Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 172. Kapitel: Ankunft des Wirtsohnes Kado.

   01] Als alles nun über Hals und Kopf beschäftigt war, da kam der Wirt wieder zu Mir, dankte Mir abermals für die erhaltene Kunde und sagte überfreundlich: »Herr und Meister, ich bin der zweite Blinde, den du nun auch sehend gemacht hast; denn ich fange nun an, die großen Schätze, die über alles erhaben sind, zu sehen und wohl zu begreifen, wie meinem Hause in dir das größte Heil widerfahren ist. Ja, wenn man diese Schätze betrachtet mit dem Herzen und Verstande, da sieht man wohl, wie gar nichts alle irdischen Schätze sind, und wie leer, wie ekelhaft! Aber was kann ein Mensch, der schon in aller Nacht und vollster Unwissenheit ohne sein Wollen und Wissen in diese Welt geboren worden ist, dafür, daß er das Wertloseste für kostbar hält und sich Tag und Nacht abmüht, um des Erdunrates große Haufen zusammenzubringen?
   02] Gebet dem Menschen nur schon von seiner Kindheit an ein rechtes Licht, und lehret ihn erkennen den wahren Gott und sich selbst, und er wird dann nicht nach Erdschätzen gieren, sondern nach den Schätzen des Lebens! Doch wo sind die Lehrer, die den Menschen das zu zeigen imstande wären, was ihnen am nötigsten wäre? Daher bitte ich dich, du lieber Herr und Meister, sende du Lehrer nach deiner Weise unter die Menschen, auf daß sie durch sie wahre Menschen werden!«
   03] Sagte Ich: »Nun hast du wohlgesprochen, und was du vor Mir als einen Wunsch ausgesprochen hast, das wird nun auch ins Werk gesetzt; aber mit einem Hiebe fällt kein Baum, und es gehört da wie zu allen großen und guten Werken Zeit und Geduld nach der ewigen Ordnung aus Gott. Ein jeder Mensch aber, so er die Wahrheit des Lebens für sich erkannt hat, kann und soll diese auch seinen Nebenmenschen mitteilen, und es wird dadurch leicht und bald lebenshelle unter den Menschen werden.
   04] Wer die von Mir dir gezeigten wahren Lebensgebote annehmen und sie auch treu beachten wird, der wird auch bald und leicht zum vollsten Lebenslicht kommen. Mehr brauche Ich dir nicht zu sagen; tue das, so wirst du das ewige Leben überkommen!
   05] Nun aber magst du mit deinen Leuten wohl nachsehen gehen bis zur Stelle, wo die alte und die neue Straße sich kreuzen! Sowie du dahin kommen wirst, da wird auch dein Sohn Kado dir entgegenkommen. Nimm aber eine Fackel mit dir, auf daß dich dein Sohn bald erkenne, und du auch ihn! Dann aber bringe ihn hierher; denn auch Ich habe mit ihm zu reden!«
   06] Nach diesen Worten verließ der Wirt eiligst das Gastzimmer und zog mit seinen Leuten und mehreren Nachbarn seinem ankommenden Sohn entgegen. Als er bald an die bezeichnete Stelle kam, da kam auch sein Kado, von einem Maultiere getragen, erkannte alsbald seinen Vater, und es war da des Umarmens und Liebkosens nahe kein Ende.
   07] Nach dem erst fing der Sohn an, den Vater zu fragen, wie er es denn erfahren habe, daß er nun ankommen werde.
   08] Da sagte der Vater: »Liebster Sohn, auf eine höchst wunderbare Weise! Doch kann ich dir nun das Weitere nicht erzählen; wenn du im Hause sein wirst, da wirst du auch all das Weitere wohl erfahren.«
   09] Darauf zogen sie alle behende in die Stadt und langten auch bald unter lautem Jubel bei uns an.
