Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 219. Kapitel: Jesus bei den Hegekindern der Essäer.

   01] Darauf erst betraten wir die inneren Räumlichkeiten, die in jeder Hinsicht, weltlich genommen, sehr großartig waren. Wir kamen also denn auch zu den Kindern, die uns gar freundlich entgegeneilten, um uns zu begrüßen nach der Art und Sitte, die ihnen hier durch die Erziehung beigebracht worden ist, und Ich befragte mehrere, wie es ihnen hier gefalle.
   02] Da antworteten mehrere Knaben, sagend: »O du bester Herr, hier geht es uns gut; aber es geschieht dann und wann, daß einer oder der andere, den wir liebhatten, aus unserer Mitte genommen wird - und kommt aber dann nimmer wieder zurück -, und das macht uns oft sehr traurig, weil wir von niemandem erfahren können, was mit ihm geschehen ist. Ist er umgebracht oder verkauft worden, oder ist sonst etwas mit ihm geschehen? Kurz, wir älteren Kinder, die wir auch schon denken können, werden dadurch sehr oft in unseren Herzen beunruhigt, und unser Zustand ist dann ein martervoller. Sage doch du uns, was mit jenen Kindern geschieht, die von uns für immer genommen werden!«
   03] Sagte Ich: »Ihr lieben Kleinen, habet da keine Furcht! Allen Kindern, die von hier genommen wurden, geht es irdisch genommen gut; denn sie sind bestens untergebracht und werden von denen, die sie übernahmen, als Kinder geliebt und gepflegt. Doch in der geistigen Hinsicht geht es den meisten darum übler, weil sie zumeist an die reichen Heiden hintangegeben werden.
   04] Das größte Glück der Menschen aber besteht einzig und allein nur darin, daß sie schon in den frühen Kinderjahren den einen und allein wahren Gott kennen und Ihn als den wahrsten und besten Vater aller Menschen über alles lieben lernen. Die Heiden aber kennen diesen Vater nicht, weil sie von solchen Eltern abstammen, die Ihn auch nicht erkannt hatten. Und seht, darum sind solche Kinder, die aus eurer Mitte an die finsteren Heiden hintangegeben worden sind, in der geistigen Hinsicht übel daran, weil sie unter den Heiden ihren wahren Vater im Himmel, der ein ewiger Geist ist voll Güte, Liebe, Weisheit und endloser Macht, nicht erkennen und über alles lieben lernen können.
   05] Doch von nun an, ihr Meine gar lieben Kindlein, dürfet ihr keine Furcht mehr haben; denn es wird fortan niemand mehr aus eurer Mitte hintangegeben werden, sondern ihr werdet alle hier verbleiben und den wahren Vater aller Menschen kennen und über alles lieben lernen und werdet darauf als freie und weise Menschen unter den andern Menschen viel Gutes und daneben viel Nützliches stiften können. Darum seid alle nun heiter und fröhlich und folgsam gegen eure Lehrer, so wird der Vater im Himmel für euch sorgen, daß ihr zeitlich und ewig im Reiche des Vaters im Himmel überaus glücklich werdet! Daß es euch aber also ergehen wird, das wird euch euer Oberster Roklus auch selbst verkünden -. Seid ihr, Meine lieben Kindlein, nun damit zufrieden?«
   06] Sagte ein Knabe, der viel Geist hatte: »O du bester Herr, mit dir wären wir wohl ganz zufrieden; aber das, was du nun ausgesprochen hast, hat der strenge Oberste noch nicht ausgesprochen, und solange der schweigt, sind wir noch nicht sicher daran. Sage du ihm, daß er uns auch treu und wahr solch einen Trost gibt, dann erst werden wir ganz fröhlich sein können!«
   07] Sagte Ich: »Er wird es euch schon sagen zur rechten Zeit. Ich aber bin ja ein Herr, gar mächtig auch über euren Obersten, und was Ich sage und will, das wird er auch tun. Dessen könnet ihr ganz volltrauigst versichert sein.«
   08] Sagte der Knabe: »Bist du etwa gar der Kaiser von Rom, weil du ein Herr gar mächtig auch über unsern Herrn bist?«
   09] Sagte Ich: »Ja, ihr Meine lieben Kindlein. Ich bin noch um ein gar ungeheures ein größerer Herr als der Kaiser Roms; doch solche Meine Herrlichkeitsgröße könntet ihr nun noch nicht fassen! Roklus selbst wird euch alles zur rechten Zeit schon ganz klar zeigen, und ihr werdet dann schon begreifen, wie Ich ein rechter Herr über euren Obersten und ebenso über den Kaiser Roms bin, und ihr werdet Mich erst dann recht loben und preisen und eine übergroße Freude haben darob, daß Ich euch nun Selbst besucht habe.«
   10] Hierauf versicherte denn auch Roklus mit freundlichster Miene, daß er alles das allergenauest tun werde, was Ich ihnen vorher verheißen habe.
   11] Auf dieses Versprechen des Roklus erst wurden die Kindlein ganz ruhig und glaubten, daß es nun also werde.
   12] Ich segnete darauf die Kindlein und herzte und koste sie, und wollte nun gehen; aber diese, zu Mir Liebe und Vertrauen fassend, umringten Mich und baten, daß Ich doch nur noch eine kurze Zeit bei ihnen verweilen möchte.
