Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 212. Kapitel: Ein Speisewunder Jesu.

   01] Wir waren aber noch alle an unserem Tische beisammen, und als Roklus mit seinen Brüdern uns also fand, da hatte er darob eine große Freude; nur meinte er, daß Ich in der Zeit, die er mit den Pharisäern zugebracht hatte, so manches heilbringende, lebendige Wort würde geredet haben.
   02] Sagte Ich: »Lieber Freund und sogar Bruder! Es sei dir darob nicht bange; denn Ich habe Meinen Jüngern nur das vorgetragen, wie und was du völlig nach Meinem Willen mit den Pharisäern, mit den Kranken, mit den gewissen Hauptleuten und am Ende mit dem Wirte und abermals mit den Geheilten verhandelt hast! Du bist Mir wahrlich zu einem tüchtigen Rüstzeuge wider Meine Feinde geworden; und weil du Mir treu warst im Kleinen, so werde Ich dich auch über Größeres setzen.
   03] Aber nun setze dich mit den Brüdern nur wieder zu Mir; denn es wird sogleich das Mittagsmahl aufgetragen werden, das Ich Selbst bestellt habe aus Meiner nie erschöpfbaren Speisekammer, und also auch der Wein aus Meinem Keller! Denn so Mir, dem Herrn, in dir und deinen Brüdern gar tüchtige Arbeiter für Meine Äcker und Weinberge geworden sind, so sollen sie denn auch von Mir bestens bewirtet werden an diesem Tage, in dieser Zeit!«
   04] Bei diesen Worten kam unser Wirt in den Speisesaal und sagte etwas verlegen zu Mir: »Herr und Meister, als ich Dich ehedem ergebenst fragte, was für ein Dir genehmes Mittagsmahl ich bereiten solle, da sagtest Du gnädigst, daß ich mich darum für diesen Mittag nicht kümmern solle, denn Du Selbst werdest diesmal ein Mittagsmahl bereiten. Wir warteten aber nun über eine Stunde ganz vergeblich auf Dich in der Küche und rührten für diesen Tisch nichts an. Nun aber wäre es schon an der Zeit, die Speisen auf die Tische zu setzen, und noch ist nichts bereitet! Was soll ich nun tun?«
   05] Sagte Ich: »O Freund, wie eitel ist doch deine Sorge! Meinst du denn, daß Ich etwa, euch Menschen gleich, einer vollen Speisekammer, einer Küche und eines mit vollen Weinschläuchen reichlich versehenen Kellers bedarf? Siehe, Ich bin nun unter Meinen Freunden, die Mich wohl erkannt haben und auch also wohl gewirket in Meinem Namen, und sie haben große Zeichen geleistet durch die Macht Meines Wortes und ihres Glaubens an Mich, und so will Ich nun denn auch für sie ein Wunder stellen. In der Küche steht freilich wohl nichts bereitet für uns, - aber besiehe nun die Tische!«
   06] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da waren alle die noch vom Morgenmahle auf den Tischen stehengebliebenen Schüsseln voll der besten Speisen, bestehend in Fischen der edelsten Art, wohlbereitetem Kalb- und Lammfleische, allerlei süßen Früchten und in bestem Brote; und also waren auch alle Krüge bis oben voll gefüllt mit dem besten Weine, der das Herz stärkte und die Eingeweide erquickte.
   07] Als der Wirt dies sah, da schlug er sich mit den Händen an die Brust und sagte: »O Herr und Meister! Wer das sieht und an Dich noch nicht glaubt, daß in Dir in aller Fülle wohnt der Geist Gottes und Dessen Macht, Kraft und Gewalt, der müßte mit einer tausendfachen Blindheit geschlagen sein in seiner Seele und in seinem Verstande!
