Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 210. Kapitel: Essäeroberst Roklus heilt Kranke.

   01] Auf diese Worte begaben sich alle in die Herberge am großen Platze.
   02] Als sie dort in dem Saale anlangten, in welchem sich die Kranken in einer bedeutend großen Anzahl befanden, aber auch die Räuberhauptleute schon auf die beiden Pharisäer harrten, um mit ihnen ihre Rechnungen abzumachen, da sagte Roklus zuerst zu den Kranken: »Ich bin der Oberste dieses Ortes und habe die wunderbare Macht von Gott dem Herrn, euch allen zu helfen, wie ich heute schon vielen geholfen habe, wie ihr davon schon Kunde erhalten habt; doch saget es mir ohne Scheu, durch was ihr hauptsächlich zu euren Leibesübeln gekommen seid!«
   03] Als die Knaben diese Aufforderung vernommen hatten, da sagten sie: »Herr, so wir nicht mehr nach Jerusalem zurückkehren müssen und von dir in Schutz genommen werden, so wollen wir alles sagen; aber müssen wir wieder nach Jerusalem zurück, da bringt uns die geringste Aussage den sicheren Tod, mit dem wir alle auf das bestimmteste bedroht sind!«
   04] Sagte Roklus: »So, da habt ihr alle nichts zu sorgen, wohl aber jene, die euch bedroht haben; ich werde für euch sorgen! Redet daher ohne Furcht und Scheu!«
   05] Hierauf fingen die Knaben ganz offen zu erzählen an, welche Schändlichkeiten die Templer mit ihnen getrieben haben und mit noch vielen ihresgleichen treiben, und daß dabei auch schon viele um ihr Leben gekommen seien und noch fürder kommen würden.
   06] Sagte Roklus abermals: »So! - da hört man ja gar löbliche Dinge von dem Tempel Jehovas und Seinen Dienern! Es ist aber nun schon gut, ihr lieben und armen Kinder, es wird euch schon geholfen werden. Und nun, redet ihr Mägdlein und Weiber!«
   07] Auch diese baten um Schutz zum voraus, weil auch sie, gleich wie die Knaben, bedroht seien.
   08] Sagte Roklus: »Was ich den Knaben verheißen habe, das gilt auch für euch, und so möget ihr auch frei und offen reden!«
   09] Da fingen diese zu reden an, daß sich dabei sogar den etlichen anwesenden Räuberhauptleuten die Haare gen Berg zu sträuben anfingen, besonders als einige Mägde und Weiber sich entblößten und gar grauenerregende Verstümmelungen an ihrem Leibe zeigten, die ihnen die unbegrenzte Geilheit der Templer zugefügt hatte.
   10] Als Roklus sich von allem vor Zeugen überzeugt hatte, da sah er, im höchsten Grade ernst erregt, die beiden Pharisäer und auch ihre ihnen treu ergebenen Diener, die auch anwesend waren, an und sagte: »Nein, das ist denn doch seit Anbeginn der Welt nicht dagewesen! Bei solch einem Gebaren und Treiben im Tempel sagtet ihr zu mir, daß ich den Tempel gelästert habe, da ich ihn, wie er nun bestellt ist, mit vollstem Rechte eine Räuberhöhle und eine Mördergrube nannte?! O ihr Elenden! Welch ein Teufel hat euch denn in die Welt sogar zu Priestern Jehovas gezeugt, gesetzt und geweiht? Nun wartet nur! Daß davon in Kürze sogar der Kaiser in volle Kenntnis gesetzt wird, dessen kann ich euch schon hier versichern! Was er dann machen wird, das werdet ihr vielleicht in Bälde erfahren. Doch mit euch wird von mir sehr wenig mehr geredet werden!«
   11] Hierauf wandte sich Roklus zu den Kranken und sagte: »Im Namen Jehovas, Der nun in dieser Zeit in der Person Jesu aus Nazareth zu uns Menschen gekommen ist, den aber die argen und blinden Pharisäer hassen und verfolgen, weil Er wider sie zeugt, und Der mir auch die Macht erteilt hat, alle Kranken bloß durch meinen Glauben und Willen zu heilen, halte ich meine Hände über euch und sage: Seid vollkommen geheilt!«
   12] Auf diesen Ruf wurden wie mit einem Schlage alle also vollkommen geheilt, daß man an ihren Leibern auch nicht eine Verstümmelungsnarbe hatte entdecken können, - und alle, die sie besahen, selbst die Räuberhauptleute nicht ausgenommen, sagten laut und offen: »Das ist nur der Kraft Gottes möglich und keinem Menschen. Lob, Preis und Ehre darum nur Ihm allein und größter Dank darum, daß Er die Templer in Jerusalem vor uns enthüllt hat und wir jetzt vollkommen wissen, was wir von ihnen zu halten haben!«
   13] Also dankten auch mit Tränen in den Augen die Geheilten und wandten ihre Gesichter von den grimmigen Pharisäern ab.
