Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 155. Kapitel: Essäer klagen Jesus ihre Not.

   01] Wir betrachteten nun ganz ruhig und wie gewöhnlich die mannigfachen Szenen des Morgens; mehrere Jünger aber besprachen sich über die Wundertatsgaben an die zehn Römer und beneideten sie heimlich darum.
   02] Währenddem aber brachte ein Diener des Lazarus eben auch schon die drei aus Jerusalem angekommenen Essäer zu Mir auf den Hügel, stellte sie zuerst dem Lazarus vor, und dieser brachte sie dann erst vor Mich hin.
   03] Ich fragte sie sogleich, was da ihr Anliegen wäre, damit sie sich vor Zeugen desselben entäußern konnten; denn Ich wußte für Mich sicher schon lange, warum sie Mich gesucht hatten, und warum sie zu Mir nun gekommen waren.
   04] Da verneigten sich alle drei tief vor Mir, und einer sagte: »Herr und Meister, vor mehreren Monden Zeit waren Abgesandte von uns auch zu Dir gekommen und hatten von Dir Weisungen überkommen, wie wir in unserem nun in allgemeinem und großem Ansehen stehenden Institute uns auf dem Wege der alleinigen Wahrheit wirkend verhalten sollen, ansonst wir in Kürze der Zeiten erleben würden, daß alles Unheil über uns hereinbrechen werde. Wir taten das denn auch also, wie es uns die etlichen zurückgekehrten Abgesandten als Deinen Willen eindringlich bekanntgemacht haben, und wirkten seitdem auch nicht ein falsches Wunder mehr, indem uns die Abgesandten von Dir aus die volle Zusicherung gaben, daß wir, so wir selbst genau nach Deiner Lehre zu leben und zu handeln anfangen und ernstlichst dabei verbleiben würden, in Deinem Namen, wo es nötig sein wird, schon ohnehin die größten und wahrsten Zeichen werden zu bewerkstelligen imstande sein.
   05] Aber wir sind nun dadurch in eine vielseitige wahre Not versunken und wissen uns nicht zu raten und noch weniger zu helfen; denn erstens kommen nun Tag für Tag aus allen Gegenden der Erde allerlei Menschen, und viele bringen uns eine Menge verstorbener Kinder zum Wiederbeleben und heulen und klagen ganz entsetzlich, so wir die Kinder zur Wiederbelebung nicht annehmen, wofür sie uns mit Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen nahezu überschütten wollen. Alle noch so guten Gründe, die wir ihnen darstellen, warum wir derart Wunder nicht mehr wirken dürfen und wollen, bleiben fruchtlos, und wir sind unserer Ruhe und Sicherheit wegen genötigt, die toten Kinder zu übernehmen, deren wir nun seit vier Monden Zeit wenigstens bei fünfhundert zählen.
   06] Bis wir nach unserer alten Art diese Kinder von verschiedenem Alter wieder beleben werden, werden wohl mehrere Jahre erforderlich sein, besonders so noch wöchentlich eins und oft zwei bis drei dazukommen. Wir versuchten wohl, in Deinem Namen diese Toten wieder ins Leben zurückzurufen: aber es geschah kein Wunder, und wir mußten für diesmal wieder zu unserer alten Art zurückkehren.
   07] Das ist nun, wie bemerkt, der erste Grad unserer Not; der zweite und noch ärgere aber besteht darin daß wir nun, da wir nach Deiner Lehre zu wirken und zu handeln angefangen haben, viel zuwenig Kinder für den Austausch in unseren Kinderzuchtanstalten mehr besitzen, indem wir sie nach Deinem Worte, als der höchsten Lebenswahrheit zuliebe, samt ihren Müttern und Ammen für eine bessere Bestimmung aus den Anstalten entlassen haben, dafür Sorge tragend, daß sie an der nötigen Versorgung keinen Mangel leiden sollen. Wir gaben den vielen Müttern und Ammen Geld und andere Schätze und entließen sie, indem wir ihnen für solch unser neues Gebaren natürlich einen rechten und für sie begreiflichen Grund mitteilten.
   08] Das ist geschehen, und zwar auf eine gute Art; aber woher nun in der Kürze in unserer Not andere Kinder hernehmen, und wie dabei dennoch in Deiner Lehre, von deren Wahrheit wir durchdrungen sind, verharren? Herr! Du siehst daraus, wie auch alle Deine Jünger, in welch einer großen Verlegenheit wir uns nun befinden! Wie sollen, wie können wir den uns von allen Seiten her drohenden Gefahren entrinnen?
   09] Herr und Meister, wenn Du uns da nicht auf eine wunderbare Weise hilfst, so gehen wir alle in Kürze zugrunde! Wir haben auch alle die Menschenwiederbelebungsfeste eingestellt und alle die anderen Zaubereien; aber die Menschen kommen dennoch von weit und breit und suchen bei uns Rat und Hilfe. Wenige nur begnügen sich mit der puren Belehrung, die meisten wollen Taten, wie wir sie früher gewirkt haben, - und das wollen wir nicht, weil wir es uns einmal fest und ernst vorgenommen haben, streng und so, rein als möglich nach Deiner Lehre zu leben und zu handeln.
   10] Ah, es ist also nun wohl schwer, ein rechter Mensch in der Welt zu sein, wenn man einerseits mit der riesenhaft großen Blindheit der Menschen, die von der Wahrheit auch nicht die blasseste Idee haben, und anderseits bei sich mit der sonnenklarsten und lebendigsten Wahrheit zu tun und wahrhaft zu kämpfen hat! Ich will nichts reden von den materiellen Verlusten, die uns nun bei unserem Streben nach der reinen Wahrheit zuteil werden, denn wir haben des materiellen Vermögens noch zur Übergenüge; aber die andern Verlegenheiten, in die wir nun von Tag zu Tag immer mehr und mehr geraten, machen uns nun gänzlich ratlos. Herr und Meister, wir bitten Dich nun inständigst um Rat und um eine wahre Hilfe!«


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