Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 207. Kapitel: Zwei hochmütige Pharisäer aus Jerusalem in Essäa.

   01] Als aber die dreißig die Herberge, in der Ich wohnte, verließen, da waren wir wieder eine kleine Weile unter uns allein, und Ich gab dem Roklus allerlei Weisungen, wie er sich künftig benehmen solle, so doch noch irgendwelche sich sollten beifallen lassen, ihre toten Kinder nach Essäa zur Wiederbelebung zu bringen. Ich verbot ihm aber in einzelnen Fällen, wo die Bittenden einen starken Glauben an den Tag legten, nicht, diesen oder einen andern wieder zu beleben; aber er solle sich zuvor stets zu Mir im Geiste wenden, und Ich würde es ihm kundtun, ob die Tat zu vollführen oder zu unterlassen sei. Solches nahm Roklus auch mit dem größten Danke an.
   02] Als wir aber noch also redeten, da kam ein Bote, aus der Wunderburg entsandt, zu uns in die Herberge und sagte, daß soeben zwei hohe Älteste und Pharisäer aus Jerusalem in die Burg gekommen seien mit einem glänzenden Gefolge und sogleich mit dem Obersten selbst höchst dringlich zu sprechen wünschten.
   03] Ich aber sagte: »Gehe, du Bote, hin zu den Blinden und sage es ihnen, daß sich gar viele Menschen nun in Essäa aufhalten und auch den Obersten sprechen wollen; der Oberste aber weiß schon, was er zu tun hat, und wo die Not am größten ist, und läßt sich darum von einem Paar Pharisäer, die ihre Kebsweiber und einige geschändete Knaben zur Heilung hierher gebracht haben, wenn auch in glänzenden Kleidern, nicht irremachen in seinem ordnungsvollen Tagewerk. Sie sollen nur warten, wie das sogar königliche Leute und Familien tun müssen.«
   04] Da verneigte sich der Bote und ging und hinterbrachte das wortgetreu den beiden Pharisäern, die sich dadurch höchlichst beleidigt fanden und in den Boten drangen, ihnen zu sagen, wo sich der Oberste aufhalte.
   05] Der Bote aber sagte: »Ich bin kein Herr, sondern nur ein Knecht und muß gehorchen meinem Herrn, von dem ich die strengste Weisung habe, ohne seinen Willen niemandem, sogar einem Kaiser nicht, anzuzeigen, wo sich der Herr aufhält und was er irgend tut; und so kann und darf ich auch euch nicht sagen, wo sich nun der hohe Oberste befindet. Gehet in eine Herberge, und wartet alldort, bis die Reihe an euch kommen wird! Denn hier bei uns gilt jeder Mensch gleich, und ein Fürst hat vor einem Bettler nicht den allergeringsten Vorzug!«
   06] Da sagte einer der beiden Pharisäer, dem das sehr in die stolze Nase gestiegen war: »Was redest du also vor uns! Ist denn diese Zauberburg mehr als der Tempel Jehovas in Jerusalem? Und dort wird dennoch ein Unterschied streng beachtet!«
   07] Sagte der Bote: »Das geht mich nichts an! Bei euch möget ihr als Herren schalten und walten nach eurem Belieben und nach euren Gesetzen, und wir schalten und walten hier nach unseren Gesetzen und erkennen niemand außer Gott als einen Herrn an und den auch, der von Gott Selbst uns zu einem Obersten gegeben und gesetzt worden ist! Darum tut Gott auch hier große Zeichen, und die Pharisäer selbst müssen hier Hilfe suchen, weil sie in Jerusalem keine haben und irgend finden können. Und ich als Bote habe nun geredet, und ihr könnet gehen, wie ihr gekommen seid, so ihr nicht warten wollet oder könnet!«
   08] Auf das kehrte der Bote den Pharisäern und ihrem schönen Gefolge den Rücken, und diesen blieb nichts übrig, als sich in eine Herberge zu begeben und dort zu warten, bis sie gerufen würden.
   09] Roklus aber dankte Mir abermals, daß Ich ihn vor den Pharisäern nun behütet habe.
