Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 174. Kapitel: Jesu Mahl beim Wirt.

   01] Als Ich diese Worte beendet hatte, da ward von der Küche denn auch angezeigt, daß das Gastmahl bereitet sei und auch aufgetragen werde. Da gab der Wirt das Zeichen zum Auftragen der Speisen. Und es wurden eine Menge sehr wohlbereiteter Speisen, teils nach griechischer und teils auch nach jüdischer Weise, auf die Tische gesetzt in silbernen und auf meinem Tische in goldenen Schüsseln, und der Wirt und der Sohn und dessen Weib und Kinder, wie auch dessen Mutter und heimischen jüngeren Geschwister baten Mich inständigst, an dem Nachtmahle, das nun ein wahres Freudenmahl sei, teilnehmen zu wollen, da Ich, als die Speisen aufgetragen wurden, Miene machte, Mich mit den Jüngern von dem Tische zu entfernen. Auf das viele Bitten blieb Ich denn auch samt den Jüngern am Tische, und alles ward darob überfroh und heiter im ganzen Hause. Wir aßen und tranken denn auch bei einer Stunde lang.
   02] Mir ward ein besonders guter Fisch vorgesetzt, der in dieser Gegend etwas gar Seltenes und Kostspieliges war, den Ich denn auch verzehrte, worüber Kado eine große Freude äußerte. Da aber auch einige der Jünger, die Fischer waren, gewisserart mit zähnewäßrigem Munde unter sich die Bemerkung über die große Köstlichkeit des von Mir verzehrten Fisches machten und Kado solche Bemerkungen vernahm, so ward es ihm leid, daß er nicht mehrere von solch edlen Fischen auch für die Jünger im Vorrate habe, sich aber für morgen schon damit versehen werde.
   03] Sagte Ich: »Freund, dessen hat es wohl nicht not! Die Jünger, die zumeist Fischer am Galiläischen Meere sind, haben sich nur so unter sich über den Wert des Mir vorgesetzten Fisches ausgesprochen; denn derlei Fische sind selten und darum auch kostspielig.«
   04] Auf diese Worte ward Kado und auch dessen Vater wieder beruhigt, und die Jünger machten darauf auch keine ähnlichen Bemerkungen mehr, sondern lobten die Köstlichkeit auch der andern Speisen, von denen nicht einmal ein Drittel verzehrt werden konnte.
   05] Als wir aber mit dem Gastmahl zu Ende waren, da kamen mehrere Arme von Jericho, die vernommen hatten, was sich hier ereignet hatte, und baten, daß man ihnen etwas von den Überbleibseln möchte zukommen lassen, da sie sehr hungrig und durstig wären.
   06] Kado fragte Mich, ob die vorgeblichen Armen auch die Wahrheit sprächen.
   07] Sagte Ich: »Die meisten wohl; nur ein paar sind darunter, die mehr die Neugierde und Lüsternheit hierher geführt als irgendeine Not. Doch enthaltet auch diesen nichts vor; denn seht, der Vater im Himmel läßt Seine Sonne ja auch über Ungerechte wie über die Gerechten scheinen!
   08] Wer da seinen Freunden Gutes erweist, der tut wohl, denn es ist ja doch eine von selbst begreifliche Pflicht, daß man denen Gutes erweist, die uns auch nur Gutes erweisen. Aber ein Größeres ist es, auch den Feinden Gutes zu erweisen. Wer das tut, der wird dereinst eine große Vergeltung im Himmel zu erwarten haben, und auf dieser Erde wird er dadurch glühende Kohlen über den Häuptern seiner Feinde sammeln, sie dadurch zuerst von ihrem Unrecht überweisen ohne Richter und Gericht und sie zu seinen Freunden umstalten (umwandeln).
   09] Und seht, alle, die nun hierher um die Überbleibsel bitten kamen, sind dieses Hauses Freunde nicht, weil es ihnen als ein reichstes, aber dabei auch hartherziges bekannt ist! Erfüllet ihnen denn nun auch ihr Verlangen, und sie werden morgen und fortan anders über euch urteilen!«
   10] Kado und sein Vater dankten Mir für diesen Rat, und der Vater befahl, die Überbleibsel in einen großen Korb zusammenzusammeln und sie also an die Bittenden auszuteilen, und ließ jedem dazu auch ein irdenes Töpfchen guten Weines verabfolgen.
   11] Als die Bittenden also wohl beteiligt worden waren, da fingen sie auch alsbald des Wirtes Güte und Gerechtigkeit hoch zu rühmen an, und mehrere baten ihn dazu noch freiwillig um Vergebung, so sie je über ihn irgendeine unlöbliche Meinung ausgesprochen hätten. Der Wirt aber entließ sie nun freundlich mit der Versicherung, daß er auf gar keinen Menschen mehr irgendeinen Groll habe. Und alle entfernten sich ruhig, und man vernahm noch von der Straße ins Zimmer herein ein Lob ums andere über den Wirt und seinen Sohn Kado aussprechen.
   12] Da sagte der Wirt zu Mir: »Oh, wie vielen Dank bin ich dir nun abermals dafür von neuem schuldig, daß du mich mit einem Male jetzt von recht vielen Feinden befreit hast durch deinen allerweisesten Rat, den ich aber von nun an auch gleichfort streng beachten werde! Aber nun will ich dir einen andern Vortrag machen, und du wirst mir auch darin sicher den besten Rat erteilen!
   13] Siehe, Herr und Meister, wir alle, wie es dir ohnehin nur zu klar bekannt ist, sind Griechen, und somit Heiden! Wir halten aber dennoch eure alte Gotteslehre in stets höheren Ehren, je mehr wir den Moses und die Propheten durchblättern. Wir hatten denn auch einige Male den Entschluß gefaßt, uns fest und unverbrüchlich an eure Lehre anzuschließen und so denn ihren Grundsätzen und Gesetzen gemäß zu handeln und zu leben. Aber es ging diese Sache nicht so leicht, wie wir uns das vorstellten.
   14] Es wäre uns sonst alles recht, was die reine Lehre selbst anbetrifft, und wir haben uns denn auch schon zu öfteren Malen in dieser Hinsicht mit einem hiesigen Rabbi besprochen. Doch dieser schwätzte uns da eine Menge von allerlei höchst lästigen und nach meinem Dafürhalten ganz überflüssigen und alles besseren und vernünftigen Sinnes völlig entbehrenden Übertrittszeremonien und, im Falle wir diese nicht an uns vollziehen ließen, nach den Gesetzen des Tempels von einem großen Enthebungsgelde vor. Und so blieben wir denn noch bis zur Stunde um so mehr Griechen, weil wir von euren Priestern wahrlich noch niemals irgendein besonders erbauliches und anlockendes Zeugnis vernommen haben.
   15] Was sagst du nun dazu? Sind die Übertrittszeremonien oder die großen Enthebungsgelder unbedingt notwendig, um ein rechter Jude im Herzen, Willen und Verstande zu werden, und kann man auf keine andere Weise ein vollkommener Jude werden?«


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