   13] Und Ich sagte: »Ja, diesen Bittstellern kann Ich nichts abschlagen, und will darum noch eine halbe Stunde lang bei ihnen verweilen.«
   14] Als die Kindlein solches von Mir vernahmen, da wurden sie überfröhlich, und der Knabe fragte Mich ganz zutrauensvoll, sagend: »O du lieber und höchst guter, größter Herr! Du hast uns ehedem von dem überguten Geistvater im Himmel etwas gesagt, daß wir Ihn kennen und über alles lieben lernen sollen. Ja, das werden wir auch ganz sicher, so wir Ihn einmal werden erkannt haben! Aber wie werden wir Ihn erkennen, wer wird Ihn uns zeigen? Kennst du Ihn etwa so recht gut? Wenn du Ihn kennst, da beschreibe du Ihn uns, und wir werden Ihn denn auch gleich über alles zu lieben anfangen, wenn wir Ihn Selbst auch noch nicht kennen!«
   15] Sagte Ich: »Ja, Meine lieben Kindlein, diese Sache ist nun freilich noch ein wenig schwer, weil ihr von Ihm noch gar keine Vorbegriffe habt; aber Ich werde es dennoch versuchen, euch welche zu geben, und so höret Mich nun nur recht aufmerksam an!
   16] Der Vater im Himmel ist der reinste, vollkommenste und ewige, überlebendige Geist, der nie einen Anfang genommen hat und auch nie ein Ende nehmen wird. Er hat schon von Ewigkeit her aus Sich Himmel und diese Erde und alles, was auf ihr ist, mittels Seiner Allmacht erschaffen.
   17] Wenn ein Mensch auf dieser Erde etwas schaffen will, so muß er dazu Materie und allerlei Werkzeuge haben; der Vater im Himmel aber benötigt, so Er etwas erschafft, weder einer schon daseienden Materie, noch eines Werkzeuges, um mittels desselben aus der rohen Materie etwas zu machen, - Sein allmächtiger Wille ist Sein Werkzeug.
   18] Er hat denn auch die Menschen erschaffen, daß sie Ihn erkennen und über alles lieben sollen, auf daß sie von Ihm erhielten das ewige Leben.
   19] Damit aber die Menschen wissen, wie sie untereinander zu leben haben, so hat ihnen der Vater im Himmel durch gewisse Propheten Seinen Willen geoffenbart. Wer danach lebt und handelt, der überkommt das ewige Leben.
   20] Menschen, die recht fromm sind und den Vater über alles lieben und nach Seinen Geboten leben, bekommen schon in dieser Welt die Stimme des Vaters zu hören und auch zu sehen Sein Angesicht. Seid ihr, Meine lieben Kindlein, darum nur recht fromm, so werdet ihr solch ein größtes Glück auch schon auf dieser Welt genießen!«
   21] Die Kindlein versprachen, alles das zu tun, was Ich ihnen angeraten habe, wenn sie nur einmal den Vater im Himmel hören und sehen könnten, und fragten Mich, ob Ich den Vater im Himmel schon oft gehört und gesehen habe, und wie Er wohl aussehe.
   22] Sagte Ich mit sehr freundlicher Miene: »Meine lieben Kindlein! Ich höre und sehe den Vater immer, und Er sieht geradeso aus wie Ich, und Seine Stimme klingt auch so wie die Meine; wer sonach Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater im Himmel. Seht Mich daher nur recht gut an, und ihr könnet dann sagen, daß ihr den Vater im Himmel schon gesehen und gehört habt!«
   23] Hier schauten die Kinder Mich fest an und sagten nach einer Weile: »Wenn der Vater im Himmel so aussieht wie du, da muß Er sehr gut sein, und wir lieben ihn schon jetzt über alles! Wenn du als ein höchster Herr auf dieser Welt auch so allmächtig wärest wie der Vater im Himmel, da wäre nachher ja gar kein Unterschied zwischen dir und Ihm?«
   24] Sagte Ich: »Ja wohl, das wäre dann schon also, - und wer weiß es, ob Ich nicht auch so dann und wann ein wenig allmächtig bin?«
   25] Sagte der Knabe: »O du allerbester, größter Herr auf der Welt! Möchtest du uns denn nicht auch etwas zeigen von deiner kleinen Allmacht?«
   26] Sagte Ich: »O ja, Meine liebsten Kindlein; aber da müssen wir hinaus in den großen Garten uns begeben!«
   27] Das war den Kindlein recht, und wir begaben uns in den großen Garten, der recht viele freie Plätze hatte, auf denen nichts angepflanzt war.
   28] Als wir in dem Garten waren, fragte Ich die Kindlein, sagend: »Höret, möchtet ihr auf den vielen freien Plätzen, auf denen nichts angepflanzt ist, nicht allerlei Bäume mit süßen Früchten haben?«
   29] Sagten die Kindlein: »Ja, wenn das zu machen möglich wäre, so wäre das wohl überaus gut! O wir bitten dich darum, so du das vermagst!«
   30] Sagte Ich: »So gehet denn hin, und ehe ihr hinkommen werdet, werden für euch die erwünschten Bäume auch schon auf allen freien Plätzen, mit Früchten voll beladen, in Bereitschaft stehen!«
   31] Die Kindlein eilten darauf sogleich nach den freien Plätzen, die auch schon voll bestellt waren mit allerlei Fruchtbäumen, worüber die Kinder eine große Freude hatten und auch gleich die Früchte, die am Boden lagen, aufklaubten und verkosteten; und da ihnen die Früchte gar so vortrefflich schmeckten, so fingen sie auch gleich ordentlich an, dieselben zu verzehren.
   32] Wir aber verließen den Garten bei dieser Gelegenheit und begaben uns, da es schon gen Abend mit dem Tage gekommen war, von den Kindlein unbemerkt, in unsere Herberge.


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