Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 208. Kapitel: Essäeroberst Roklus und die zwei Pharisäer.

   01] Roklus aber brauchte nicht lange auf die beiden Pharisäer zu warten; denn als sie, wie schon erwähnt, von einem Geheilten erfahren hatten, wo der Oberste sich befinde und seine Wunderheilungen ausübe, da überließen sie die mitgenommenen Kranken in der Herberge dem Wirte zur Versorgung, wofür sie ihm etwas Geld gaben, und begaben sich in Begleitung des Geheilten sogleich nach unserer Herberge, um vor allem mit dem, was für sie und ihren argen Plan ihnen am wichtigsten deuchte, mit dem Obersten in die von ihnen vorgefaßte Ordnung zu kommen.
   02] Als sie nun in den Vorhof eintraten, ging ihnen der Oberste sogleich entgegen, grüßte sie nach der Tempelsitte und sagte: »Ihr suchet den Obersten der Essäer? Und der stehet in meiner geringen und unansehnlichen Person vor euch! Was wollt ihr von mir? Ich sage es euch aber zum voraus, daß ihr mir euer Anliegen offen und ohne allen Vorhalt vortraget, ansonst ihr vergeblich zu mir gekommen wäret!«
   03] Sagte einer der Pharisäer: »Das wollen und müssen wir auch; aber wir möchten der etwas geheimen Sache wegen ohne Zeugen mit dir reden und etwa in einem Gemache!«
   04] Sagte Roklus: »Was bei uns den Fürsten, Königen und Kaisern nicht gewährt wird, das wird auch euch nicht gewährt! Denn bei uns gibt es keinen Hinterhalt und keine wie immer geartete Geheimtuerei mehr, auf daß fürder niemand uns irgend eines oder des andern Menschentruges zeihen könne. Darum heilen wir die Kranken denn auch offen vor allen Menschen und nicht mehr in der alten, durch euch am meisten verschrienen und verdächtigten Burg. Wollt ihr sonach etwas von uns, so saget uns das hier offen! Denn wir Essäer alle sind so gut wie nur ein Mensch; was der eine weiß und kann, darf allen andern nicht verschwiegen bleiben. Ihr wisset nun, wie ihr mit uns daran seid; redet daher offen mit uns, oder gehet unverrichteterdinge wieder dahin, von woher ihr gekommen seid! Das sei euch aber auch noch gesagt, daß ihr nichts von uns verlangen wollet, das da irgend ungerecht wäre vor Gott und den Menschen!«
   05] Sagte der Pharisäer: »Ihr habt euch ja gänzlich umgewandelt; denn vor kaum zwei Jahren habt ihr ganz anders doch geredet und sicher auch gehandelt!«
   06] Sagte Roklus: »Mag sein; aber da es auf dieser Erde nichts so Vollkommenes gibt, das da keiner weiteren und höheren Vervollkommnung bedürfe, so waren auch wir noch lange nicht so vollkommen, daß wir uns nicht noch um ein gar Großes mehr hätten vervollkommnen können. Wir haben uns denn auch, obgleich wir auch noch lange nicht am großen Endvervollkommnungsziele stehen, seit etlichen Jahren um ein gar Großes vervollkommnet, und so denken, wollen, reden und handeln wir nun denn auch ganz anders!
   07] Früher heilten wir die Kranken unter allerlei eitel leerer Zeremonie, und das darum, weil die blinden Menschen es also haben wollten, und der schwarze Grund lag darin, daß die vielen, die hier Hilfe suchten und sie auch fanden, von ihren selbst-, herrsch- und gewinnsüchtigen Priestern, die sich als Gottesdiener ausgaben und stets überhoch ehren ließen, in allerlei zeremoniellen Aberglauben ordentlich begraben worden sind!
   08] Da wir es mit den Menschen, die, hoch oder nieder, unsere Brüder sind, allzeit ehrlich meinten, so konnten wir diesem alten und bösen Unfuge nicht länger mehr zusehen und haben fest beschlossen, allen Menschen in sonnenheller Wahrheit ihre alten Torheiten zu zeigen; und wir haben uns darum denn auch von allem vollends entfernt, was nur den geringsten Anschein von einem leeren Truggeheimnisse haben könnte, und reden und handeln darum nun ohne allen wie immer gearteten Hinterhalt mit jedermann, und so denn auch mit euch ohne irgendwelche Scheu, Furcht oder Rücksicht. Denn euer Tempel und ihr, als uns wohlbekannt oberste Priester im selben, seid gleich so viel wie ein jeder andere Mensch.
   09] Und so euer Anliegen an uns etwas den Gesetzen Gottes Widerstrebendes hat, da stehet ihr samt eurem Tempel und eurer hohen Priesterschaft weit und tief hinter den Tieren in unseren Augen! Ich habe euch nun klar und offen dargestellt, wie wir nun bestellt sind, und warum, und so werdet ihr denn nun auch hoffentlich begreifen, wie ihr euch gegen uns zu benehmen habt, so ihr irgendeinen wahren und guten Zweck eurer Mühe bei uns erreichen wollet.«


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