   14] Darauf sagte Roklus zu den beiden Pharisäern: »Dies wäre nun getan im Namen des Herrn, - und nun gehen wir zum andern Geschäfte über!«
   15] Da die beiden Pharisäer wohl wußten, was Roklus noch Weiteres von ihnen verlangt hatte, so sagten sie zum Obersten Roklus: »Wolle nun die Summe bestimmen, die du für den Unterhalt dieser im Ganzen bei zwanzig Personen für nötig erachtest, und wir wollen sie dir hier ausbezahlen! Was aber die Sache mit dem Straßentribute betrifft, so bist du selbst ein Herr und kannst darüber mit den Männern, die hier anwesend sind, selbst verhandeln. Von unserer Seite wird für alle Zeiten auf alles Weitere verzichtet; denn auch wir fangen nun an, unser großes Unrecht einzusehen, und werden auch aller Möglichkeit uns bemühen, dasselbe zu sühnen.
   16] So wir nach Hause kommen werden, so wird das unser erstes Trachten sein, uns vom Tempel zu entfernen; denn von nun an, wo wir die Kraft Gottes augenscheinlichst haben wirken sehen und von dir, du weiser und wahrlich mit Jehovas Geist erfüllter Mann, auch die uns gebührendsten scharfen Mahnworte vernommen haben und das Licht des Glaubens erwacht ist, werden wir den Rest unserer Lebenszeit denn auch anders verwenden, als das bis jetzt der Fall war Gott der Herr wolle uns vergeben unsere vielen Sünden, die wir nicht mehr ungeschehen machen können! Und nun wolle du die Unterhaltssumme für diese bestimmen, und wir werden sie dir alsogleich einhändigen!«
   17] Sagte Roklus: »Ihr habt achthundert Pfunde Goldes bei euch und dazu noch zweitausend Pfunde Silbers. Zu eurer Heimreise werdet ihr kaum den hundertsten Teil eures Silbers benötigen, und so lasset die achthundert Pfunde Goldes und noch tausend Pfunde Silbers für den Unterhalt dieser, sage, einundzwanzig Personen hier, auf daß ihr damit doch in etwas eure Verbrechen an diesen vor Gott gesühnt habt! Wollet ihr aber selbst mehr tun, so wird das ein Nutzen für euch vor den Augen Gottes sein.«
   18] Sagten die beiden: »Wir kommen mit hundert Pfunden nach Hause und lassen zu den tausend Pfunden Silbers auch noch die neunhundert Pfunde hier; und sollten diese nun so wunderbar geheilten Menschen mit der Zeit ein mehreres benötigen, so wollen wir ihnen das von Jerusalem hierher übermitteln.«
   19] Sagte Roklus: »Dessen wird es nicht bedürfen, und ihr werdet daheim vieles gutzumachen haben! Die von euch hier zurückgelassene Summe ist mehr denn hinreichend für diese Menschen, für die ich auch dahin sorgen werde, daß sie sich auch durch den Fleiß ihrer Hände ihr Brot recht wohl werden verdienen können; denn es ist für jeden Menschen nützlicher, so er sich durch Arbeit einen Unterhalt verschafft, als so er durch den bloßen Reichtum im Müßiggange seinen Nebenmenschen zur Last fällt.«
   20] Damit waren auch die Geheilten ganz vollkommen einverstanden, und die beiden begaben sich mit dem Roklus in eine Nebenkammer, in der sie ihr Gold und Silber aufbewahrt hatten, und übergaben ihm die vorbenannte Summe; für sich aber behielten sie nur die hundert Pfunde.
   21] Darauf kamen sie wieder in den Saal und baten die Geheilten um Vergebung, wie auch den Roklus.
   22] Und Roklus sagte darauf: »Seinen Feinden auch dann vergeben, so sie ihr Unrecht nicht einsehen und gutmachen wollen, ist Gott wohlgefällig, und so sind wir das zu tun nach dem Willen Gottes um so mehr verpflichtet jenen Feinden, die ihr an uns begangenes Unrecht reuig einsehen und den festen Willen fassen, es nach Möglichkeit wieder gutzumachen. Daher werde euch beiden von uns aus alles vergeben; sehet aber auch anderorts euch um, und machet gut jegliches Unrecht, das ihr irgend jemandem zugefügt habt, und Gott der Herr wird euch dann auch dort Barmherzigkeit erweisen, wo ihr eure an den Menschen begangenen großen Sünden nicht mehr gutmachen könnet, weil sie sich nicht mehr unter den diesseits Lebenden befinden!«
   23] Die beiden versprachen alles Mögliche zu tun, nahmen darauf das Ihrige und begaben sich mit ihrer Dienerschaft sogleich auf den Rückweg.


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