Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 216. Kapitel: Die Armenherberge der Essäer.

   01] Wir aber gerieten bald zu einer andern Herberge, in der eine Menge Armer waren, die erst seit ein paar Stunden vor der Herberge lagerten, weil darin kein Platz für sie hergestellt war; denn diese Herberge war zumeist für die Armen bestellt.
   02] Hier fragte Ich den Roklus, sagend: »Warum ist diese Herberge allein für die Armen verpflichtet? Könnten denn nicht auch die andern Herbergen einen Teil solcher Verpflichtung übernehmen?«
   03] Sagte Roklus: »Herr und Meister, Dir brauche ich den mir schon lange widerwärtigen Grund dieses Unfuges nicht zu beschreiben, indem Dir ohnehin alle noch so geheimen Dinge und Verhältnisse nur zu bekannt sind; aber um einen Rat bitte ich Dich, wie dem wirksam begegnet werden könnte!«
   04] Sagte Ich: »Oh, dem kann doch auf die allerleichteste Weise abgeholfen werden! Sage nun du, als der Oberste dieses Ortes, durch einen deiner Brüder allen hiesigen Herbergshaltern: »Der Herr hat es befohlen, daß eine jede Herberge für mindestens zehn Arme einen Platz im Hause in der steten Bereitschaft zu halten hat; welche Herberge aber aus gutem Willen mehr tun will, die wird auch dafür ihres Lohnes gewärtig werden!«, - und in einer kleinen Stunde wirst du keinen Armen im Freien lagernd antreffen!
   05] Warum soll denn dieser Wirt allein von euch ein Stipendium der unterzubringenden Armen wegen überkommen, der wohl zehn beherbergt und also dann und wann auch hundert, euch aber statt zehn stets ums Doppelte soviel angibt und sich dafür von euch überzahlen und dann aber selbst die wirklich beherbergten Armen dennoch darben und hungern läßt?! Diesem Übel muß demnach ganz vom Grunde aus gesteuert werden!«
   06] Auf diese Meine Worte entsandte Roklus sogleich vier seiner Brüder in alle Herbergen des Ortes, mit Ausnahme der einzigen, in der wir wohnten. Und es dauerte kaum eine kleine halbe Stunde, da kamen von allen Herbergen abgesandte Diener, sagten den Armen, warum sie gekommen seien, und die Armen erhoben sich sogleich vom harten Boden und ließen sich dankbar von den Dienern in die Herbergen führen.
   07] Der Wirt der Armenherberge aber, das bemerkend, wie die ihm bekannten Diener anderer Herbergen die Armen wegführten, ward darüber unwillig und wollte das verhindern.
   08] Er trat darum ganz barsch zum Roklus hin und sagte (der Wirt): »Oberster! Ich stehe mit dir ja in einem Kontrakte, laut dem ich allein die Armen zu versorgen habe. Warum werden sie mir jetzt entzogen?«
   09] Sagte Roklus: »Höre, ist denn das eine Versorgung, so man die vielen mit allerlei Übeln behafteten Armen, gleichwie die Griechen ihre Schweine, hier auf offenem Platze ohne Betten und ohne Nahrung und Trank lagern und schmachten läßt, während man im ziemlich geräumigen Hause leere Zimmer für reiche Ankömmlinge in Bereitschaft hält?! Du hast dich von uns schon für gar viele Arme die Versorgung bezahlen lassen und hast von den vielen in deiner Rechnung Angeführten kaum die Hälfte stets nur schlecht versorgt! Darum wird von dieser Stunde an dies Verhältnis geändert werden und das Stipendium am Ende unter alle verteilt. - Hast du das nun verstanden?«
   10] Der Wirt machte dazu ein grimmiges Gesicht und sagte: »Oberster, welcher Leumund hat mich bei dir also grausamlichst verleumdet?«
   11] Sagte Roklus: »Kein Leumund, sondern der Mund eines höchst Wahrhaftigen, vor dessen allsehenden Augen auch unsere geheimsten Gedanken, Wünsche und Begierden nicht verborgen sind, und der ein Herr ist, groß und erhaben über alles im Himmel und auf Erden, und der alles erhält, leitet und regiert - ein Herr alles Lebens und Seins -, und Der hat es mir auch aufgetragen, dich dafür zu strafen! Dir bleibt denn von nun an auch nichts übrig, als deine vielen Sünden zu bereuen, dich völlig zu bessern und alles Unrecht nach Möglichkeit gutzumachen, ansonst du von Gott dem Herrn eine ärgere Züchtigung zu gewärtigen haben wirst.