   10] Als der Sohn Kado mit seinem nur einen Weibe und seinen Kindern in unser Gastzimmer kam, da war sein erstes, sich zu erkundigen, welcher von den anwesenden Gästen es sei, der um seine Ankunft in Jericho gar so genau gewußt habe.
   11] Und der Vater führte ihn alsbald zu Mir hin und sagte: »Siehe, du mein geliebter Sohn, dieser Mann ist der Herr und der große Meister! Siehe aber auch unseren alten, dir noch wohlbekannten blinden Bettler an! Diesem hat der Herr und Meister das volle Augenlicht wiedergegeben und bediente sich dazu keines andern Mittels als nur seines Wortes und Willens. Was sagst du nun dazu, und was hältst du von einem solchen Menschen?«
   12] Der Sohn betrachtete bald Mich und bald wieder den nun vollkommen sehenden Bettler eine kleine Weile mit großer Aufmerksamkeit und sagte darauf: »Mein überaus geliebter Vater, ich werde mich gar nicht irren, wenn ich diesen Mann alsogleich für eben den halte und erkläre, von dem ich schon in Griechenland, in Kleinasien und sogar längs der asiatischen Gestade des großen Pontus gar viel Außerordentliches vernommen habe, und dessentwegen ich auch in Athen alles verkaufte und nach Palästina zog, um mir hier etwas anzukaufen und hauptsächlich aber, um mit dem großen Wundermanne persönliche Bekanntschaft zu machen, - und siehe nun, den ich vor allem suchen wollte, den finde ich nun nahe schon ganz sicher in unserem Hause!
   13] Du weißt es, lieber Vater, daß ich in der über vierzehn Jahre langen Zeit einen großen Handel trieb und mir dadurch auch große Reichtümer erworben habe. Daß ich dir aber nun schon über zwei Jahre lang von mir keine Nachricht habe geben können, davon lag der Grund darin, weil ich da meine Handelsgeschäfte in Kleinasien und am ganzen Pontus trieb, wo ich eben von dem Wundermanne so vieles gehört und mich dann auch bald entschlossen habe, alle meine Handelsgeschäfte samt den Häusern und andern Gütern einem Bruder dieses meines lieben Weibes zu verkaufen, hierher überzusiedeln und den berühmten Mann kennenzulernen.
   14] In der letzten Zeit, vor kaum einem halben Jahre, machte ich Handelsgeschäfte in Phrygia mit einem dortigen Könige namens Abgarus und teilte ihm denn auch so manches mit, was ich bei meinen großen Reisen zu Wasser und zu Lande alles erlebt habe. Unter anderm kamen wir denn auch auf unseren großen Wundermann (zu sprechen), und ich war nicht wenig erstaunt, als jener obbenannte König mir von dem Manne, den er als ein Gottwesen darstellte, mehr zu erzählen wußte als ich ihm und er mir sogar bei aller seiner Ehre versicherte, daß er ihn persönlich kenne und sein Freund sei. Er beschrieb mir auch des Wundermannes Gestalt und Kleidung, und dies stimmt mit dem, was ich nun an diesem wahren Gottesmanne gefunden habe, genau überein. Und eben das bestimmte mich denn ehedem auch zu sagen, daß er ganz sicher eben der Mann sein werde, dem zuliebe ich das getan habe, was ich dir zuvor kundgab.
   15] Nun aber kommt es noch auf etwas an; stimmt auch das noch überein, so habe ich das, was zu suchen ich hierher kam! Eben der vorbesagte König, dem ich die vollste Versicherung gab, daß ich ehest alles aufbieten werde, am den großen Wundermann selbst kennenzulernen, schrieb einen Brief unter der Aufschrift: »An den guten Heiland Jesus zu Nazareth in Galiläa« (vergl. J. Lorber: "Briefwechsel zwischen Jesus und Abgarus", König von Edessa). Diesen Brief habe ich bei mir und werde ihn sogleich vorweisen. Zuvor aber muß ich noch eines Umstandes, der mir nicht unwesentlich dünkt, erwähnen.«


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