Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 175. Kapitel: Jesus über Zweck und Bedeutung von Zeremonien.

   01] Sagte Ich: »O allerdings! Wer die Gesetze Mosis kennt und danach lebt und handelt und vollwahr und ernst im Herzen der nichtigen heidnischen Vielgötterei entsagt und also den nur einen wahren Gott über alles und seinen Nächsten, wie Ich das dir schon gezeigt habe, liebt, der ist auch schon ein vollkommener Jude und benötigt dazu keines Weiteren mehr.
   02] Was liegt da am Tempel zu Jerusalem, und was an aller leeren Zeremonie, die nur vor Meiner Ankunft einen vorbildlichen Sinn hatte und nun aber leer, eitel und sinnlos dasteht!
   03] Statt eines Enthebungsgeldes aber gedenket nur tatsächlich der Armen, und machet ein jegliches Unrecht gut, und ihr seid vor Mir und vor Gott mehr denn vollkommene Juden und werdet als solche auch den großen Teil (in großem Maße Anteil) an Meinem Reiche haben!
   04] So Ich euch aber das sage, da könnet ihr es Mir wohl glauben; denn der Gott, der dereinst auf Sinai zu Moses redete, der redet nun durch Mich zu euch! So Ich aber nun etwas als vor Mir recht und gültig erkläre, wer sollte euch dafür einen Gegenbeweis geben? - Hast du Mich verstanden?«
   05] Sagte der Wirt und auch voll Freude sein Sohn Kado: »Wer sollte das, was nach der reinsten Vernunft und nach dem schärfsten Verstande eines Menschen nur zu wahr ist, nicht verstehen? Wir danken dir auch für diesen Lichtbescheid!
   06] Da wir nun aber schon im Reden sind und im Fragen, so möchten wir von deiner Weisheit es erfahren, warum denn überhaupt je ein zeremonieller, sogenannter Gottesdienst eingeführt worden ist, und warum Gott solchen je zugelassen hat. Denn nach unserem Dafürhalten ist das eben stets der Grund zu allerlei Aberglauben, Vielgötterei, zum Götzentum und am Ende zur vollen Gottlosigkeit gewesen, wie wir an den Diogenischen Weltweisen ersehen. Wenn den Menschen gleich von Urbeginn an eine reine Gottes- und Menschenpflicht-Lehre gegeben worden wäre, so einfach und verständlich, wie du, o Herr und Meister, sie uns vorgetragen hast, so wäre ja sicher viel Unheil auf dieser Erde ausgeblieben.
   07] Moses ist unbestreitbar der reinste und wahrste Gotteslehrer und treueste Verkünder des Willens Gottes an die Menschen; aber ohne eine wenn auch noch so bedeutungsvolle Zeremonie ist auch seine Lehre nicht; und eben die Zeremonie ist nun der sichtliche Verfall des sonst so erhabenen Judentums, der mit der Zeit immer größer und größer wird. Warum wurde in der Vorzeit mit der Offenbarung einer Gotteslehre denn auch immer ein zeremonieller Kultus mit verkündet und auch zur Ausübung sogar streng anbefohlen?«
   08] Sagte Ich: »Freund, du hast nach der menschlichen Weise nun ganz gut geredet, und es ist im Urbeginne der Menschen auf dieser Erde ihnen die Gotteslehre auch ebenso rein gegeben worden, wie Ich sie euch nun gebe; aber die Menschen, die in der Natur der Dinge und Erscheinungen auf und über dieser Erde stets bei allem Geschehen und Werden allerlei eine vorangehende Zeremonie nur zu bald entdeckten, verfielen dadurch selbst bei allen ihren Handlungen auf eine denselben vorangehende Zeremonie und wendeten solche denn auch bei ihren Gottesverehrungen an.
   09] So erklärten sie, daß man Gott nur an gewissen reinen Orten anbeten und verehren solle; wer das nicht tue, der zeige, daß er vor Gott keine wahre Achtung und Ehrfurcht habe. Um solche Orte den Menschen um so ehrwürdiger zu machen, verrichtete man daselbst eine Art Opferdienst, im Anfange zwar unter wirklich reinen und vernünftig guten Absichten, da die Menschen daselbst für die von Gott erweckten Lehrer von dem Gewinn ihrer Arbeiten und ihres Fleißes einen kleinen Teil deshalb zu opfern hatten, damit die mit dem Unterrichte sich beschäftigenden Lehrer davon einen Lebensunterhalt hatten.
