Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 171. Kapitel: Wirt fragt Jesus nach seinem verschollenen Sohn.

   01] Darauf trat der Wirt zu Mir hin und fragte Mich, ob auch Ich etwas vernommen habe, was er mit dem Bürger von Jericho über Mich geurteilt habe!
   02] Sagte Ich: »Du möchtest nun auf eine feine Weise aus Mir herauslocken, was Ich so ganz eigentlich sei. Aber auf diese Art wirst du das Gewünschte von Mir nicht leichtlich erfahren; denn wer Mich versuchen will, der hält sich selbst für einen Narren! Weiß ich doch um gar alles, was du seit deiner Geburt getan hast, wie du von der Insel Patmos hierher gekommen und wie du reich geworden bist; und also auch weiß Ich um dein ganzes Hauswesen, um deine Familie, und so werde Ich auch wohl darum wissen, was du und der andere Bürger über Mich geurteilt habt!«
   03] Sagte darauf der Wirt: »Herr und Meister, daß du eine Art Allwissenheit besitzest, das habe ich gleich anfangs bemerkt; aber ich habe schon zu öfteren Malen mit derlei orakelhaften Menschen zu tun gehabt, die mir auch Dinge, um die nur ich und die Götter wissen konnten, offen aufgedeckt haben, und es wundert mich deshalb jetzt deine weissagende Fähigkeit nicht so sehr, weil derlei schon, wie gesagt, zu öfteren Malen da war. Aber ganz etwas anderes ist die Heilung des blinden Bettlers; das ist meines Wissens noch nie dagewesen und auch noch nie erhört worden! Aus dem kann ich schon für mich nun auch den Schluß machen, den ehedem der Bürger gemacht hat, und kann da die Worte eines unserer alten Weisen in gute Anwendung bringen.
   04] Die Worte aber lauten: »Es bestehet kein großer und wahrhaft weiser Mann ohne einen göttlichen Anhauch.« Und du aber scheinst mir von einem Gott am meisten angehaucht zu sein, darum du auch solche Dinge zu bewirken imstande bist, die nur einem Gott möglich sein können. Und weil das bei dir ganz unbestreitbar der Fall ist, so kannst du auch ganz gut der den Juden verheißene Messias sein, welcher Meinung auch der Bürger, der auch mein Nachbar ist, zu sein mir unverhohlen einbekennet (eingestanden, bekannt hat) hat. Bist du aber das, so ist es für uns Heiden denn auch hoch an der Zeit, unser altfabelhaftes Götterwesen über Bord zu werfen und uns zu der Lehre der Juden zu kehren!
   05] Bist du aber das, für was ich und mein Nachbar dich halten, so ist deine Allwissenheit mehr als wohl erklärbar, und du wirst auch ganz sicher und bestimmt sagen können, wo sich nun mein ältester Sohn befindet, wie es ihm geht, und was er macht; denn ich möchte das nun um so mehr und ganz bestimmt wissen, indem nun schon zwei volle Jahre verflossen sind, ohne daß mir eine Kunde von ihm selbst oder von jemand anderm über ihn zugekommen wäre. Kannst und willst du mir diesen Gefallen erweisen, so sollst du und alle deine Gefährten durch drei volle Tage in meinem Hause umsonst auf das köstlichste bewirtet werden!«
   06] Sagte Ich, gleichsam zu den Jüngern Mich wendend: »Es ist doch sonderbar, - nur ein Zeichen wirkte Ich, und schon sind die Heiden zu der Mutmaßung gelangt, daß Ich der Messias sei! Wie viele Zeichen aber habe Ich daheim in Galiläa und in Jerusalem gewirkt, und wie wenige glauben an Mich, und wie viele sind Mir feind! Darum wird denn auch das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden, wie Ich euch das schon zu mehreren Malen gesagt habe.«
   07] Hierauf erst wandte Ich Mich an den Wirt und sagte: »Du wolltest von Mir erfahren, wo sich dein ältester Sohn Kado befindet, was er macht, und wie es ihm geht? Dafür willst du uns durch drei Tage umsonst bewirten! Aber wir bleiben nicht drei Tage hier, und so wirst du dein Versprechen auch nicht halten können. Und wolltest du Mich dafür etwa mit Geld belohnen, so würde Ich wahrlich keines annehmen, - und für das, was du Mir heute tust, wirst du schon die volle Vergeltung überkommen! Und so weiß Ich nun nicht, aus welchem Grunde Ich dir den gewünschten Gefallen erweisen sollte! Wie Ich aber um den Namen deines Sohnes weiß, so weiß Ich auch sicher um alles andere, was ihn betrifft; doch unter den von dir Mir gemachten Bedingungen sage Ich es dir nicht!«
   08] Sagte der Wirt: »Herr und Meister, so mache du mir Bedingungen, unter denen, so ich sie erfülle, du mir wollest das Gewünschte offenbaren!«
   09] Sagte Ich: »Gut, das läßt sich hören! Siehe, du hast große Schätze und Reichtümer, die du eben nicht auf die vor Mir allein gültig gerechte Weise erworben hast! Die Gesetze der Weltrichter können dich freilich nicht verdammen, weil du dich vor ihnen nach ihrem Buchstabensinne, der von euren Rechtsgelehrten aber auch sehr verschieden gedeutet werden kann, gar wohl rechtfertigen kannst; aber vor Meinem Richterstuhle würdest du mit allen deinen Rechtfertigungen nicht bestehen!