   10] Darauf fragte Mich Simon Juda, sagend: »Herr und Meister, wir haben nun noch etwa ein paar Stunden bis zur Mitte des Tages! Wäre es denn nicht geraten, so wir uns abermals ins Freie begäben? Denn so wir immer hier uns aufhalten, da wird bald wieder etwas vorkommen, das uns unangenehm berühren kann. Und mir kommt es vor, als ob die zwei Pharisäer es sich vorgenommen hätten, den Obersten von Herberge zu Herberge aufsuchen zu gehen; und so sie hierher kämen, da wäre das für Dich, für den Obersten und auch für uns nichts Angenehmes. Doch ich will damit etwa ja keinen Rat gegeben haben, sondern fragte Dich nur um Deine Meinung.«
   11] Sagte Ich: »Eben darum bleiben wir hier, denn Ich will dem Unfuge des Raubtributnehmens ein völliges Ende machen, wozu Ich schon heute morgen den Grund gelegt habe.
   12] Diese zwei Pharisäer sind auch unter anderm darum hierher gekommen, um von den Straßenräubern ihren Anteil zu beheben, weil eben diese Straßenräuber unter dem Schutze der Templer und des Herodes ihren Unfug als gesetzlich erlaubt treiben dürfen.
   13] Die Heilung ihrer Kebsweiber und der geschändeten Knaben ist also der eigentliche Grund der Hierherreise der beiden Pharisäer nicht, sondern die Einhebung ihres Straßenraubanteils; haben sie den, dann werden sie selbst sogleich abreisen und die Kranken in der Behandlung hier lassen. Sie möchten aber eben darum mit Roklus geheim ein paar Wörtlein reden, daß er die Kranken in unentgeltliche Pflege nehme und sie, wo möglich oder tunlich, auch statt zu heilen lieber auf eine gute Art gar in die liebe Ewigkeit befördern möchte, weil diese Menschen sie in Jerusalem mit der Zeit leichtmöglicherweise doch in einen schlechten Ruf vor dem Volke bringen könnten. Seien sie aber einmal begraben, da hätten die Templer von ihnen nichts mehr zu befürchten und zu besorgen! Sollte sich aber der Oberste zu solch einem Werke der echt satanischen Nächstenliebe trotz aller ihm dafür zugesicherten Vorteile nicht herleihen wollen, so könne er sie zwar heilen, aber darauf nicht mehr nach Jerusalem zurück, sondern irgendwo anders hin, als etwa nach Ägypten, Persien oder gar nach Indien ziehen lassen.
   14] Seht, das haben die beiden Templer vor, und sie werden darum auch, sowie sie die mitgebrachten Kranken in der Herberge werden untergebracht haben, den Obersten mit allem Eifer aufsuchen gehen und ihn eben hier auch finden, weil sie durch einen hier Geheilten bald und leicht erfahren werden, wo sich unser Freund Roklus befindet.«
   15] Und seht, das wird dann eben recht sein; denn eben bei dieser Gelegenheit wird ihnen der Oberste, wie Ich ihm das ins Herz und in den Mund legen werde, das alles vorhalten können, und es wird dabei dem Straßenraubunfug ein Ende gemacht, und die Kranken, die sich nun hier in der Gewalt der Essäer befinden, werden wider sie und den ganzen Tempel zeugen, und das sicher um so mehr, so sie vom Obersten erfahren werden, welch löbliche Höllenabsichten die beiden Templer mit ihnen haben!
   16] Darum soll sie Roklus auch zuerst anhören, was sie ihm vorbringen werden, natürlich im Beisein der andern nun hier anwesenden Brüder Essäer, die ihm dann bei den Kranken als treue Zeugen gute Dienste leisten werden.
   17] So die Templer auf diese Weise enthüllt werden, da werden sie sehr gefügig sein und gern ein jedes noch so große materielle Opfer bringen, um nur nicht vor einen römischen Richter gestellt zu werden.
   18] Und so ist das ganz gut, daß sich das nun also fügt, wie Ich es schon lange vorgesehen habe; denn dadurch wird sich Essäa einen lange bleibenden Schutz gegen die losen Verfolgungen des Tempels gründen und sich von allen Seiten her einen sicheren Zugang bereiten.
