - aber so wir nun etwa darum sollen unverrichteterdinge von hier umkehren, da möchten wir lieber einen zehnfachen Tribut bezahlen. O mächtigster Oberster! Nur diesmal erhöre noch unsere Bitten! Wir wollen ja gerne warten und uns zu jeglichem Opfer bekennen, wenn du uns nur gnädigst erhören wollest!«
   08] Sagte Roklus: »Ja, ihr meine lieben Freunde, ihr seid in der Ferne darin etwas irrig berichtet worden, daß hier Kinder, die oft schon Monde lang völlig tot in den Särgen liegen, wieder belebt werden können! Das ist dann und wann bei frisch verstorbenen wohl möglich, wenn sie scheintot sind; aber Kinder, wie die in den Särgen, kann nur ein Gott allein wieder beleben!«
   09] Hier fragte schnell ein Grieche, sagend: »Welchen Gott meinst du wohl? Denn wir zählen der Götter viele! Welcher unter ihnen ist da wohl der Mächtigste? Sage es uns, und wir wollen ihm opfern, und du bitte ihn für uns!«
   10] Sagte Roklus: »Unter euren Göttern gibt es ewighin keinen, da alle eure Götter nur erdichtet und ihre Bildnisse nur von Menschenhänden gemacht sind. Der allein wahre und allmächtige Gott ist nur Der, den die Juden anrufen; Dem allein ist alles möglich!«
   11] Sagte wieder der Grieche: »Das haben unter uns lebende und Handel treibende Juden auch gesagt, und wir haben denn auch dem Gott der Juden große Opfer allerbereitwilligst dargebracht, die von einem Judenpriester auch in Empfang genommen worden sind, mit dem Bedeuten, daß die Opfer alsbald nach Jerusalem gebracht würden, wo der allein wahre Gott fortwährend in einem übergroßen und prachtvollsten Tempel wohnt.
   12] Aber trotz unserer bedeutenden Opfer und trotz der Versicherung des Judenpriesters, daß uns sein allein wahrer Gott sicher helfen werde, blieben unsere Kinder dennoch gleichfort tot; und so meine ich denn nun, daß auch diesmal mit dem Gott der Juden nicht besonders viel auszurichten sein dürfte. Doch du wirst das hier vielleicht wohl besser wissen als der ehedem bezeichnete Judenpriester, der, offen gesagt, bei sich selbst kein zu großes Vertrauen zu seinem Gott zu haben schien, weil er dessen uns vorgesagte Gebote nach meiner Beobachtung am wenigsten beachtete. Was hätten wir denn nach deinem Dafürhalten zu tun, auf daß uns der allein wahre Gott der Juden hülfe?«
   13] Sagte Roklus: »Ja, ihr meine lieben Freunde, da heißt es, zuvor an diesen Gott lebendig im Herzen glauben. Seine Gebote unter allen Umständen halten, Ihn dann über alles lieben und seine Mitmenschen wie sich selbst! Wer das nicht tut, den erhört Gott nicht.
   14] Ich und meine Brüder aber tun das und haben denn auch die untrüglichsten Beweise, daß unser allein wahrer Gott allzeit gerne unsere Bitten erhört, vorausgesetzt, daß wir Ihn um nichts Törichtes bitten! Wendet euch denn im Herzen gläubigst an unseren Gott wie an einen allerbesten Vater, und gelobet Ihm denn auch, daß ihr eure toten Götzen verlassen und genau halten werdet Seine Gebote, und es soll sich zeigen, ob euch unser Gott erhört hat!«
   15] Alle, Ägypter, Römer und Griechen, gelobten das feierlichst.
   16] Roklus aber setzte noch eine Bedingung hinzu, sagend: »Ich habe nun eurem feierlichen Gelöbnisse entnommen, daß es euch allen vollkommen ernst ist, zu dem einen, allein wahren Gott der Juden zurückzukehren, von dem sich eure Urväter schon vor nahe an 1700 Jahren abgewandt haben, und ich habe darum nun in mir schon die volle Gewißheit, daß Gott eure Wünsche befriedigen wird. Aber, was hier geschehen wird, das behaltet bei euch, und machet uns nicht noch mehr ruchbar, als wir ohnedem es schon sind; denn was nun heute hier geschieht, das wird fürderhin nicht mehr geschehen!