   10] Als sich die Menschen nach und nach auf der Erde mehr und mehr vermehrt und weiter und weiter ausgebreitet hatten, da vermehrten sich auch die Lehrer und ihre gottverehrlichen und von den Lehrern für rein und gotteswürdig erklärten Orte und Bet- und Opferanstalten, und als die Menschen denn auch durch ihren Fleiß reicher und wohlhabender geworden waren, so begnügten sie sich auch nicht mehr mit den nur als rein und gotteswürdig erklärten Orten, als da waren gewisse Hügel, Haine, reine Quellen und hie und da auch mit wohlriechenden Blumen angebaute Gärten, sondern erbauten ansehnlichere Hütten, später Häuser und Tempel, in denen die Lehrer das Volk belehrten, die ihnen dargebrachten Opfer annahmen und mit dem Volke allda auch zu Gott beteten mit Worten, Gebärden und auch mit Gesängen; was sie als besonders schön, herrlich und erhaben fanden, damit ehrten sie denn auch Gott als den Schöpfer solch herrlicher Dinge und weihten sie auch Ihm.
   11] Und siehe, so haben die Menschen selbst und besonders ihre stets reicher, aber auch stets hab- und herrschsüchtiger gewordenen Lehrer und Vorsteher nach und nach den zeremoniellen, wahrlich sogenannten Gottesdienst selbst erfunden und eingeführt, aus dem sich in der Folge nur zu bald ein wahres Götzentum erzeugt hat!
   12] Moses führte aber im Grunde keine Zeremonie ein, sondern erläuterte sie nur und stellte sie auf den alten und reinen Urzustand. Er zerstörte Bilder und Tempel, und nur eine Hütte war dazu bestimmt, in welcher sich die Lade befand, in der die Gesetze und Bücher Mosis und später auch die Schriften der anderen Propheten aufbewahrt waren nebst noch anderen an die Taten Gottes erinnernden Gegenständen.
   13] Moses aber hat nach der Weisung von Gott aus mit allem, was einer Zeremonie gleichsah, stets einen doppelten Zweck verbunden: Einer bestand darin, daß die Zeremonie in wohlentsprechender Weise alles das gleich einer Zeichenschrift darstellte, was unter Mir nun in der vollen Wirklichkeit geschieht und noch fürder geschehen wird; und zweitens verband er damit aber auch politische und für die Erhaltung der leiblichen Gesundheit und für diese Erdgegenden vollends heilsame Zwecke. Er zeichnete ihnen vor, was sie essen und trinken dürfen, und wie, wann und wie oft sie sich zu, waschen und zu reinigen haben, wie ihre Wohnhäuser gebaut und beschaffen sein und welche Bekleidung die Juden tragen sollten.
   14] Und so hatte denn auch die Beschneidung einen ähnlichen doppelten Zweck; denn erstens war dadurch einem jeden neugeborenen Juden ein Name gegeben, das Jahr und der Tag und sogar die Stunde seiner Geburt eingeschrieben in das große Beschneidungsbuch - was alles notwendig war -, und dem neugeborenen Juden ist dadurch die Verpflichtung auferlegt worden, sich zu einem vollkommenen Menschen auszubilden, Gott zu erkennen, an Ihn zu glauben, Ihn über alles zu achten und zu lieben und Seine - Gebote zu halten. Und siehe, das was der geistig-moralische Zweck der Beschneidung! Der andere Zweck aber war wieder ein staatlicher und so, auch ein auf die Gesundheit und Reinheit des Leibes Einfluß habender.
   15] Du hast nun ein leichtes, das ganz klar einzusehen, wie die alte sogenannte Zeremonie der Juden im Grunde keine gottesdienstliche, sondern nur eine den Menschen allein wohldienliche war; daß mit der Zeit auch sie in ein völliges Götzentum überging, das sieht nun schon ein jeder nur einigermaßen heller sehende und denkende Heide ein, geschweige ein reiner, von Gott erleuchteter Jude.