   10] Meine Gesetze aber lauten: Liebe den nur einen, wahren und lebendigen Gott über alles und deine Nächsten und Mitmenschen wie dich selbst! Was du nicht willst, daß sie dir täten, das tue du auch ihnen nicht; was du aber wünschest, daß es deine Mitmenschen dir tun möchten, das tue du auch ihnen!
   11] So dich jemand einmal arg betrogen hätte, du aber konntest ihm nach dem Wortlaute eurer Gesetze nichts anhaben, weil er offen mit dir verkehrt hatte, er aber wußte deine Schwäche zu benutzen auf dem gesetzlichen Wege und hat dich durch den abgeschlossenen Handel, Kauf oder Verkauf um tausend Pfunde betrogen - was dir um so unangenehmer war, weil du ihn darum bei keinem Richter belangen konntest, da ein jeder dir den Bescheid - Volenti non fit iniuria (Dem Wollenden geschieht kein Unrecht.) gegeben hätte -, was würdest du zu dem, der dich betrogen hat, sagen, so er zu dir käme und sagte: »Freund, ich bin zwar in allem meinem Tun und Handeln von den Gesetzen geschützt, und du kannst mir nirgends zu, - aber ich bin ein rechter Mensch geworden und bin nun gekommen, um dir alles zu ersetzen, um was ich dich je betrogen habe!«, und er stellte dir sodann die tausend Pfunde zurück und bezahlte dir dazu auch noch die Zinsen, die dir sonst deine tausend Pfunde getragen hätten, so du sie besessen hättest? Sage es Mir, wie du solch eine Handlung aufnehmen würdest!«
   12] Sagte der Wirt: »Herr und Meister, sicher auf das beste von der Welt, und ich würde solch einen Menschen auch loben und rühmen vor aller Welt und würde sein bester Freund sein!«
   13] Sagte Ich: »So gehe du hin und tue selbst desgleichen, und du wirst dir alle, die nun geheim deine Feinde sind, zu wahren Freunden machen! Und siehe, in dem bestehen die Bedingungen, unter denen, so du sie wahr und ernstlich erfüllen willst. Ich dir auch deinen Wunsch erfüllen werde!«
   14] Sagte nun der Wirt: »Herr und Meister, so wahr ich lebe, und so wahr ich dich nun auch als den ansehe und bekenne, der du nach den Weissagungen eurer Propheten sicher bist, so wahr auch will und werde ich die von dir mir nun gestellten Bedingungen erfüllen; aber sage du mir nun, wie es mit meinem ältesten Sohne steht, der allzeit mein Liebling war!«
   15] Sagte Ich: »Gut denn also; dieweil Ich nun in deinem Herzen lese, daß du das auch tun wirst, was du Mir nun gelobt hast, so will Ich dir wohl sagen, daß dein Sohn Kado nach einer Stunde mit seinem Weibe und drei Kindern und auch mit einem großen Gefolge hier ankommen wird, und er wird dir dann selbst erzählen, wie er sich befindet, und was er alles getan hat. Du aber kannst nun durch deine vielen Diener Vorkehrungen treffen, damit dein Sohn in einem deiner zehn Häuser mit all dem vielen, das er mit sich bringen wird, wohl untergebracht werden kann! So du Mir glaubst, dann tue auch das, was Ich dir nun angeraten habe!«
   16] Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da konnte er sich vor lauter Freude nicht schnell genug fassen und dankte Mir zuerst für das Mitgeteilte; dann befahl er sogleich seinen Dienern, das zu tun, was Ich ihm angeraten hatte, und es ward denn auch auf einmal sehr lebendig im Hause, und auch im nächsten anstoßenden Hause.
   17] Als nun alles vollauf tätig war, berief er auch sein Weib und seine drei älteren Töchter, die mit ihren Gehilfinnen die Küche zu besorgen hatten, und sagte (der Wirt): »In einer Stunde schon kommt unser Kado an mit großem Gefolge, darum bietet nun alles auf, damit für ihn alles in der besten Art bereitet sei, so er ankommt! In dieser Nacht soll hier ein großes Gastmahl bereitet und verzehrt werden, und ihr alle sollet Teil daran nehmen!«.
   18] Hierauf ward es denn auch in der Küche gleich sehr lebendig.


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