   12] Daß du aber uns und die Armen betrogen hast, das hat sich ja soeben gezeigt; denn statt sie, wenigstens die gar Elenden, in den für Kranke hergerichteten Gemächern unterzubringen, ließest du alle auf dem harten Boden lagern. Darum bessere dich, und frage nicht mehr nach dem, der dich irgend verraten hätte!«
   13] Als der Wirt solch eine ernste Rüge und Mahnung von Roklus erhalten hatte, da ward es ihm bange, und er fing an, sehr in sein Gewissen zu gehen, und versprach dem Roklus denn auch, alles, was er ungerechterweise an sich gebracht hatte, an ihn zurückzubezahlen und in der Zukunft für die Beherbergung der Armen kein Stipendium mehr zu verlangen.
   14] Darauf sagte Roklus zu ihm: »Tue das, so wird Gott der Herr dir auch vergeben deine Sünden, und deine Seele wird Barmherzigkeit vor Ihm finden! Wärest du ein Grieche oder ein Römer, und somit ein Heide, der von dem einen, wahren Gotte nie etwas vernommen hat und auch nicht weiß um Seinen den Menschen durch den Mund der Propheten geoffenbarten Willen, so wäre dein Handeln zu entschuldigen; denn wer das Gesetz nicht kennt, der kann es auch nicht beachten. Aber du bist ein Jude, und dazu meines guten Wissens noch ein Schriftgelehrter! Und es war denn von dir aus auch um so sträflicher, an allerlei Betrügereien die Heiden im hohen Grade zu übertreffen. Aber so du dich nach deinem Worte wahrhaft und ernstlichst bessern willst und wirst, so seien dir im Namen des Herrn denn auch vergeben deine Sünden!«
   15] Dafür dankte der Wirt, verneigte sich vor dem Roklus und ging in sein Haus.
   16] Wir aber begaben uns auch weiter in dem Orte, und Ich sagte zu Roklus: »Du hast deine Aufgabe abermals gut gelöst, und wir haben eine gute Arbeit beendet. Daß du Mich vor dem schriftgelehrten Wirte nicht ruchbar gemacht hast, war auch ganz wohl; denn der ist noch nicht reif, Meine Persönlichkeit, als von ihm erkannt, zu ertragen. Wenn Ich aber morgen diesen Ort verlassen habe und der Wirt zu dir kommen wird, sein Unrecht zu bezahlen, dann kannst du ihm denn auch sagen, wie Ich Mich in deiner Gesellschaft befand, und welche Lehre und Macht Ich euch erteilt habe, wovon ihr ihn überzeugen könnet, und er wird euch dann noch gute Dienste leisten.«
   17] Roklus, das von Mir vernehmend, dankte Mir für solch ein Zeugnis und für solch einen Trost, was alles er nicht im geringsten verdient habe, und sagte darauf: »O Herr und Meister! Willst Du uns denn im Ernste schon morgen verlassen?«
   18] Sagte Ich: »Mit Meiner Persönlichkeit allerdings, doch mit Meinem Geiste nicht; denn Ich habe andernorts noch vieles zu tun, auf daß alles erfüllt werde, was von Mir die Propheten geweissagt haben! Ihr aber werdet ohne Meine persönliche Gegenwart auch ungehinderter in Meinem Namen lehren und handeln können, als so Ich persönlich gegenwärtig wäre; der Grund davon ist leicht zu begreifen.«
   19] Roklus sah den Grund auch bald ein, und wir gelangten während dieses Besprechens wieder an eine Stelle im Orte, und zwar in der Straße, die nach Ägypten führte, allwo es für uns wieder eine Arbeit gab.


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