   19] Wenn die beiden aber zu dieser Herberge kommen werden, da werde schon Ich dem Bruder Roklus anzeigen, daß er mit den andern Brüdern zu ihnen hinaus in den Hofraum gehe und mit ihnen die Sache auf die gehörige und fruchtbringende Weise abmache. Bis in einer Stunde nach dem Mittage wird schon alles in der Ordnung sein, und wir werden dann ganz ruhig unser Mittagsmahl einnehmen können und darauf erst ins Freie gehen, wenn die beiden Templer diesen Ort mit aller Hast und Eile werden verlassen haben. Verstehst du, Petrus, nun, warum Ich vor dem Mittagsmahle nicht ins Freie gehen, sondern hier im Saale verweilen will?«
   20] Sagte Petrus: »Jetzt verstehe ich das nur zu gut, klar und rein. Wir danken Dir für diesen Aufschluß.«
   21] Nun aber erhob sich erst Roklus, der bei Meiner offenen Beschreibung des Grundes, aus dem die beiden Templer nach Essäa mit ihren Kranken gekommen sind, beinahe vor Ärger hatte aufspringen und voll Zorns die beiden gleich gefangennehmen wollen, und sagte ganz durch und durch erregt: »O Herr und Meister! Hätte ich nun nur so ein Teilchen von Deiner Macht in Mir, so würden die beiden wahrlich nicht so leichten Kaufes von hier kommen! Wie möglich aber kannst Du, Allmächtiger und Gerechtester, solchem Unfuge der wahrsten Teufel in Menschengestalt mit aller Geduld so lange zusehen und ihnen noch oft genug gelingen lassen ihre echt satanischen Pläne in voller Tat?
   22] Den Tempel zu Jerusalem, der schon lange zu einer wahren Räuberhöhle geworden ist, samt seinem elendesten Priestergeschmeiß fortbestehen lassen, ist zu viel Geduld! Es werden dessen Schändlichkeiten unter dem Volke ja von Tag zu Tag ersichtlicher und ruchbarer, und das Volk fällt daher auch unverschuldetermaßen stets mehr vom Glauben an einen allein wahren Gott ab und geht zu den weit vernünftigeren und besseren Heiden über!
   23] Aber Du, o Herr und Meister, bist hochweise und weißt am besten, warum eben Du solches zulässest! So aber die beiden kommen werden, da erfülle, o Herr, mein Herz mit Geduld, auf daß ich das werde zu ertragen imstande sein, was sie mir vorbringen werden!«
   24] Sagte Ich: »Sorge du dich nicht darum; denn du wirst mit ihnen am Ende ganz wohl darauskommen und sie möglicherweise für die Wahrheit und für die gute Sache des Lebens gewinnen! Siehe, auch hier unter Meinen Jüngern befinden sich mehrere bekehrte Pharisäer, die nun schon in aller Wahrheit des inneren Lebens stehen, und es ist eben noch nicht zu lange seit dem, wo sie Mir nach Meinem Leibesleben strebten, weil Meine Worte wider sie zeugten.
   25] Es wird aber das Maß der Tempelgreuel bald voll werden, und bevor noch sechsmal zehn Jahre vergehen werden, wird man kaum die Stelle mehr finden, wo Jerusalem und der Tempel gestanden sind. Meine Geduld und Langmut ist wohl groß und nahe unbegrenzt, aber doch nicht unendlich auf den Weltkörpern! Mein Wille, der zu arg gewordene Welten zerstört hat, kann auch Städte und Völker vernichten, so ihr Maß der Greuel voll geworden ist. - Doch nun nichts Weiteres mehr davon. Du aber kannst dich nun schon mit deinen Brüdern hinaus in den Vorhof begeben; denn die beiden werden nicht lange auf sich warten lassen!«
   26] Als Roklus das von Mir vernommen hatte, da erhob er sich mit den andern Brüdern und begab sich sogleich in den Vorhof. Der Wirt aber machte sich mit den Seinen an die Bereitung eines guten Mittagsmahles.


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