   17] Aber Kranke aller Art und Gattung, Blinde, Taube, Stumme, Lahme, Krüppel, Gichtbrüchige, Aussätzige, Besessene, mit bösen Fiebern Behaftete und Narren können hier ihr Heil finden. Wollet ihr auch diese Bedingung erfüllen, so möget ihr eure Särge öffnen und eure nun schon belebten Toten herausnehmen und ihnen zu essen geben, im Anfange Milch und dann erst eine frische Fleischbrühe mit etwas Brot und gen Abend auch etwas Wein!
   18] Glaubet ihr nun aber auch alle ungezweifelt, daß alle die Kinder in den Särgen schon leben?«
   19] Sagten alle: »Ja, dir, du mächtiger Freund des einen, allein wahren und allmächtigen Gottes, glauben wir ohne den allergeringsten Zweifel!«
   20] Sagte Roklus darauf auf Meine innere Beheißung: »So geschehe euch denn nach eurem Glauben im Namen Jesus Jehova Zebaoth! Und nun öffnet die Särge!«
   21] Auf diese Worte sprangen alle zu ihren Särgen, öffneten sie, und ihre Kinder, von denen einige schon über ein Jahr in den Särgen verschlossen waren, erhoben sich frisch und gesund aus denselben.
   22] Die Freude, die darob die Eltern hatten, die zumeist sehr wohlhabend waren, war leichtbegreiflich eine unbeschreibliche, und es war da des Dankens, Lobens und Preisens nahe kein Ende. Die Kinder wurden bald darauf versorgt, wie es den Eltern zuvor anbefohlen ward.
   23] Nota bene: Es könnte nun nach nahe zweitausend Jahren jemand fragen: »Ja, wie möglich konnte denn solch eine Wundertat so ganz verschwiegen bleiben, wie noch eine Menge anderer?«
   24] Die Antwort lautet ganz kurz also: Weil Ich Selbst es also verordnet habe, damit für die Folge nur allein die reine Lehre die Menschen leite und führe und nicht die den freien Willen des Menschen hemmende Macht der Wundertaten, wie Ich das schon oft gezeigt habe. Hier am Orte zur Zeit Meiner nur wenigen bekannten kurzen Gegenwart in Essäa aber machten derlei große Wundertaten darum kein so großes Aufsehen, weil eben dieser Ort schon seit langem weit und breit als ein Wunderort nur zu bekannt war. Ein Nichtgelingen einer Wundertat hätte da offenbar ein größeres Aufsehen gemacht als ein vollkommenes Gelingen, das da ein jeder Mensch schon so sicher erwartete wie die Nacht auf den Tag und den Tag auf die vorübergehende Nacht. Zudem ist es da allen, die hier Hilfe fanden, (von Meiner Zeit an) stets auf das ernsteste geboten worden, das Wunder nicht ruchbar zu machen.
   25] Es sind aber von Meinen und der Essäer Taten dennoch viele Aufzeichnungen geschehen, die vielfach in Ägypten in den großen Bibliotheken aufbewahrt, aber später von den blinden Mohammedanern, wie bekannt, vernichtet worden sind. Und so kam es, daß die Menschen in dieser Zeit von den großen Wundern, die in jener Zeit geschehen sind, beinahe nichts mehr wissen, wozu aber auch die alte Hure Babels ihr Entschiedenstes beigetragen hat. Das Wie wird in diesen Zeiten jedem denkenden Forscher ohnehin bekannt sein!
   26] Es bestehen aber im Orient dennoch auch noch große Aufzeichnungen, und es werden zur rechten Zeit schon auch welche an das Tageslicht gefördert werden. In denen steht noch gar manches, was in den nunmalig bekannten vier Evangelien nicht vorkommt; doch findet sich in jenen eine chronologische Ordnung nicht vor, gleichwie auch in den vieren nicht, was aber nichts macht. Denn die Hauptsache ist und bleibt ja doch nur immer die reine Lebenslehre; wer diese annimmt und an Mich glaubt, der wird durch den Geist auch in alles andere geführt werden.
   27] Dieses Nebenhergesagte diene und genüge jedem, der noch irgendeinen Zweifel über Mich und über Mein Walten in jener Zeit hatte, als ein tröstender und beruhigender Beweis für die Wahrheit des in diesen nun schon vielen Büchlein (d.h. in den Heften des Lorberschen Originalmanuskriptes) Gesagten und Gezeigten.
   28] Und nun wieder zu unserer Sache zurück!


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