Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 173. Kapitel: Wünsche des Königs Abgarus von Edessa an Jesus.

   01] (Kado:) »Als ich bald darauf in Athen alles in Ordnung gebracht hatte und mich auch dann unaufgehalten zur Heimreise anschickte, da nahm ich von Tyrus aus meinen Weg über das alte Nazareth und erkundigte mich dort sorgfältigst nach dem guten Heilande Jesus. Man zeigte mir denn auch bald eine kleine Behausung ganz nahe bei der Stadt. Diese Behausung besuchte ich sogleich und fand darin einige recht fromme und biedere Zimmerleute, die mir ein Weib namens Maria als schon eine Witwe vorführten, die des von mir gesuchten Heilandes leibliche Mutter sei, die mir aber dennoch nicht zu sagen wußte, wo sich ihr Sohn Jesus in jener Zeit und auch jetzt aufhalte.
   02] Sie bat mich aber inständigst, daß ich ihn aufsuchen solle und, so ich ihn irgendwo träfe, sie davon benachrichtigen möchte, - was ich zu tun denn auch auf Treue und Ehre versprach. Sie und auch die Zimmerleute, die sich seine Brüder nannten, haben mir eine Menge Wunderdinge über Jesus, ihren Liebling, zu erzählen gewußt, wogegen aber auch ich ihnen das, was ich auf meinen Reisen von ihm erfahren, zu ihrer sichtlich großen Freude kundgegeben habe.
   03] Was jene Familie, die ich auch beschenkte, mir von dem lieben Heilande aussagte, stimmte ganz mit dem überein, was ich von dem Könige in Phrygia erfahren habe und, bevor ich noch nach Nazareth kam, auch schon zu Tyrus und in mehreren Orten an den Gestaden des Meeres.
   04] Jetzt also hängt es bloß noch von dem Umstande ab, daß dieser von dir, mein lieber Vater, gezeigte Wundermann eben der liebe Heiland Jesus aus Nazareth ist, an den ich den Brief bei mir habe, und ich habe dann auch mein Heil gefunden!«
   05] Hierauf verneigte sich Kado vor Mir und sagte: »Herr und großer Meister, sage es mir doch, ob du vollwahr eben der bist, an den ich den Brief bei mir habe!«
   06] Sagte Ich: »Frage zuerst diesen geheilten Bettler und dann auch alle diese Meine Jünger; denn diese alle sind Meine nun treuen Zeugen, und sie werden dir die Wahrheit sagen und sie dir nicht vorenthalten!«
   07] Der Bettler aber sagte mit vieler Freude: »O Kado, forsche nicht weiter; denn du hast den so eifrig Gesuchten schon gefunden! Dieser ist der liebe und gute Heiland Jesus aus Nazareth und als solcher ein Sohn Davids, wie ihn auch die alten Propheten und Väter schon seit langem zum voraus also benamset haben.«
   08] Als der Sohn solches von dem Bettler vernommen hatte, da erkundigte er sich nicht mehr weiter, sondern zog den Brief aus seinem Sacke hervor und übergab ihn Mir mit den Worten (Kado): »Herr und Meister, du bis schon, den ich gesucht habe! Vergib es mir aber, daß ich dich nun so lange mit meinen Reden und Erzählungen ermüden mochte!«
   09] Sagte Ich: »Ich wäre heute auch nicht hier, so Ich nicht gewußt hätte, daß du noch an diesem Abende, Mich suchend, hier eintreffen würdest. Nun aber mache dir's bequem, da du von der langen Reise etwas müde geworden bist; dann komme wieder, und wir werden uns dann über noch gar manches zu besprechen haben!«
   10] Der Sohn dankte Mir für diesen Bescheid und ging dann sogleich mit dem Vater und mit den Seinen in ein großes Nebenzimmer, wo er seine Kleider wechselte und seine bei sich tragenden Reiseeffekten in Ordnung brachte; denn alle die vielen andern Dinge und Schätze wurden von seinen Dienern und auch von denen seines Vaters in dem großen Nebenhause untergebracht und die vielen Lasttiere versorgt.
   11] Der Sohn kam denn mit den Seinen und mit dem Vater auch bald wieder zu Mir zurück und bat Mich, an Meinem Tische Platz nehmen zu dürfen, was Ich ihm auch allerfreundlichst sogleich gewährte. Freilich mußten sich dafür einige Meiner Jünger dazu bequemen, an einem andern Tische Platz zu nehmen, weil Mein Tisch nur ein mehr kleiner war; aber es machte das nichts, weil ein zweiter Tisch ohnehin nicht weit von Meinem entfernt war.