   16] Übrigens aber geschieht in dieser Welt schon alles unter einer gewissen Zeremonie, wie Ich das schon vorerwähnt habe. Die Zeremonie ist an und für sich zwar wertlos, geht aber dennoch stets einem jeden Hauptfaktum voran und begleitet dasselbe und folgt ihm auch als sein wertloser Schatten nach.
   17] Betrachte nur einmal so recht aufmerksam einen werdenden Tag! Der erste Vorbote des Tages ist ein Grauen im Osten und gewisse bekannte Sterne, die vor der Sonne über den Horizont emporsteigen. Dem ersten Tagesgrauen folgt bald eine hellere Morgendämmerung, dieser die Morgenröte und noch so manches mehrere. Alle diese Morgenvorangänge sind denn gewisserart doch auch Zeremonien, die an und für sich wahrlich keinen Wert haben, und schon gar keinen erst dann, wenn die Sonne vollends aufgegangen ist.
   18] Also ist nun allen Juden und auch den Heiden in Mir die geistige Sonne aufgegangen, und es können sonach alle die Mich zum voraus bezeichnenden und verkündenden, wenn an und für sich noch so sinnreichen Bilder. Dinge und Zeremonien fürs wahre Leben des Menschen keinen Wert mehr haben; denn am hellen Tage wird es doch keinem vernünftigen Menschen in den Sinn kommen, eine Nachtlampe anzuzünden, um etwa dem Tage ein noch stärkeres Licht zu verschaffen.
   19] Wie Ich dir aber nun gezeigt habe die Zeremonie des Tagwerdens, ohne dich auf die ähnliche vor der kommenden Nacht besonders aufmerksam zu machen, so kannst du die Vorgänge des kommenden Sommers oder des Herbstes, des Winters, wie auch des Frühlings als eine Zeremonie ansehen und ebenso auch die Vorgänge beim Werden zum Beispiel eines Fruchtbaumes und noch anderer Gewächse und Kreaturen auf dieser Erde; sie sind für Hervorbringung einer reifen und genießbaren Frucht zwar unumgänglich notwendig, aber der eigentliche Wert liegt am Ende doch nur in der reifen und guten Frucht.
   20] Und so ist es nun hier in der geistigen Lebenssphäre der Fall. Es gingen dieser Lichtzeit gar manche Zeremonien voran, die nun aber wertlos und eitel geworden sind, weil die Sonne des Lebens selbst aufgegangen ist und ein jeder nun die vollends reife Frucht vom Baume des Lebens nehmen kann und sich sättigen und stärken fürs ewige Leben der Seele. - So er aber das kann, wie sollte da für ihn all die vorangehende Zeremonie noch irgendeinen Lebenswert haben?
   21] Und so kannst du denn nun auch ein vollkommener und vor Mir gültiger Jude sein ohne die Beschneidung und ohne deren Entgelt. Denn wer am Tage wandelt, der braucht keine Morgendämmerung als irgend lebensnötig zu begrüßen, und wer von einem Baume schon die vollreifen Früchte eingeerntet vor sich hat, der hat sich doch auch wahrlich nicht mehr darum zu kümmern, wie der Baum Knospen getrieben und hernach geblüht hat, und ob er viel oder wenig Laub besaß. Denn die Hauptsache ist die Frucht; ist diese da, dann ist alles Vorangehende ohne Wert geworden.
   22] Ich meine nun, daß du und alle andern hier Anwesenden wohl werdet begriffen haben, wie die Zeremonie unter den Menschen entstanden ist, und welchen Wert sie in ihrer Reinheit hatte. Also aber werdet ihr nun auch begreifen, wie die Zeremonie nach und nach ausgeartet ist und nun keinen andern Wert hat und haben kann als der Schatten, der dem Wanderer folgt, so er nach der Richtung und nach dem Stande der Sonne seinen Lebensweg nimmt. - Habt ihr das nun alle wohl verstanden?«
   23] Sagten alle: »Ja, Herr und Meister; denn diesmal hast Du einmal wieder klar und offen geredet!«
   24] Dies betonten besonders die Jünger.
   25] Und Ich sagte darauf: »Darum lasset euch denn auch nicht mehr von irgendeiner Weltzeremonie gefangennehmen! Bleibet alle bei und in der Wahrheit; sie allein ist das Licht des Lebens und wird euch frei machen von jeglichem Wahne und Truge!«


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