Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 211. Kapitel: Essäeroberst Roklus und die Räuber.

   01] Darauf nahm Roklus die noch anwesenden Räuberhauptleute vor und sagte ihnen, was sie nun zu tun hätten, so sie dem Zorne Gottes entgehen wollten. Und diese waren denn auch alsogleich bereit, alles zu tun, was er als des Ortes Oberster von ihnen verlangen werde; nur möge er von ihnen nichts Unmögliches verlangen.
   02] Sagte darauf Roklus: »Ihr habt besonders in den letzten sechs Wochen durch die schon lange auf unsern Zuwegen ungerecht üblichen Tribute große Beuten gemacht und habt da auch selten der Armen vollends geschont. Es befinden sich die meisten noch hier. Gehet und bringet ihnen allen, den Reichen wie den Armen, den abgenommenen Tribut zurück und begehret künftighin von niemandem je mehr irgendeine Abgabe, und es sollen auch euch eure Sünden vergeben werden!«
   03] Sagte einer von ihnen: »Oberster des Ortes! Dies werden wir tun, wie du es uns nun geboten hast; aber wir haben nun schon über dreißig Jahre dies ärgerliche Geschäft getrieben und haben uns dadurch schon gar viele Schätze erworben, die wir beim besten Willen den rechtmäßigen Eigentümern nicht mehr zurückstellen können, weil wir nicht wissen, wo sie daheim sind, und ob sie irgend noch leben. Was sollen wir Rechtens nun da tun?«
   04] Sagte Roklus: »Das habt ihr zuallermeist den Reichen abgenommen, die von hier in fernen Landen zu Hause und daselbst mit irdischen Gütern ohnehin überschüttet sind. Solche älteren Schätze aber Verwaltet ordentlich, und betrachtet sie als ein Gut der Armen, die gar oft hierher, Hilfe suchend, kommen; denen greifet unter die Arme nach Bedarf, und der Herr Himmels und der Erde wird euch nachlassen eure Schulden!
   05] Errichtet Herbergen für die Armen, die sonst nur gar zu häufig unter dem freien Himmel wochenlang lagern mußten, und ihr werdet damit Gutes stiften und euch Freunde im Himmel durch den ungerechten Mammon sammeln! So ihr das alles nun verstanden habt, da ziehet hin, und leget eure Hände ans Werk!«
   06] Als Roklus das ausgesprochen hatte, dankten ihm alle darum. Die Räuberhauptleute gingen und brachten schon an diesem Tage das Verlangte, das denn auch durch die rechte Vermittlung den Eigentümern zurückgegeben ward.
   07] Nachdem aber die Räuberhauptleute sich aus dem Saale des zu vollbringenden Werkes wegen entfernt hatten, da wandte sich Roklus an den ihm bekannt stets ehrlichen und biederen Wirt und sagte: »Die Geheilten verbleiben fortan in deiner Pflege; sorge dafür, daß sie ihren Kräften gemäß auch eine Beschäftigung erhalten! Das für sie hier erlegte Gold und Silber aber Verwalte du gut und recht, und was dir gebührt, soll dir aus den Zinsen werden; mit der Zeit werden wir damit schon eine rechte Verfügung treffen. Also wird auch für den Unterricht der Jugend gesorgt werden.
   08] Tue du das als ein ehrlicher Jude nach der Art der Samariter aus Liebe zu unserem einen, allein wahren Gott und auch aus Liebe zu den Menschen, und du wirst eine große Gnade von der Liebe Gottes erhalten! Tue du aber das, was du tust, in aller Freundlichkeit; denn ein freundlicher Liebtäter übt seine Wohltaten doppelt aus und wird bei Gott für seine Tat auch den zehnfachen Lohn finden schon hier und jenseits sicher den hundertfachen! Da ich nun im Namen des Herrn nach Seinem Willen diese gar gewichtige Sache wohl geschlichtet habe und es nun schon um die Mitte des Tages geworden ist, so werde ich mich nun mit meinen Brüdern in die Herberge, die du wohl kennst, begeben; denn dort harret der große Herr und Meister unser. Wer einer Hilfe benötigt, der begebe sich dorthin!«
   09] Hierauf fragte der Wirt, sagend: »Freund, ist das etwa gar der große Prophet aus Galiläa, dessen du ehedem vor den Pharisäern bei der Auflegung deiner Hände über die Kranken wohl erwähntest und in seinem Namen auch eben diese Kranken heiltest?«
   10] Sagte Roklus: »Ja, Freund, eben Derselbe ist es! Aber wohlgemerkt, Er ist kein Prophet, sondern Er ist das, was ich von Ihm aussagte, nämlich - der Herr Selbst, was du und auch alle diese Geheilten mir glauben könnet!«
   11] Sagte der Wirt: »O Freund, Den möchte auch ich sehen und hören; denn ich habe schon von den vielen Fremden, Juden und Heiden aller Art und Gattung, die hier durchgereist sind, ja gar große Dinge vernommen! Die Heiden halten Ihn alle für einen Gott; nur die Juden sagen, daß Er ein großer Prophet sei. O Freund! Den möchte ich wohl sehen und hören, wie ich das schon gesagt habe, so es mir gestattet wäre!«
   12] Sagte Roklus: »Nicht nur dir, sondern jedermann ist es gestattet, zu Ihm zu kommen, und für die Geheilten ist es mehr denn eine Pflicht, Ihm den Dank für die Heilung darzubringen; denn nicht ich, sondern nur Er allein hat sie geheilt durch die Allmacht Seines heiligen Willens. Doch verharret nun noch ein paar Stunden; nach dieser Zeit möget ihr alle kommen!«
   13] Sagten darauf auch die Geheilten: »O du Freund des sogestaltig Allerhöchsten, wie mögen wir Sünder zu Ihm kommen und anschauen Sein heiligstes Angesicht?! Solch einer Gnade werden wir ja ewig nie würdig sein!«
   14] Sagte Roklus, von der Demut der Geheilten ganz gerührt: »Hätte Er euch eure Sünden, an denen die Templer die Hauptschuld tragen, nicht vergeben, so hätte Er euch auch nicht geheilt; da Er euch aber geheilt und euch sonach auch sicher eure Sünden vergeben hat, so seid ihr um so mehr verpflichtet, in aller Liebe zu Ihm hinzukommen in der euch angezeigten Zeit und Ihm allein darzubringen den Dank!«
   15] Auf diese Worte des Roklus faßten alle Mut und versprachen zu kommen und zu tun, was er ihnen angeraten hatte.
   16] Darauf empfahl Roklus nochmals dem Wirte die Pflege der Geheilten, verließ dann mit seinen Brüdern den Saal und begab sich eiligst wieder zu Mir.


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