   08] Es ist zwar alles ein Wunder, Deiner Macht und Weisheit entstammend, und der Himmel und diese Erde sind voll nur Deiner Werke, die uns aber als Wunder dennoch nicht so auffallen, weil wir uns an deren zeitweiliges Entstehen, Bestehen und auch Wiedervergehen schon von Geburt an gewöhnt haben; aber dieses plötzliche Entstehen solcher Speisen, die sonst nur von der Menschen Hand bereitet werden, und so auch des Weines aus dem pursten Nichts ist etwas ganz himmelhoch anderes!
   09] Denn so ein Baum aus einem Samenkorne nach und nach erwächst, groß und stark wird und Früchte zu tragen anfängt, so ersieht man dabei allerlei Mittel als Ursachen der wie aus ihnen hervorgehenden Wirkungen. Aber wo sind da die Mittel? Da gibt es keinen Baum, auf dem diese verschiedenen Früchte gewachsen und im Lichte und in der Wärme der Sonne gereift wären! Auf welchem Acker ist der Weizen zu diesem herrlichen Brote geerntet worden? In welchem Wasser sind diese Fische gefangen worden, wo sind die Lämmer und das Kalb geschlachtet worden und bei welchem Feuer so wohl zubereitet, und in welchem Weinberge gedieh dieser Wein?
   10] Alles entstand plötzlich nur durch die endlose Macht Deines Willens! Und das eben ist's, was mich in ein höchstes Erstaunen setzt, und zwar darum, weil nach meiner Erfahrung Du, als unfehlbar der Urschöpfer aller Dinge im Himmel und auf Erden, alles nur in einer unwandelbaren Ordnung so nach und nach entstehen läßt, und es geht da eines aus dem andern hervor; hier aber war es ein Moment, und ein früheres Nichts ward urplötzlich zu dem, was nun vor unseren staunenden Augen und Herzen die Speisetische füllt! O Herr und Meister in Deinem Geiste schon von Ewigkeit, wäre es Dir denn nicht auch möglich, eine ganze Welt also in ein vollendetes Dasein zu setzen und auf derselben alles andere eben auch also in einem Augenblick entstehen zu lassen, was den Menschen alle Arbeit und Mühe und gar viele Sorgen ersparen würde?«
   11] Sagte Ich: »O ja, Freund, das könnte Ich sicher, so das dem Menschen frommen würde, so er in alle Trägheit verfiele und also denn auch bald in alle Materie und in ihr Gericht versänke! So Ich aber will, daß der Mensch in seinem weltlichen Freiheitsprobeleben nur durch allerlei Tätigkeit sich an Erfahrungen und daraus hervorgehenden Kenntnissen stets mehr und mehr bereichere und Gott und sich erkennen lerne, da muß die Welt selbst und alles in und auf ihr gerade also entstehen und bestehen, wie es eben entsteht und besteht.
   12] Siehe, da hast du ganz kurz den Grund, aus dem Ich auf den materiellen Welten alles nur nach und nach entstehen und auch wieder vergehen lasse; denn die materiellen Welten mit allem, was in, auf und über ihnen ist, sind nicht für den ewigen Bestand erschaffen worden, sondern nur die Seelen der Menschen, die eben aus dem Gerichte der Materie hervorgehen und sich im Menschen zum unvergänglichen, ewigen Leben kräftigen und also auch in Meinem Geiste erstarken in aller Liebe zu Mir!
   13] Wenn Ich aber hier unter Meinen geistig nun beinahe schon völlig vollendeten Jüngern und Fremden von Meiner urewigen Ordnung eine kleine Ausnahme mache, so wird dadurch keine Seele in eine ihr verderbliche Trägheit und bleibende Untätigkeit versetzt, und Ich habe euch allen dadurch gezeigt, daß bei Gott alles möglich ist.
   14] Nun aber setze auch du dich her zu uns, und iß und trinke! Nach dem Essen werden wir schon noch Zeit finden, so manches ganz wohl zu besprechen - «
   15] Darauf setzte sich der Wirt zu unserem Tische, aß und trank ganz wacker mit uns und konnte die Güte der Speisen nicht genug rühmen und preisen, - was denn auch alle andern taten.


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