   12] Wir saßen nun ganz fröhlich beisammen, und Kado fragte Mich, ob Ich nun vor allem den Brief des Königs nicht öffnen und durchsehen möchte.
   13] Sagte Ich: »Freund, das hat bei Mir keine Not; denn Ich wußte schon lange eher um den Inhalt, als der König daran gedacht hatte, Mir einen Brief zu schreiben! Öffne aber du den Brief, und lies ihn auch den andern vor; denn es werden hier wenige sein, die der griechischen Sprache nicht kundig wären! Da ist der Brief, und du magst ihn lesen!«
   14] Sagte Kado: »O du lieber, guter Heiland, das wäre eine zu große Frechheit von mir; denn was dich allein angeht, das brauchen wir von dir nicht zu erfahren, und weil der Brief nur auf dich lautet, so brauchen wir seinen Inhalt auch nicht zu wissen. Daß aber jener König, der dich gar so überaus mächtig liebt und vor dir die höchste Achtung hat, im Briefe auch solche seine Gefühle nur niedergeschrieben hat, wie er sie vor mir laut ausgesprochen hat, das kann sich ein jeder von selbst denken, und somit stelle ich diesen wertvollsten Brief dir allerachtungsvoll wieder zurück.«
   15] Hier nahm Ich den Brief, übergab ihn dem Jünger Johannes mit dem Bedeuten, daß er ihn durchlesen und dann in Meinem Namen auch beantworten solle, was Johannes auch tat, weil er in der griechischen Schreibweise wohlbewandert war.
   16] Und schon am nächsten Tage sandte Kado das Antwortschreiben durch drei Boten an den König und schrieb auch selbst einen Brief eben auch an denselben König, worin er ihn benachrichtigte, wie er Mich gesucht und auch überbeglückt gefunden habe.
   17] Nachdem Ich aber den Brief dem Johannes übergeben hatte, fragte Ich den Kado, sagend: »Und nun, kannst du der andern wegen noch vor dem Nachtessen eine kleine Erzählung zum besten geben, was jener König so von Mir mit dir in der Hauptsache gesprochen hat?«
   18] Sagte Kado: »O du lieber, guter Heiland! So ich alles wiedergeben sollte, was Gutes und Erhabenstes jener König von dir zu mir geredet hat, da hätte ich wohl tagelang zu tun; aber so nur die Hauptsache davon berühren, wovon ich schon in meiner ersten Vorrede einiges vorbrachte, das wird uns keine große Zeit in Anspruch nehmen.
   19] Des Königs größte Sehnsucht wäre, dich, o Herr und Meister, samt allen deinen Jüngern und Freunden bei sich zu haben, und das nun darum um so mehr, da er aus sicheren Quellen vernommen habe, daß dich die Hauptjuden und ihre stolzen und höchst herrsch- und habsüchtigen Priester etwa alsosehr hassen und in ihrer unbegrenzten Blindheit und Tollwut dir sogar nach dem Leben trachten. Der König aber beherrsche ein gar friedliches Land und Volk, das dich bald erkennete und dich samt dem Könige vor lauter Liebe, Hochachtung und Dankbarkeit auf den Händen trüge. In seinem Lande wärest du vor jeder Verfolgung sicher und hättest Ruhe, wie etwa sonst vielleicht nirgends.
   20] So hat der König auch einen Sohn, der von Zeit zu Zeit mehr oder weniger kränkelt. Daß er ihn von dir als vollends geheilt haben möchte, das weißt du, lieber und guter Heiland, von selbst sicher am besten. So hat er sich auch zu mir einmal dahin sehnend geäußert, daß er wenigstens ein treues Bild von dir haben möchte und womöglich auch von einigen deiner vorzüglichsten Jünger. Und das ist nach meiner Ansicht schon auch so die Hauptsache der Wünsche des Königs, weil er darüber viel gesprochen hat. Herr und Meister, vergib es mir, so ich mich etwa hie und da plump und unziemlich ausgedrückt habe!«
   21] Sagte Ich: »Du hast hier, ganz kurz gefaßt, einen ganz überaus guten Vortrag gemacht, - und siehe, dasselbe, wennschon mit etwas anders gestellten Worten nach dem Briefschreibgebrauche, steht auch im Briefe, und vorzugsweise im gegenwärtigen das, wie und warum er Mich bei sich haben möchte! Mich freut gar sehr des Königs Wunsch, und Ich werde ihn, bevor von nun an ein volles Jahr vergehen wird, im Geiste und in der vollsten Wahrheit auch realisieren; aber es werden und müssen zuvor noch gar große Dinge geschehen, von denen ihm Mein Jünger schon eine Erwähnung tun wird. Der König wird dadurch denn auch sehr beruhigt und getröstet sein.«


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